Möwenschreie von den Dächern

Die «Zivilisationsfolger» als Indikatoren der natürlichen Klimaveränderung

Die Mittelmeermöwe erkennt man eindeutig an ihren markenten, gelben Füssen. (Bilder Beat Kyburz)

Die Mittelmeermöwe erkennt man eindeutig an ihren markenten, gelben Füssen. (Bilder Beat Kyburz)

Laut und klangvoll sind die Rufe der Mittelmeermöwe, sodass sie die der einheimischen Vögel übertönen. Insbesondere während der Brutzeit auch in der Stadt Affoltern, obwohl es hier ja gar kein grösseres Gewässer gibt. Aber der Vogel mit den knallgelben Beinen hat die flachen Kiesdächer als Brutstätte entdeckt. So waren im Mai und anfangs Juni auch auf dem Dach der Stadtverwaltung diese «Zivilisationsfolger» oder auch «Kulturfolger» zu sehen. Auf Nachfrage beim Feldornithologen Michel d’Hollosy gab dieser zur Auskunft: «Die Vögel, die hier im Bezirk Affoltern gesichtet werden, pendeln zwischen den guten Brutmöglichkeiten und den Gewässern, wo das Nahrungsangebot höher ist.» So suchten die Mittelmeermöwen beim Klingnauer Becken, am Zugersee, aber auch an der Reuss und beim Flachsee nach Nahrung, während sie auf den Kiesdächern brüten. «Die flachen Dächer mit Kies oben drauf entsprechen ihren Brutplätzen in südlicheren Gefilden», so der Knonauer Vogelkundige, der für die Stiftung Reusstal regelmässig ornithologische Grundkurse gibt und mit Interessierten Exkursionen im Säuliamt unternimmt. Es habe ihm vor fünfzehn Jahren den «Ärmel inneglitzt», nachdem er selbst an einer Vogelreise teilgenommen hatte. Mit Sorge beobachtet er die Entwicklung der Population der Mittelmeermöwen in der Schweiz, denn es handle sich dabei nicht um lokale Möwen, wie die Lachmöwe es ist, sondern sie entwickeln sich in einem gewissen Grad zum «Zivilisationsfolger».

Gefahr für einheimische Vogelarten

Im Gegensatz zu invasiven Neozoen wie der Tigermücke, der Quaggamuschel oder auch der Asiatischen Hornisse, die gebietsfremde Tierarten sind, die durch den direkten oder indirekten Einfluss des Menschen in ein neues Gebiet gelangt sind, ist die Mittelmeermöwe ein Zivilisationsfolger (www.vogelwarte.ch). Zwar begünstigt der Mensch ihre Ausbreitung indirekt, wie im Beispiel der Mittelmeermöwe durch Kiesdächer, aber sie fliegt aus eigener Kraft im Zuge der natürlichen Klimaveränderung immer weiter nach Norden. «Ursprünglich ist sie in südlichen Küstenregionen heimisch, jedoch ist sie immer mehr auch landeinwärts oder eben in der Schweiz anzutreffen», sagt Michel d’Hollosy.

Die Mittelmeermöwe (Larus michahellis) brütet seit den 1960er- und 1970er-Jahren nachweislich in der Schweiz, und in Affoltern wurde 2024 mindestens ein brütendes Paar gesichtet, wusste Gianni Gliott im Namen des Natur- und Vogelschutzvereins des Bezirks Affoltern damals gegenüber dem «Anzeiger» in der Ausgabe vom 3. September zu berichten. Ob dieses Mittelmeermöwenpaar sich nun wohl etwa ausgerechnet das Dach des Stadthauses in Affoltern ausgesucht hat, oder sind es inzwischen gar mehrere? Denn im vergangenen Frühjahr schallten vermeintlich Mittelmeermöwenrufe über den Marktplatz Affoltern.

Ein Nest an sich habe man nie bemerkt, aber solche Vögel durchaus. Bei den Liegenschaften der Stadt habe das bislang jedoch zu keinen Problemen geführt, weshalb man vorerst keinen Handlungsbedarf sehe, gibt Erika Stanger auf Anfrage Auskunft. «Es wurden keine PV-Anlagen oder dergleichen beschädigt», so die Leiterin Nachhaltigkeit und Strategie und zweite stellvertretende Stadtschreiberin. Die Stadt Affoltern richte sich nach den Vorgaben des Kantons, und dieser habe keine Empfehlungen abgegeben. Es gebe also keine Meldepflicht wie bei invasiven Arten wie beispielsweise der Asiatischen Hornisse. Weiter seien auch der Vogelwarte Sempach keine Massnahmen bekannt. Ausserdem ist es seit mehreren Wochen eher leer auf dem Dach des Stadthauses und die Schreie sind verstummt. Die Brutzeit ist schliesslich vorüber. Nester an sich würde die Mittelmeermöwe sowieso nicht machen, so d’Hollosy. «Es ist mehr ein Haufen aus Pflanzenteilen, Zweigen und wenigen Federn an teilweise ungewöhnlichen Orten», erklärt der Feldornithologe.

Ein Problem sind die Mittelmeermöwen also eigentlich nur für die einheimischen Arten, ausser man stört sich an ihrem Gekreische. «Die Mittelmeermöwe ist ein räuberischer Vogel», so Feldornithologe Michel d’Hollosy, und er fährt fort: «Sie plündert beispielsweise Nester der Blässhühner, sogenannte ‹Taucherli›, und schlürft deren Eier aus. Sie überfällt aber auch Küken anderer Wasservögel. Die Lachmöwe macht das nicht.» Aktuell gebe es aber keinen Anlass zur Bestandsregulierung. Inwieweit sollte der Mensch denn auch in den Prädationsdruck eingreifen?

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