Die Rückkehr der Wildnis
Seit 20 Jahren wird der Sihlwald sich selbst überlassen. Seit kein Nutzholz mehr geschlagen wird und der Zugang der Menschen stark eingeschränkt ist, erobert sich die Natur ihr Territorium zurück. Die Fotografin und Autorin Caroline Fink spürt mit atmosphärischen Bildern der Magie und Ruhe eines Naturwaldes nach, in dem die Wildnis wieder Einzug hält.

Sie ist immer auf der Suche nach dem Ursprünglichen. «Dort, wo es keine Menschen hat, fühle ich mich wohl», sagt Caroline Fink. Seit über zehn Jahren ist die Stadtzürcherin als Fotografin, Autorin und Filmemacherin in der Schweiz und im Ausland unterwegs. Oft ist die erfahrene Alpinistin in den Bergen und legt in ihren Arbeiten den Fokus auf Orte, die nah am Ursprung der Natur liegen. Nun hat sie während zwei Jahren im Auftrag der Stiftung Wildnispark Zürich ein Buch geschaffen mit dem Titel «Sihlwald – wild und schön». Wochenlang streifte sie durch den Sihlwald und hat rund 4000 Aufnahmen gemacht, von denen 150 davon in ihrem Buch zu sehen sind. «Für mich absolut zentral ist die Stimmung. Als Fotografin ging ich weniger in den Wald, um Bäume und Tiere abzulichten, sondern mir ging es mehr darum, Stimmungen und Atmosphäre einzufangen. Im Sihlwald habe ich eine Atmosphäre erlebt wie sonst ganz selten in andern Wäldern», erzählt Caroline Fink. Nie hätte sie erwartet, unmittelbar vor den Toren der Stadt Zürich so viel unberührte Natur vorzufinden.
Der Kreislauf des Lebens
Ihre Bilder bringen die unglaubliche Vielfalt des Sihlwalds zum Ausdruck, zeigen – über alle vier Jahreszeiten hinweg – alle Facetten eines Waldes, in dem seit über 20 Jahren kein Holz mehr geschlagen wird. In dieser Zeit sind über 50 Meter hohe Baumriesen herangewachsen, gleichzeitig eine Vielzahl anderer Bäume gestorben, umgefallen durch Alter, Krankheit oder Sturm. So hat sich mittlerweile viel Totholz angelagert. Totholz, das vielen Pflanzen, Pilzen und Tieren als wichtiger Lebensraum dient. Finks Bilder von umgestürzten, vermodernden Baumstämmen zeigen, wie neues Leben auf ihnen gedeiht, wie Pilze, Moose, Flechten den ewigen Kreislauf des Lebens fortsetzen und ein Stück Wildnis haben entstehen lassen, das seinesgleichen sucht.
«Sihlwald – wild und schön» ist nicht nur ein Fotobuch, darin sind auch eine Vielzahl von Hintergrundtexten zu finden. Fink schildert, wie ab 1985 durch die Initiative des Stadtforstmeisters Andreas Speich und dessen Vision eines Naturwaldreservats der Grundstein für das Projekt «Naturlandschaft Sihlwald» gelegt wurde, wie der damalige Zürcher Stadtrat Ruedi Aeschbacher das Projekt vorantrieb. Es gab seinerzeit viel Widerstand – von Forstfachleuten bis hinauf in höchste Bundesstellen – gegen die Idee, 12 Quadratkilometer Wald mitten im dicht besiedelten Mittelland der Natur selbst zu überlassen. Isabelle Roth, Leiterin Bereich Naturwald und stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Wildnispark Zürich, begreift denn auch den Sihlwald nicht nur als naturwissenschaftliches Experiment, sondern auch als gesellschaftliche Herausforderung. Im Interview mit Caroline Fink schildert Roth, wie viele Menschen in unserer Kultur Mühe hätten mit dem Nichtstun, mit dem ungestalteten Belassen eines Waldraumes. In einem Naturwald oder Urwald könne man lernen, loszulassen und die Kräfte der Natur, so wie sie «ungeordnet» wirken, annehmen.
2010 wurde der Wildnispark Zürich Sihlwald zum ersten «Naturerlebnispark – Park von nationaler Bedeutung» erklärt. Das vom Bundesamt für Umwelt verliehene Label gilt zehn Jahre. In diesem Jahr wurde es dem «Wildnispark Zürich Sihlwald» erneut verliehen.
Widerstand gegen Beschränkungen
Zur Sprache kommt im Buch auch eine Stimme aus dem Knonauer Amt. Ein, wenn auch kleiner Teil, der Parkfläche fällt ja ins Gemeindegebiet von Hausen und damit ins Säuliamt. Bruno Heinzer aus Hausen ist Mitbegründer der Interessengemeinschaft «Sihlwald für alle». Dem Sihlwald und der Schutzverordnung steht der Hausemer kritisch gegenüber. Als Kind streunte er oft im Sihlwald herum, unternahm später ausgedehnte Trainingstouren zu Fuss und mit dem Mountainbike, veranstaltete Klettertouren mit Schülern. Als 2010 im Sihlwald Tafeln mit Beschränkungen für Wanderer, Reiter und Velofahrer aufgestellt wurden, wehrte sich Heinzer mit der IG «Sihlwald für alle» dagegen. Die IG erreichte, dass die Schutzverordnung überarbeitet und der Gratweg aus dem Perimeter genommen wurde. Dennoch, so schreibt Heinzer, habe er das Gefühl, «dass uns etwas weggenommen wurde». Er findet es nicht in Ordnung, wenn mittels Bäumen Waldwege für Wanderer, Reiter und Velofahrer unpassierbar gemacht werden. Die Funktion der IG sieht Heinzer darin, «weiterhin ein Auge darauf zu haben, dass die jetzigen Wege offen bleiben und gut unterhalten werden.»
«Sihlwald – wild und schön», Caroline Fink, AS Verlag, Zürich 2020, 48 Franken


