«Die Reuss – In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte»
Der Historiker Jean-Daniel Blanc stellte in Affoltern sein Buch vor
«Von einem Fluss kennt man meist lediglich ein Stück», erklärte Historiker und Autor Jean-Daniel Blanc in seinem reich illustrierten Vortrag am vergangenen Samstag in der Buchhandlung Scheidegger in Affoltern. «Stimmt», dachten die Zuhörenden wahrscheinlich. Im Knonauer Amt kennt man vor allem den Teil, der die Kantonsgrenze zwischen Zürich und Aargau bildet, vielleicht den Flachsee von Spaziergängen und die drei Städte am Unterlauf: Luzern, Bremgarten und Mellingen. In seinen Ausführungen konzentrierte sich Jean-Daniel Blanc darauf, der Zuhörerschaft die Vielfalt der Reusslandschaften näherzubringen und vor allem den Unterschied zwischen Ober- und Unterlauf – also den Flussstrecken oberhalb und unterhalb des Vierwaldstättersees – aufzuzeigen.
Historische Landschaften
Jean-Daniel Blanc schrieb während zweier Jahre intensiv an seinem Buch «Die Reuss». Es ist sein zweites «Flussbuch», bereits sein Werk über die Sihl stiess auf grosses Interesse. «Ich lebe in Affoltern, also zwischen Sihl und Reuss», so seine einfache Erklärung, weshalb er sich wissenschaftlich intensiv mit den beiden Flüssen beschäftigt hat.
Er studierte Geschichte und schloss 1993 mit einer Dissertation über Verkehrspolitik und Stadtentwicklung in Zürich ab, danach arbeitete er für die SBB. Mobilität und Verkehr im Zusammenhang mit Flüssen sind auch aus historischer Perspektive ein fesselndes Thema. Später war er bei der Wasserversorgung Zürich tätig und verfasste 2018 das Buch «150 Jahre moderne Wasserversorgung in Zürich». Er weiss also, wovon er spricht, wenn es um das Thema Wasser geht.
Der Historiker begann seine Präsentation mit dem Aufzeigen der Entwicklung des 164 Kilometer langen Flusses mit Bildern aus verschiedenen Jahrhunderten – von den Quellen im Gotthardmassiv im Südwesten des Kantons Uri bis zur Mündung in die Aare im Kanton Aargau bei Windisch und Gebenstorf. Mit einem Einzugsgebiet von 3426 Quadratkilometern ist die Reuss nach Rhein, Aare und Rhone der viertgrösste Fluss der Schweiz.
Das erste Bild zeigte eine aus einem Gletscher entspringende Wasserfläche. Auch die Alpenwelt ist für Jean-Daniel Blanc eine «Lieblingslandschaft» – lange Jahre war er Präsident des Vorstandes der SAC-Sektion «Am Albis». Immer wieder erkundete der Autor die Reuss auch per Velo; er empfiehlt dies ausdrücklich: «Es gibt viele Möglichkeiten, der Reuss mit dem Velo zu folgen.»
Flusslauf und Brücken
Zwischen Andermatt und Göschenen zwängt sich die Reuss durch die wilde Schöllenenschlucht. Sie stellte im Mittelalter eine grosse Herausforderung bei der Erschliessung des Gotthardpasses dar – der Sage nach war beim Bau der Brücke sogar die Hilfe des Teufels nötig.
Bei Flüelen mündet die Reuss in den Vierwaldstättersee. Bevor sie ihn in Luzern wieder verlässt, wird sie von der weltbekannten Kapellbrücke überspannt. Brücken waren ein Thema, dem Jean-Daniel Blanc besondere Aufmerksamkeit schenkte. Weiter folgten die Zuhörenden gedanklich dem Flusslauf ins Mittelland – vorbei an den Kantonsgrenzen von Luzern, Zug, Aargau und Zürich – dazwischen dem Knonauer Amt entlang – bis schliesslich zur Mündung beim Aargauer «Wasserschloss».
Der Fluss veränderte im Lauf der Jahrhunderte immer wieder seinen Verlauf – und damit mitunter auch Kantonsgrenzen. Während die Landwirtschaft mit Begradigungen und dem Bau von Dämmen mehr fruchtbares Land gewinnen wollte, setzten sich Naturschützer für den Erhalt natürlicher Landschaften und Schutzgebiete für Flora und Fauna ein. Diese unterschiedlichen Interessen stehen sich bis heute gegenüber.
Noch haben die Menschen den Fluss nicht vollständig «im Griff», wie das grosse Hochwasser im Jahr 2005 zeigte.
Die Kraft des Wassers wurde schon früh zur Energiegewinnung genutzt. Das Kraftwerk Amsteg der SBB – ein Hochdruck-Laufwasserkraftwerk – bildet zusammen mit den Anlagen in Göschenen und Wassen die sogenannte Reuss-Kaskade. Diese erzeugt rund 40 Prozent des von den SBB verbrauchten Bahnstroms.
Die Reuss erleben
Ein Besuch wert ist heute auch das historische Kleinkraftwerk in Ottenbach. Bereits 1871 wurde Energie für die Seidenweberei produziert. Zur Anlage gehört zudem das längste historische Streichwehr des Kantons, welches das Wasser der Reuss dem erneuerten Oberwasserkanal zuführt – sichtbar bei einem Spaziergang von Obfelden nach Ottenbach.
Jean-Daniel Blanc brachte der Zuhörerschaft die Reuss als «Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte» auf kompetente und sympathische Weise näher. Er verdeutlichte die Vielfalt der Landschaften entlang des Flusses, die Nutzung der Wasserkraft und die Bedeutung der Reuss als Verkehrsweg: «Das Urner Reusstal kann als Freilichtmuseum der europäischen Verkehrsgeschichte gesehen werden, an dem bis heute weitergebaut wird.»
Vor allem aber weckte er die Neugier auf den Fluss und motivierte dazu, sich zu Fuss oder per Velo aufzumachen, um die Reuss in ihrer ganzen Vielfalt selbst zu entdecken.
Die Reuss – In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte, Jean-Daniel Blanc, 2025, 256 Seiten, illustriert, gebunden, 44 Franken
Reussbilder: www.jeandanielblanc.ch/reussbilder





