Kunst kennt keinen Ruhestand
Kunstschaffende aus Hausen, Kappel und Rifferswil zeigten ihr vielfältiges Schaffen
Bereits zum zehnten Mal fand dieses Jahr vom 16. bis 21. Oktober die Ausstellung Kreativ60+ statt. Ins Leben gerufen wurde sie 1993 von Walter Böck in Hausen. Er war auch der «geistige Vater» von «Kunst in Hausen», einer Initiative, die sich an kreative Laien aller Altersgruppen richtet. Verantwortet wird die Kreativ60+ von Pro Senectute und der Gruppe «60+ Hausen am Albis». Anfänglich kündigte der «Affolter Anzeiger» die Ausstellung noch unter dem Titel «Die erfahrene Generation präsentiert ihre künstlerischen Hobbys» an und sprach von einer «Seniorenausstellung». Heute klingt das anders. Im Zeitalter der «Best Ager» und «Alten Jungen» wirkt der Begriff Seniorenausstellung nicht mehr zeitgemäss. So erhielt die Veranstaltung irgendwann den Namen Kreativ60+.
Alle drei Jahre – mit einer pandemiebedingten Unterbrechung – verwandelt sich der Gemeindesaal Weid in Hausen in eine Plattform für kreatives Schaffen. Zugelassen sind alle Werke, die aus eigener Kreativität entstehen. Dieses Jahr präsentierten und verkauften 18 Ausstellerinnen und Aussteller ihre Arbeiten. Viele waren während der Ausstellungstage auch persönlich vor Ort und kamen so miteinander und auch mit dem Publikum ins Gespräch.
Neben der Ausstellung sorgte ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für Leben im Gemeindesaal. An verschiedenen Tagen fanden Kreativworkshops statt, das Künstlerbeizli war täglich geöffnet und bot auch Raum für spontane Livemusik. An zwei Abenden ergänzten gemeinsame Nachtessen und Konzerte das Programm. Beatrice Gaisser von «Event und Werken» sorgte für die kulinarische Begleitung. Musikalisch reichte das Angebot vom Rock ’n’ Roll des Singer-Songwriters Count Vlad, bürgerlich Martin Flückiger, bis zur klassischen Gitarrenmusik von Torbjörn Hansson.
Organisator Nik Egger, Inhaber von Egger-visual in Hausen und selbst auch mit Computergrafiken an der Ausstellung vertreten, hat ein vielseitiges Angebot zusammengestellt. Doch nicht nur das Rahmenprogramm überzeugte, auch die Qualität der ausgestellten Arbeiten fällt auf. «Die Qualität ist gestiegen, und ich finde es schön, dass ein gewisser Anspruch gelebt wird», sagt Egger.
Kreativität mit Geschichte
Dieses sehr hohe Niveau begründet sich mit einem genaueren Blick auf die Ausstellung: Viele der Ausstellenden haben ihre kreative Seite nicht erst im Alter entdeckt. Sie bringen langjährige Erfahrungen mit, haben ihre Fähigkeiten weiterentwickelt oder geben ihr Wissen an andere weiter.
Christine Husi aus Rifferswil etwa ist Malerin und Gestaltpädagogin. Seit 2018 leitet sie in Hausen das Atelier Allegra, wo sie verschiedene Maltechniken vermittelt und ein offenes Atelier für Kreative betreibt. Neben ihren eigenen Ölbildern sind auch Arbeiten von Claudia Bischoff, Claudia Paul und Erika Saratz zu sehen, die ebenfalls im Atelier entstanden sind. Zudem leitet Husi während der Ausstellung an mehreren Tagen eine Kreativwerkstatt für die Besuchenden.
Oder Elisabeth Danuser, ehemalige Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Heute ist sie pensioniert, aber deshalb hört die Auseinandersetzung mit Kunst nicht plötzlich auf. An der Kreativ60+ verantwortet sie einen der Workshops, in dem es um Klang und Bewegung geht, und stellt auch eigene Werke aus Textil aus. Auch hat sie einen Bereich gestaltet, in dem sie sich in zehn Thesen mit dem Thema «Kreativität im Alter» auseinandersetzt.
Viele Wege zur Kunst
Ebenfalls schon immer kreativ ist die Malerin, Arabischlehrerin und Schriftstellerin Kathrina Redmann aus Hausen. Ihre Bilder in Gouache zeigen ihre künstlerischen Heimatorte, die Provence und den Orient. Auch mit Malerei vertreten sind Verena Renz aus Rifferswil und Peter Schutzbach aus Hausen.
«Mit dem Computer zu spielen, habe ich immer schon gerne gemacht», sagt Nik Egger zu seinen abstrakten Computergrafiken. Ebenfalls Computergrafik zeigt Clair Linder aus Rifferswil. Die klassische Fotografie ist mit Reisefotos von Franz Georg Keel vertreten.
Aber auch eher handwerkliche kreative Fertigkeiten finden sich an der Ausstellung. So zeigen beispielsweise Rosy Knobel aus Hausen und Marike Urmi aus Rifferswil Patchworkarbeiten aus Stoff. Margrit Achtnich aus Rifferswil ist mit Webereiarbeiten vertreten und Susanne Gerber aus Uerzlikon webt sogar vor Publikum «live» an der Ausstellung. Auch Brigitte Zehnder aus Hausen demonstriert ihr Hobby vor Ort. Dabei klöppelt sie vor den Augen des Publikums filigrane Sterne. Johannes Loosman aus Hausen vertritt mit seinen Skulpturen als einziger Künstler den Bereich der Keramik.
Eine neue Leidenschaft im Alter
Tatsächlich erst im fortgeschrittenen Alter ist Lina Ufenast aus Ebertswil auf ihr kreatives Hobby gestossen. Zentangle ist eine meditative Zeichenmethode, bei der kleine, abstrakte Kunstwerke aus einfachen Linien und Schattierungen entstehen. Der Begriff verbindet ‹Zen› mit dem englischen Wort ‹tangle› für Gewirr oder Knäuel. Gemalt wird auf kleinen Papierquadraten, den sogenannten Kacheln. Lina Ufenast ist per Zufall auf diese aus Amerika kommende Zeichentechnik gestossen und praktiziert sie mittlerweile mit spürbarer Begeisterung.
Ort der Vernetzung und Begegnung
Die Kreativ60+ ist mehr als eine Ausstellung. Sie bietet Raum für künstlerischen Austausch, neue Begegnungen und gemeinsames Gestalten. Umso bedauerlicher ist es, dass die Initiative wie viele kulturelle Veranstaltungen mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Ein grösseres Publikum wäre ihr zu wünschen – nicht zuletzt als Anerkennung für die Kunstschaffenden und den beträchtlichen organisatorischen Aufwand.
Wer die Ausstellung besuchte, erlebte nicht nur eine vielseitige Präsentation kreativer Arbeiten, sondern auch eine spürbar gute Stimmung und einen herzlichen Austausch unter den Kunstschaffenden. «Wir hatten so tolle Begegnungen untereinander und mit den Besucherinnen und Besuchern!», sagt Kathrina Redmann. Und ergänzt mit einem Augenzwinkern: «Wir werden uns direkt etwas vermissen!»










