Der kontrollierte Ausnahmezustand
Im Säuliamt bleibt die Fasnacht ein lebendiger Teil der regionalen Kultur

Masken, Guggenmusik, Umzüge und Bälle bestimmen die Fasnacht, die in der Region zu den ältesten Volksbräuchen gehört. «Die Fasnacht gibt es schon lange in Affoltern», sagt Pascal Stössel, Präsident der Säuligugger, einer Guggenmusik aus Affoltern. «Besonders gut erinnere ich mich an den Umzug, der einst durch Affoltern zog – damals war ich noch ein kleines Kind.» Organisiert wird das närrische Treiben bis heute vor allem von Guggenmusiken, Vereinen und engagierten Gruppierungen aus der Region.
Stiller Winter versus laute Fasnacht
Traditionsgemäss beginnt die Fasnacht auch im Säuliamt am 11. November um 11.11 Uhr bei der Migros in Affoltern. «Seit einiger Zeit stossen auch die Guggenmusikerinnen und -musiker der Vollgashöckler aus Hedingen dazu, was den Auftakt zusätzlich belebt», erklärt Stössel. Danach kehrt vorerst Ruhe ein – bis im Januar/Februar die eigentliche Fasnachtszeit startet.
«Den offiziellen Beginn markieren die Kinderfasnacht und der anschliessende Füürball in Obfelden», ergänzt Remke Otte von den Vollgashöcklern. «Beendet wird die Saison traditionell mit dem Maskenball in Zwillikon.» Dazwischen reiht sich ein vielfältiges Programm: die Vollgas-Party, der Umzug, die Kinderfasnacht und der Höckler Ball in Hedingen, die Säuliguggernacht in Kappel, Maskenbälle in Maschwanden, der Uerzliker Umzug sowie die Uslumpete in Kappel. «Besonders erfreulich ist die Wiederbelebung mehrerer Kinderfasnachten in Aeugst, Bonstetten, Ottenbach und Knonau», sagt Otte. Publikumsmagnete bleiben der Uerzliker Umzug sowie die Veranstaltungen in Kappel und Hedingen.
Zwischen Verbot und Wiederbelebung
Die Fasnacht, auch Fastnacht genannt, bezeichnet die Zeit unmittelbar vor der christlichen Fastenzeit. Der Name leitet sich vermutlich vom mittelhochdeutschen «vastnacht» ab – dem «Abend vor dem Fasten». Erste Hinweise auf Fasnachtsaktivitäten im Säuliamt reichen bis ins späte 14. Jahrhundert zurück.
Mit der Reformation im 16. Jahrhundert geriet der Brauch unter Druck. Als «papistisches Treiben» diffamiert, wurde die Fasnacht im reformierten Zürich zeitweise sogar verboten. Erst im 19. Jahrhundert kam es in vielen Regionen der Schweiz zu einer Wiederbelebung – auch im Säuliamt.
«Früher verkleideten sich vor allem Kinder – heute ist die Fasnacht für alle da», sagt Remke Otte. Selbst gemachte Kostüme gehörten schon immer dazu. «Während früher Holz, Stoffreste und Naturmaterialien verwendet wurden, kommen heute vermehrt Kunstfasern zum Einsatz.»
Auch der Charakter des Anlasses hat sich gewandelt. Früher war die Fasnacht oft ausschweifender und grenzüberschreitender – sie galt als letzte Gelegenheit, vor der strengen Fastenzeit ausgiebig zu feiern. Heute ist das närrische Treiben stärker reglementiert – Bewilligungen, Sicherheitsauflagen und Sponsoring prägen heute viele Anlässe. Der Ausnahmezustand bleibt, aber er ist kontrollierter.
Beständigkeit trotz Veränderung
Früher war die Fasnacht eines der wenigen grossen Ereignisse im Dorf – besonders im Winter eine willkommene Abwechslung zum arbeitsarmen Alltag auf den Feldern. «Jung und Alt kamen zusammen, das stärkte den sozialen Zusammenhalt», so Stössel. Heute habe diese Rolle an Bedeutung verloren, meint er. «Im Säuliamt ist die Fasnacht eher rückläufig, während sie andernorts weiterhin stark verankert ist.» Von einem Verschwinden könne jedoch keine Rede sein.
Verschwunden sind im Laufe der Zeit verschiedene Fasnachtsveranstaltungen (siehe Box). Geblieben sind Guggenmusik, Maskenbälle, Umzüge und verschiedene regionale Anlässe – sie bilden bis heute das Herz der Säuliämtler Fasnacht. Bewusst grenzt sich diese von grossen, stark kommerzialisierten Anlässen ab. Im Zentrum stehen Gemeinschaft, Ehrenamt und Generationenvielfalt.
Auch inhaltlich bleibt die regionale Fasnacht lebendig. «Satire und politische Botschaften gehören weiterhin dazu – etwa in Schnitzelbänken oder auf Umzugswagen», betont Stössel. Gesellschaftliche und politische Themen werden pointiert aufgegriffen. «Diese Tradition wird akzeptiert und geschätzt, auch wenn Umfang und Sichtbarkeit einzelner Anlässe schwanken.»
Nachwuchs gesucht – Zukunft offen
Für viele Aktive wie Pascal Stössel und Remke Otte ist die Fasnacht fester Bestandteil der lokalen Kultur. Für die breite Bevölkerung bleibt sie hingegen oft ein punktuelles Ereignis im Jahreskalender. Eine zentrale Herausforderung bleibt der Nachwuchs. «Wir suchen ständig neue, motivierte Musikantinnen und Musikanten», sagt Stössel.
Hinzu kommen steigende Auflagen der Gemeinden und Behörden. «Sie verursachen Mehraufwand und nehmen vielen die Lust am Organisieren», weiss Otte aus Erfahrung. Gleichzeitig übernehmen immer weniger Gruppierungen Verantwortung für Anlässe. «Der Mitgliederschwund in Vereinen – verstärkt durch den demografischen Wandel, veränderte Freizeitgewohnheiten und die Folgen der Pandemie – verschärft die Situation.»
Die grösste Aufgabe besteht wohl darin, Tradition an die modernen Gegebenheiten anzupassen, ohne den Charakter der Fasnacht zu verlieren. Solange Gemeinschaft, Engagement und Freude am Närrischen bleiben, hat die Fasnacht im Säuliamt eine Zukunft.
Verschwunden sind …
Die Liste der verschwundenen Anlässe zeigt, wie sich die Fasnacht im Säuliamt verändert hat:
die Fasnachtszeitung «Klatschbäsi»,
die Beizenfasnachten in allen Gemeinden des Bezirks Affoltern,
der Kinderumzug mit anschliessenden Anlässen in Affoltern am Fasnachtsmontag,
der traditionelle Maskenball im Casino Affoltern,
die Böögenzunft Affoltern am Albis,
das Wagenrennen mit anschliessendem Risottoessen und Umzug in Ottenbach,
der Turnerball und Rössliball in Mettmenstetten,
der Turnerball in Ottenbach,
der Ball in der Gerbi in Maschwanden
sowie drei Guggenmusiken im Säuliamt: Türmlischränzer Wettswil, Ottebeach-Gambler Ottenbach und die Güggel-Gugger Ottenbach.


