Von den Herausforderungen des selbstbestimmten Sterbens

Öffentliches Referat des Theologen Heinz Rüegger in der Senevita Obstgarten in Affoltern

Heinz Rüegger formulierte Fakten rund um Art und Zeitpunkt des selbstbestimmten Sterbens ehrlich, offen und lebhaft. (Bilder Regula Zellweger)

Heinz Rüegger formulierte Fakten rund um Art und Zeitpunkt des selbstbestimmten Sterbens ehrlich, offen und lebhaft. (Bilder Regula Zellweger)

Monica Heinzer führte feinfühlig durch den Abend mit dem Thema, das leider zu wenig oft bewusst ist.

Monica Heinzer führte feinfühlig durch den Abend mit dem Thema, das leider zu wenig oft bewusst ist.

Ursprünglich lautete der ausgeschriebene Titel des Vortrags «Die Herausforderung eines assistierten Suizids für das soziale Umfeld». Referent Heinz Rüegger Theologe, Ethiker und Gerontologe, war es ein Anliegen, das Thema auf «Die Herausforderungen des selbstbestimmten Sterbens» auszuweiten. Der assistierte Suizid ist eine von vier Möglichkeiten, das Leben selbstbestimmt zu beenden: erstens passive Sterbehilfe, beispielsweise der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen; zweitens Sterbefasten, also der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit; drittens assistierter Suizid, beispielsweise mit Exit, und viertens den solitären Suizid, die vorsätzliche Beendigung des eigenen Lebens.

Mit der Klärung der Begriffe wollte er aufzeigen, dass beispielsweise der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen – auch passive Sterbehilfe – genannt, in unserer Gesellschaft längst Realität ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 sollen 58,7 Prozent der medizinisch begleiteten Sterbeprozesse in der Schweiz sogenannte «End-of-Life-Decisions», also Lebensende-Entscheidungen, vorausgehen.

Heinz Rüegger legte in seinem Vortrag am vergangenen Dienstag in der Senevita Obstgarten Altersresidenz in Affoltern den Fokus auf das Sterben als Teil des Lebens und bezog klar Stellung zur aktuellen Situation: «Selbstbestimmtes Sterben ist zum Normalfall des Sterbens unter den Bedingungen der heutigen Medizin geworden.»

Gemeinsam mit dem Palliativmediziner Roland Kunz hat Rüegger das Buch «Über selbstbestimmtes Sterben – Zwischen Freiheit, Verantwortung und Überforderung» herausgegeben.

Haltung der Senevita AG

Monica Heinzer, Geschäftsführerin der Senevita Obstgarten in Affoltern, initiierte, organisierte und moderierte den Anlass für die Öffentlichkeit. In klaren Worten umschrieb sie die Haltung der Senevita Altersresidenzen generell: «Senevita legt grossen Wert auf frühzeitige Gespräche über Sterben und Tod sowie auf die Dokumentation der individuellen Wünsche der Bewohnenden, beispielsweise in Form einer Patientenverfügung.

Grundsätzlich gehört die Beihilfe zum Suizid nicht zum pflegerisch-betreuerischen Auftrag; Senevita vertritt eine lebensbejahende Haltung und setzt konsequent auf Palliative Care, Suizidprävention und interdisziplinäre Unterstützung.

Gleichzeitig respektiert Senevita die Selbstbestimmung der Bewohnenden: Ein begleiteter Suizid mit einer externen Sterbeorganisation wird – unter Wahrung der kantonalen Regelungen – toleriert, jedoch nicht aktiv begleitet.»

Art und Zeitpunkt selbst entscheiden

Heinz Rüegger zeigte auf, wie sich die Haltung zum Sterben in den letzten Jahrzehnten massiv verändert hat. «Nicht die Natur, das Schicksal oder Gott entscheiden über den Todeszeitpunkt, sondern meistens wir selbst.» Die juristische Lage ist klar: In der Schweiz gilt für alle das Recht, «über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens zu entscheiden».

Zudem haben die Menschen auch das Recht, ihre Meinung immer wieder zu ändern, denn Ambivalenz gehört zur Frage des eigenen Todes. Die Haltung zum Sterben ist noch immer geprägt von alten, verurteilenden Glaubenssätzen, beispielsweise die «Sünde» des Selbstmords in der katholischen Kirche. Aus der historischen Entwicklung ist verständlich, dass ungute Gefühle einen beim Gedanken an den assistierten Suizid eines Menschen beschleichen, dass Fragen verunsichern: «Ist das jetzt normal, dass man selbst entscheidet, wann man wie sterben will» oder «Müsste man Menschen nicht vom Suizid abhalten?» Heinz Rüegger plädierte für den Respekt, auch Andersdenkenden gegenüber: «Es gehört zum elementaren Respekt, den wir einander schulden, auch wenn wir deren Haltung aus unserer eigenen Sicht nicht gutheissen. Solchen Respekt muss man immer wieder bewusst einüben und praktizieren.»

Bewusster, respektvoller Umgang

Wie denkt Monica Heinzer darüber? «Es liegt nicht an mir, über den persönlichen Entscheid eines Menschen zu urteilen, der sich dazu entschieden hat, aus dem Leben zu scheiden.» In komplexen Situationen zieht man bei Senevita externe Zusammenarbeitspartner wie Palliative-Care-Zentren, die Onkologie oder Ethik-Teams hinzu. «Aber wir respektieren die individuellen Bedürfnisse und Wünsche unserer Bewohnerinnen und Bewohner und gewährleisten die grösstmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit. Gespräche mit Sterbehilfeorganisationen sind – auf Wunsch der Bewohnenden – möglich, die Mitarbeitenden von Senevita sind jedoch weder am Entscheidungs- noch am Durchführungsprozess beteiligt.»

Monica Heinzer und Heinz Rüegger betonen beide die Notwendigkeit, sich in jedem Lebensalter mit dem Tod – auch dem eigenen – zu befassen sowie mit Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag, Anordnung für den Todesfall und Testament Angehörigen schwierige Entscheide zu erleichtern.

Grosse Herausforderungen

Im Anschluss stand der Referent für Fragen offen. In bewundernswert offener Haltung nahm er ehrlich Stellung. Eine Frage, die bewegt: Wie steht es um den Sterbewunsch bei Demenz oder bei psychisch bedingtem Sterbewunsch? Detailliert nahm er zur Schwierigkeit für demente Patienten, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, beziehungsweise ihn nicht zu verpassen. In einem Interview äusserte er sich einmal zur Thematik «psychische Krankheiten»: «Ich persönlich finde den Alterssuizid auch ohne schwere Gebrechen legitim. Es geht darum, den Punkt zu erkennen, an dem man das Leben loslassen will.»

Die Freiheit zur Selbstbestimmung im Blick auf das Sterben bedeutet generell einen Gewinn an Freiheit, kann aber auch als Überforderung empfunden werden. Es gilt, sich darüber Gedanken zu machen, unter welchen Bedingungen man auf Lebensverlängerung verzichten und den Tod bewusst zulassen will. Vor allem aber gilt es, sich mit nahestehenden Menschen sowie mit Vertrauenspersonen oder Fachpersonen über den eigenen Tod zu unterhalten und seinen Willen verständlich kundzutun. Denn Sterben ist auch eine systemische Angelegenheit. Nicht selten bleiben beispielsweise Angehörige nach einem selbstbestimmten Tod mit Fragen oder gar Gewissensbissen zurück. Man muss sich bewusst machen: Es geht nicht ums Zustimmen oder Ablehnen, es geht darum, persönliche Entscheide von Mitmenschen zu respektieren – und nicht darum, eigene Moral oder Werte anderen überstülpen zu wollen.

Tatsache ist, dass heute selbstbestimmtes Sterben sehr oft normal ist. Dies muss von vielen erst gelernt werden, denn es ist noch immer neu in der Menschheitsgeschichte, entspricht aber dem Wunsch nach grösstmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit, und damit auch der Eigenverantwortung.

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