«Der Zustand des Waldes ist gut, aber er ist gestresst»

Interview mit dem Säuliämter Förster und Forstunternehmer Ueli Müller zu den Folgen der Trockenheit

Eine indirekte Folge der Trockenheit und des Borkenkäfers: Förster Ueli Müller zeigt auf einen von Bläuepilzen befallen Stamm. – Wegen Borkenkäferbefalls müssen derzeit überall Bäume geschlagen werden, obwohl sie noch im Saft stehen. In den
Eine indirekte Folge der Trockenheit und des Borkenkäfers: Förster Ueli Müller zeigt auf einen von Bläuepilzen befallen Stamm. – Wegen Borkenkäferbefalls müssen derzeit überall Bäume geschlagen werden, obwohl sie noch im Saft stehen. In den gefällten Bäumen nisten sich später gerne die Pilze ein. Sie haben zwar keinen Einfluss auf die Tragfähigkeit (Statik) des Holzes, sehr wohl aber auf den Wert. (Bild Daniel Vaia)

Die Hitzewellen in diesem Sommer und vor allem die lang anhaltende Trockenheit haben auch im Wald Spuren hinterlassen. Der wegen des Klimawandels schon vor Jahren prognostizierte Umbau des Waldes (veränderte Zusammensetzung der Baumarten) vollzieht sich viel schneller als bisher angenommen. Aktuell gehe es dem hiesigen Wald generell gut, sagt Förster Ueli Müller, aber die Bäume seien gestresst und nicht mehr so widerstandsfähig. Eine der Folgen: Der Borkenkäfer kann sich rasch ausbreiten, was wiederum Fällaktionen nötig macht. – Ueli Müller ist Förster in Affoltern, Hedingen und Bonstetten. Gleichzeitig ist er mit seiner Mettmen-stetter Firma UMag als Forstunternehmer für Waldbesitzer im ganzen Säuliamt tätig.

«Anzeiger»: Wie geht es dem Wald im Säuliamt im Moment?

Ueli Müller: Grundsätzlich ist der Zustand des Waldes gut. Schlecht ist aus unserer Sicht aber, dass sich der Wald im Stress befindet. Er baut sich um. Grosse Bäume bilden sich eher zurück, das sieht man an vielen dürren Ästen in ihren Kronen.

Nicht alle Baumarten leiden gleich stark. Welche haben besonders Mühe?

Da ist sicher mal die Buche, die extrem gelitten hat in diesem trockenen Sommer. Es ist ein Baum, der früh sein Laub verloren hat. Dadurch konnte die Sonne in die Kronen hineinscheinen. Wir gehen davon aus, dass die Buchen im kommenden Frühling viele dürre Äste haben werden. Daneben ist die Fichte zu erwähnen, sie leidet schon lange. Mit der Trockenheit kann sie eigentlich einigermassen umgehen, aber durch die Trockenheit wurde sie geschwächt und somit Opfer des Borkenkäfers.

Dass sich der Schweizer Wald klimabedingt verändert, ist seit über 20 Jahren bekannt. Doch wie wirken sich solche extremen Trockenphasen aus, wie wir sie gerade erleben?

Es passiert alles viel schneller, als wir je angenommen haben. Früher sagte man, so ein Umbau des Waldes dauert zwei Generationen. Doch in den 25 Jahren, in denen ich hier in der Region als Förster tätig bin, hat etwa der Fichtenanteil bereits um rund ein Drittel abgenommen. Man hätte nie gedacht, dass das so schnell passiert. Dazu muss man wissen, dass eine Fichte vom Moment der Pflanzung bis zum ausgewachsenen Baum 100 Jahre braucht.

Auf dem Höhepunkt der diesjährigen Hitzewelle hatte ich als Laie den Eindruck und die Furcht, dass der Wald grossflächig am Sterben ist; es sah vielerorts ungewöhnlich braun aus. Jetzt macht er auf mich eher wieder den Eindruck eines halbwegs normalen Herbstwaldes – obwohl es auch in den letzten Wochen kaum geregnet hat. Was sagt der Förster?

Es ist schon so, dass bereits im Sommer viele Bäume viel Laub verloren haben – oder dass das Laub braun geworden ist. Also viel zu früh. Jetzt, mit dem Herbstbeginn, sieht man wieder ein einigermassen normales Bild. Es ist kühler geworden. Und die Sträucher unten am Boden haben von dem wenigen Niederschlag bereits wieder profitieren können, die sehen eigentlich gesund aus. Aber wie es tief im Boden und im Inneren der Bäume aussieht, das sehen wir im Moment noch nicht. Der Wald hatte schon die letzten 20 Jahre Stress wegen der Trockenheit. Dennoch konnte er ein, zwei trockene Jahre überstehen. Doch jetzt hat es im Boden einfach keine Reserven mehr. Deshalb werden kommende trockene Jahre für den Wald immer «zächer». Vor allem die grossen, alten Bäume leiden am meisten.

Der Grossteil der Waldfachleute, die sich in letzter Zeit zum Zustand der Wälder geäussert haben, tönte dennoch relativ unaufgeregt. Auch Sie scheinen relativ gelassen.

Der Wald wird bleiben. Es werden sich einfach andere Baumarten durchsetzen – nicht die, die wir in den letzten 100 Jahren gepflegt haben. Den Eichen beispielsweise geht es gut. Ebenso «neue» Baumarten, wie die Kastanie, die wir derzeit überall pflanzen, oder der Baumhasel. Sie profitieren von der Veränderung. Sie sind sich an wärmere Temperaturen gewohnt. Die Kastanien kennen wir beispielsweise aus dem Tessin, dort haben sie sich etabliert; sie werden jetzt je länger, je mehr Richtung Norden wandern.

Die meisten Wälder im Säuliamt haben eine Westlage, sind also besonders stark der Sonne ausgesetzt. Gibt es grosse Unterschiede zu Wäldern mit eher östlicher Ausrichtung, etwa im Reppischtal bei Stallikon?

Ja, solche Unterschiede stellen wir schon länger fest. Wenn wir beispielsweise einen Borkenkäfer-Befall haben, dann meist zuerst im Reusstal unten. Dort sind die Böden magerer, das heisst, diese können das Wasser nicht gut halten. Je weiter hinauf es geht, Richtung Allmend oder auf die andere Seite, nach Stallikon, findet man schwerere Böden. Sie können das Wasser besser speichern. Dementsprechend findet man dort weniger Anzeichen von Stress bei den Bäumen – oder erst später.

Den Borkenkäfer hatte man die letzten Jahre einigermassen im Griff, jetzt – Sie haben es angetönt – ist er wieder aktiver.

Die Borkenkäfer-Population war in den letzten zwei Jahren tatsächlich relativ tief. Jetzt konnte sie sich in der zweiten Jahreshälfte wieder aufbauen, einfach weil die Bäume nicht mehr so widerstandsfähig sind. Man kann sich das so vorstellen: Wenn ein einzelner Borkenkäfer in einen gesunden Baum eindringt, dann wird er nicht überleben, er ertrinkt im Saftstrom des Baumes. Zwei, drei, vier, fünf Borkenkäfer kann der Baum auch noch aushalten. Doch irgendwann, wenn der Saftstrom unterbrochen ist, kippt es. Wenn hunderttausend Borkenkäfer kommen, dann überlebt nicht mehr der Baum, sondern der Borkenkäfer. Jetzt, in dieser Trockenheit, transportieren die Bäume nur noch rund ein Drittel des üblichen Saftes. Es ist anzunehmen, dass die Borkenkäfer-Populationen, die wir jetzt nicht erwischen, überwintern werden. Sie werden im nächsten Frühling massiv höher sein als in diesem Frühling.

Das heisst, Sie schlagen im Moment viel Holz, das vom Borkenkäfer befallen ist.

Genau. Die Taktik ist: Vom Käfer befallene Bäume schnell schlagen und mit dem Holz und den darin lebenden Tieren schnell aus dem Wald raus. Denn der Borkenkäfer ist temperaturgesteuert. Wenn es 16, 18 Grad warm ist und über Nacht nicht deutlich abkühlt, arbeitet der Käfer rund um die Uhr. Unter solchen Bedingungen vermehrt er sich schnell, dann dauert es von der Eiablage bis zum Jungkäfer nur sechs bis acht Wochen.

Viel Holz, das in kurzer Zeit auf den Markt kommt, das tönt nach tiefen Preisen. Zum Nachteil der Waldbesitzer.

Das ist so. Man ist darauf angewiesen, dass jemand das Holz möglichst rasch abtransportiert. Es kommt so in kurzer Zeit viel Holz auf den Markt. Die Fuhrunternehmer und Sägereien kommen derzeit kaum nach mit der Arbeit, dementsprechend sinkt automatisch der Holzpreis. Dabei hat es eigentlich nicht wirklich zu viel Holz, vor allem Sagholz, auf dem Markt, unter anderem weil der Fichtenbestand und dessen Holz, das auf dem Bau gesucht ist, immer weniger wird.

Ist vom Borkenkäfer befallenes Holz überhaupt noch verwendbar – ausser als Brennholz?

Solches Holz ist grundsätzlich nach wie vor tipptopp. Das einzige Problem ist, dass wir vom Käfer befallene Bäume jetzt fällen müssen, da die Bäume noch im Saft stehen. Und solche Stämme werden, nachdem sie gefällt wurden, rasch von Bläuepilzen befallen. Das heisst, der äussere Rand der Stämme verfärbt sich bläulich. Statisch ändert sich am Holz dadurch nichts. Aber solche Verfärbungen werden von den Kunden nicht akzeptiert. Und dementsprechend reagieren die Sägereien, sie schneiden von solchen Stämmen mehr weg.

In letzter Zeit haben einige Gemeinden ihre Bevölkerung wegen der Trockenheit vor herabfallenden Ästen gewarnt. Wie akut ist die Gefahr aus Ihrer Sicht?

Die Gefahr ist wegen der Trockenheit etwas erhöht. Die Holzzellen verlieren Wasser, und da sie nicht mehr wassergesättigt sind, verlieren sie Spannung. Äste können dadurch schneller abbrechen. Betroffen sind davon vor allem ältere, grosse Bäume. Wie gross die Gefahr wirklich ist, lässt sich aber schlecht abschätzen. Sicher ist bei Wind oder Regen mehr Vorsicht gefragt. Ich persönlich habe keine Sekunde Angst, dass mich solch ein Ast treffen könnte, wenn ich mich im Wald aufhalte.

Es ist leider davon auszugehen, dass die Zahl langer, heisser und trockener Perioden in den kommenden Jahren nicht weniger werden wird. Müssten mit Blick auf den Wald Schutzmassnahmen getroffen werden? Braucht es zusätzliche Wasserspeicher, Wasserleitungen, auch um Brände zu bekämpfen?

Nein, ich glaube, dagegen können wir uns nicht wehren, das müssen wir zusammen mit der Natur machen und eben den Wald umbauen. Mein Wunsch an die Bevölkerung ist, dass sie Verständnis dafür hat, wenn wir irgendwo mal eine Fläche abholzen müssen. Und dass man deswegen nicht gleich reklamiert und sagt: «Was machen die da für einen Seich?» Es gibt eine sehr einfache Regel: Wir nutzen so viel Holz, wie nachwächst. Wir sind als Förster verpflichtet, eine nachhaltige Waldwirtschaft zu betreiben. Unsere Leute leben vom Rohstoff Holz. Den wollen wir nutzen, sei es als Nutzholz oder als Energiequelle für die Wärmeerzeugung. Wir sind dafür besorgt, dass der Wald im Gleichgewicht bleibt, dass nicht zu viel und nicht zu wenig Holz geschlagen wird. Ein gesunder Wald ist eigentlich ein genutzter Wald. Es ist ein bewirtschafteter Wald, aus dem man schlechte Bäume herausholt; ein Wald, in dem man Licht schafft; ein Wald, in dem man dafür sorgt, dass nicht alle Bäume gleichstufig sind; in einem gesunden Wald stehen Bäume aus sämtlichen Altersstufen.

Wenn wir den Wald nicht pflegen, dann wird er sehr einseitig. Dann entsteht oben eine Art grosser Deckel und unten wächst nichts mehr nach.

 

 

 

 

Was bleibt, was fällt? – Führung durch den Hedinger Wald

Wer mehr über den Zustand des Waldes und die Folgen der Trockenheit erfahren möchte, dem bietet sich die Möglichkeit, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Im Rahmen eines Aktionstags der Hedinger Naturschutzkommission führt Förster Ueli Müller am Samstag, 24. Oktober 2026, eine Führung durch den Hedinger Wald durch. Treffpunkt ist um 13.30 Uhr auf dem Parkplatz beim Hedinger Weiher.

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