Legenden sollten Machtansprüche sichern
Denkmäler im Bezirk Affoltern (7): Gedenkstein Burg Sellenbüren
Der Aufstieg zum Gedenkstein ist steil, unterwegs sorgt ein umgestürzter Baum für ein zusätzliches Hindernis. Von der Büelstrasse sind gemäss der Karte von search.ch 544 Meter und 97 Höhenmeter zu bewältigen bis zum Ofengüpf auf 691 Meter über Meer. Dies wäre weniger spektakulär, wenn nicht archäologische Funde nachweisen würden, dass Ritterrüstungen und Pferde die hoch über Sellenbüren gelegene Holzburg erreicht hatten.
Archäologische Erkenntnisse
Die Burg Sellenbüren lässt sich dank Grabungen in den Jahren 1950 und 1951 recht gut beschreiben. Zu verdanken sind sie der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, die den Ofengüpf zu diesem Zweck erworben hatte. Vor Ort sind keine Fundstücke mehr vorhanden, diese liegen alle gesichert im Landesmuseum.
Anstelle eines Turmes diente der – vermutlich aufgeschüttete – Ofengüpf als Aussichtspunkt, um die Untertanen in Sellenbüren zu überwachen, ebenso die Reppischtalstrasse und den Weg nach Bonstetten. Von hier aus konnten wohl auch Feuerzeichen mit den Burgen von zwei Verwandten, Heinrich von Bonstetten und Eglof von Gamlikon, ausgetauscht werden. Südlich des Güpfs befanden sich das Gesindehaus, der Stall, die Feuerstelle und die Zisterne. Nördlich davon stand das Herrenhaus, das über ein steinernes Fundament verfügte, nicht aber über eine Feuerstelle und somit über keine Möglichkeit, sich im Winter aufzuwärmen. Verbunden waren die beiden Teile der Burg mit einem aus Steinplatten gebauten, schmalen Weg, was im steilen Gelände – vor allem bei Regen – den Gang vom Herrenhaus zur Feuerstelle wesentlich erleichterte. Gebaut wurde die Burg um 1075, geräumt um 1125. Sie wurde in diesem halben Jahrhundert nie erobert. Dies wäre sehr schwierig gewesen, viel eher hätte eine Belagerung die Besatzung verhungern und – in Ermangelung einer Quelle – verdursten lassen.
Der Stifter des Klosters Engelberg, Konrad von Sellenbüren, ist zwar zu Lebzeiten nur von drei gefälschten Dokumenten belegt, die allerdings im Kern zutreffen: Konrad existierte real, sein Todesdatum, gemäss den Annalen des Klosters Engelberg am 2. Mai 1126, erscheint plausibel. Erwähnt wird sodann ein Heinrich von Sellenbüren in einer im Original nicht erhaltenen Urkunde des Klosters Muri, die zwischen 1109 und 1119 ausgestellt worden sein dürfte. Um diese wenigen Hinweise über die Burg Sellenbüren und ihre Bewohner herum rankten sich Legenden.
Der sagenhafte Reginbert
Legenden entstanden in der Regel aufgrund handfester wirtschaftlicher und politischer Interessen mit dem Ziel, die eigenen Ansprüche älter erscheinen zu lassen als diejenigen der Gegner. So schufen die Mönche des Klosters St. Blasien im Schwarzwald die Legende des Reginbert, um sich Rechte im Raum Stallikon anzueignen oder diese abzusichern. Erstmals erscheint der Name Reginbert in einer Sammlung von Gründungslegenden des Klosters, die um 1400 aufgezeichnet wurde: Freiherr Reginbert von Sellenbüren sei 936 von Kaiser Otto I. als tapferer Krieger ausgezeichnet worden. 948 habe er die zerstörte Kirche des Klosters St. Blasien auf seine Kosten reparieren lassen, weshalb ihn Gott mit einem so langen Leben belohnte, dass er 1036, im Alter von mindestens 120 Jahren, noch immer im Kloster wirkte.
Adlige benannten sich bis ins 13. Jahrhundert mit ihrem Vornamen und als Beiname nach ihrer Burg. Die Burg Sellenbüren wurde um 1075 erbaut, weshalb der Beiname von Sellenbüren höchst unwahrscheinlich mehr als ein Jahrhundert zuvor von einem Adligen getragen werden konnte. Theoretisch möglich ist hingegen, dass ein Heinrich von Sellenbüren 1092 dem Kloster St. Blasien Güter in Stallikon schenkte. Wahrscheinlicher allerdings ist, dass die Mönche aus St. Blasien den Namen Heinrich von Sellenbüren im Archiv des Klosters Muri entdeckt hatten und ihn verwendeten, um ältere Ansprüche in Stallikon geltend zu machen.
Von Sellenbüren nach Engelberg
Die Privilegien des Papstes und des Kaisers zugunsten des Klosters Engelberg sind von 1124 datiert, was plausibel ist. Die Fälschungen übernahmen offensichtlich die ursprünglichen Daten, stammen aber aus der Zeit um 1157. Sie basieren auf einem auf 1122 datierten Entwurf, der textlich einem mutmasslich ebenfalls gefälschten Privileg des Klosters Muri von 1114 folgt, das sich auf den Text einer 1090 gefälschten Urkunde des westlich von Stuttgart gelegenen Klosters Hirsau abstützte. In dieser Vorlage wurden nebst Konrad von Sellenbüren Eglof von Gamlikon und Heinrich von Bonstetten erwähnt. In den Urkunden von 1124 erscheint demgegenüber nur noch Eglof, nicht aber Heinrich. War er vor dem Erlass der beiden Privilegien gestorben, aber aus bestimmten Gründen im Basisdokument dennoch erwähnt worden? Unbekannt ist auch Heinrichs Verhältnis zu Konrad: War Heinrich der Vater, der die komfortablere Burg Bonstetten baute, sich nun nach dieser benannte und den Ofengüpf seinem Sohn Konrad überliess? Plausibel ist, dass Konrad nach der Stiftung des Klosters Engelberg dorthin zog. Jedenfalls belegen die archäologischen Funde, dass die Burg Sellenbüren um 1125 geordnet geräumt wurde. Sie wurde möglicherweise von der Dorfbevölkerung niedergebrannt, um zu vermeiden, dass sich irgendjemand in der nicht mehr verteidigten Anlage installiert und die Herrschaft über Sellenbüren beansprucht.
Von Eglof von Gamlikon fehlt nach 1124 jede Spur. Die Burg Bonstetten wurde aufgrund der Funde weiterhin bewohnt, doch ist nicht bekannt, von wem. Ob der in einer Urkunde vom 18. Oktober 1155 erwähnte Konrad von Bonstetten auf der Burg lebte oder einfach aus Bonstetten stammte, lässt sich nicht überprüfen. Fast ein Jahrhundert nach der Erwähnung Heinrichs von Bonstetten erschienen Heinrich und Ulrich von Bonstetten 1217 im Gefolge Graf Rudolfs von Habsburg. Angesichts der erheblichen Mobilität des Hochadels ist keineswegs sicher, dass diese blutsverwandt waren mit den Freiherren Konrad, Heinrich und Eglof, die das Kloster Engelberg gestiftet hatten.
Nachgebesserte Abschriften
Viele Urkunden aus dem Hochmittelalter sind nur als Abschriften überliefert. Es war keineswegs unüblich, bei Abschriften etwas nachzubessern und das Original anschliessend zu verlieren. Bei der Papsturkunde zur Gründung des Klosters Engelberg verrät die Qualität der lateinischen Sprache die nachträglich eingefügten oder veränderten Abschnitte. Die üblichen Rechte des Klosters waren in der anspruchsvollen Sprache der päpstlichen Kanzlei verfasst, während ausserordentliche Privilegien in der Sprache eingefügt waren, über welche die Mönche vor Ort verfügten. Die Sprachanalyse ermöglicht daher recht präzis, die echten von den gefälschten Passagen zu unterscheiden.
Bereits damals war vieles unklar, denn lesen und schreiben konnten nur Mönche. Ein Freiherr, der eine Urkunde besiegelte, musste glauben, dass das, was ihm vorgelesen wurde, auch tatsächlich auf dem Pergament stand. So blieb sowohl den Adligen als auch der hörigen Bevölkerung nichts anderes übrig, als entweder zu glauben, was aus Urkunden vorgelesen wurde, oder sich mit Gewalt dagegen zu wehren. Wenn dann jemand – wie Konrad von Sellenbüren – gewaltsam zu Tode kam, oblag es dem Chronisten des Klosters, dies so darzustellen, wie es ihm passend erschien.






