Flatterhafte Nachtschwärmer

Streifzüge durch die Natur (Teil 44): Im Säuliamt leben 15 Fledermausarten – jede mit ihren ganz eigenen Tricks

Braunes Langohr.

Braunes Langohr.

Abendsegler.

Abendsegler.

Grosser Abendsegler.

Grosser Abendsegler.

Mopsfledermaus. (Bilder www.fledermausschutz.ch)

Mopsfledermaus. (Bilder www.fledermausschutz.ch)

Wasserfledermaus.

Wasserfledermaus.

Wenn über dem Türlersee in der Abenddämmerung kleine Schatten dicht über die Wasseroberfläche flattern, oder wenn am Waldrand schemenhafte Gestalten ihre Kreise ziehen, dann hat man sie entdeckt: die heimlichen Fledermäuse. Sie sind auch jetzt im Herbst noch aktiv, über Gewässern, entlang von Hecken oder in Obstgärten, aber auch mitten im Dorf. Am besten beobachtet man sie abends kurz nach Sonnenuntergang, bevor sie in die Dunkelheit der Nacht entschwinden.

Stets bin ich fasziniert, wenn ich die kleinen Flatterer sehe: wenige Gramm leichte Säugetiere mit Flughäuten, vollkommen angepasst an das Leben und die Jagd in der Nacht. Wenn ich sie doch nur bestimmen könnte. Wenn ich nur wüsste, wo sie tagsüber schlafen und was sie die ganze Nacht treiben. Sie kommen mir vor wie kleine Geisterwesen, Kreaturen aus einer anderen Welt. Insgesamt kommen laut Manuela Manni Joss vom Fledermausschutz Kanton Zürich im Säuliamt 15 Arten vor, die Hälfte aller Schweizer Arten. Die kleinste mit einem Gewicht von nur ein bis zwei Würfelzuckern ist die Zwergfledermaus. Die grösste mit 20–40 Gramm und einer Flügelspannweite von 43 cm ist das Grosse Mausohr. Nur ein Drittel der Säuliämtler Arten ist ungefährdet. Der Rest der Arten ist potenziell gefährdet oder steht ganz auf der Roten Liste.

Rasante Jagd über dem Wasser

Eine eindrückliche Jägerin ist die Wasserfledermaus. Sie fliegt meist nur knapp über der Wasseroberfläche von Seen, Teichen und langsam fliessenden Gewässern und vollführt dabei schnelle Richtungswechsel. Mit ihren grossen Füssen und der Schwanzflughaut kann sie Beute von der Wasseroberfläche aufnehmen. Beim Jagen verlässt sie sich wie alle Fledermäuse vor allem auf Echoortung: Sie stösst für uns nicht hörbare Ultraschallrufe aus. Treffen diese auf ein Insekt, einen Baum oder eine andere Struktur, kehren sie als Echo zurück. Daraus gewinnt das Tier ein akustisches Bild der Umgebung.

Ebenfalls eine spezielle Art ist das Braune Langohr. Seine enorm grossen Ohren ermöglichen ihm eine besondere Jagdstrategie: Es kann auch lautlos jagen und dabei noch die leisesten Geräusche der Beutetiere hören. Insekten liest es teilweise direkt von Blättern und anderen Oberflächen ab. Seine Jagdgründe sind zum Beispiel Obstgärten oder Gärten mit grossen Bäumen. Diese Fledermaus kann sogar in die Baumkrone hineinfliegen und sich dort an den vorhandenen Insekten bedienen.

Die Jungen zieht das Braune Langohr meist in Gebäuden auf, etwa in Dachstöcken. Laut dem kantonalen Fledermausschutz ist in Kappel eine solche Wochenstube mit rund 20 Tieren bekannt. Jedes Weibchen bringt wie bei den anderen Arten nur ein Jungtier pro Jahr zur Welt. Während die Mutter nachts zur Jagd ausfliegt, bleibt das noch flugunfähige Junge im Quartier zurück.

Eine besonders grosse Wochenstube befand sich übrigens in der Gemeinde Stallikon: Rund 180 Bartfledermäuse nutzten dort bis vor rund 20 Jahren ein gemeinsames Quartier in einem Gebäude. Heute sind es nur noch zehn Tiere – ein schleichender Verlust, den niemand bemerkt. In Kappel war zudem eine Wochenstube von Zwergfledermäusen und nah verwandten Arten mit etwa 120 Tieren bekannt. Wie viele Tiere es heute noch sind, ist nicht bekannt. Selbstverständlich sind solche Aufzuchtsorte streng geschützt, und der Ein- und Ausflug muss stets gewährt bleiben.

Rarität in unseren Wäldern

Die seltenste Art, die im Säuliamt vorkommt, ist die Mopsfledermaus. Sie gehört zu den anspruchsvolleren Waldarten und gilt schweizweit als stark gefährdet. Im Sommer versteckt sie sich hinter loser, abstehender Rinde alter oder abgestorbener Bäume. Auch beim Speiseplan ist sie spezialisiert: Sie erbeutet kleine Nachtfalter. Für diese Fledermaus sind somit – wie für viele andere Tierarten – alte und abgestorbene stehende Bäume sehr wichtig.

Der Grosse Abendsegler wiederum ist ein besonders kräftiger und schneller Flieger. Er sucht seine Beute oft in Gruppen von rund zwölf Tieren im offenen Luftraum über Wäldern, Gewässern und Kulturland. Dabei kann er weit über die Baumkronen aufsteigen. Wie die anderen Arten muss er sich jetzt im Oktober noch seinen «Winterspeck» anfressen, damit er den Winterschlaf übersteht. Etwa 30 bis 40 % ihres Körpergewichts verlieren Fledermäuse beim Schlummern, bevor sie im Frühling wieder auf die Jagd gehen können.

Spannend beim Grossen Abendsegler ist aber auch: Er ist ein richtiger Weltenbummler. Zwischen seinen Sommer- und Wintergebieten können 1500 Kilometer liegen. Die Schweiz ist für den Grossen Abendsegler vor allem als Wintergebiet von Bedeutung, denn die Weibchen ziehen ihre Jungen vermutlich weiter nördlich auf. Im Herbst kommen sie und die flüggen Jungen dann zu uns, um sich im Säuliamt mit den Männchen zu paaren. Letztere zirpen in der Abenddämmerung laut aus ihren Baumhöhlen, um die Weibchen anzulocken. Nach dem erfolgten Liebesleben geht es im November dann in den Winterschlaf. Körpertemperatur, Atmung und Herzschlag sinken stark ab. Nun können sie nur hoffen, dass ihr Höhlenbaum nicht gefällt wird.

Wesen der Dunkelheit

Die Vielfalt der Fledermäuse im Säuliamt hängt eng mit der Vielfalt der Landschaft zusammen. Zu schaffen macht den Tieren aber der starke Insektenschwund. Ein wichtiger Lebensraumfaktor ist auch die Dunkelheit: Die meisten Fledermausarten meiden künstliches Licht. Sie sind auf dunkle Flugkorridore und Jagdgebiete angewiesen. Wichtig ist daher, nachts alle unnötigen Lampen auszuschalten. Auch kleine solarbetriebene Lampions und Lichterketten im Garten tragen zur Lichtverschmutzung bei.

Wer Fledermäusen helfen möchte, kann auch sonst im eigenen Garten einiges tun. Vor allem einheimische Pflanzen sind wichtig – insbesondere auch nachtblühende Arten, die Nachtfaltern Nahrung spenden. Ein naturnaher Gartenteich schafft zusätzlichen Lebensraum. Pestizide sollten vermieden werden. Ebenso wichtig ist es natürlich, bestehende Quartiere zu erhalten. Stehen Renovationen oder Sanierungen an, sollte frühzeitig der kantonale Fledermausschutz beigezogen werden. Die Beratung ist kostenlos und hilft, Lösungen zu finden.

Noch sind sie unterwegs, die Geisterflatterer. Doch mit den sinkenden Temperaturen werden auch die letzten Fledermäuse bald ihre Winterquartiere aufsuchen. Dann wird es still über dem Türlersee, an der Reuss, in den Gärten und am Waldrand. Lassen wir sie ausruhen, bis sie im März wieder wie von Geisterhand erscheinen und ihre schemenhaften Kreise durch die Dämmerung ziehen.

Streifzüge Durch die Natur

Natur im Knonauer Amt

In dieser Serie schreibt der Biologe Stefan Bachmann über seine Erlebnisse in der Natur im Knonauer Amt. Er zeigt, welche Tiere und Pflanzen es vor unserer Haustür zu entdecken gibt und welche faszinierenden Lebensweisen sie entwickelt haben. Stefan Bachmann ist im Vorstand des Vereins Naturnetz Unteramt VNU (www.naturnetz-unteramt.ch). (red)

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