Die Stunde der Vögel

Wer einen ornithologischen Grundkurs besucht, erlebt die Vogelwelt in der Region hautnah. Feldornithologen vermitteln dabei Wissenswertes über Natur- und Vogelschutz.

Vogelbeobachter wie Köbi Moser, Maya und Michel d’Hollosy (von links) wissen um die verschiedenen Arten im Bezirk Affoltern. (Bild Angela Bernetta)
Vogelbeobachter wie Köbi Moser, Maya und Michel d’Hollosy (von links) wissen um die verschiedenen Arten im Bezirk Affoltern. (Bild Angela Bernetta)

Es ist noch früh an diesem Samstag im Frühling. Gleichwohl joggen, radeln oder spazieren nicht wenige dem kleinen Weiher oberhalb der Gemeinde Hedingen oder den nahen Feldwegen entlang. Auch Michel und Maya ­d’Hollosy und Köbi Moser vom Natur- und Vogelschutzverein Bezirk Affoltern sind früh aufgestanden. In dezenten Farben gekleidet, schultern sie das Beobachtungsfernrohr mit Stativ und machen sich auf in Richtung Wald, um Vögel zu sichten. Man ist lediglich zu viert unterwegs, da wegen des Coronavirus nur Gruppen von maximal fünf Personen erlaubt sind. Anders die Gefiederten, die frühmorgens besonders zahlreich, fit und bereits ziemlich laut sind. «Das nahe Waldstück bietet mit dichtem Unterholz und alten Bäumen ideale Lebensbedingungen für verschiedene Vogelarten», sagt Michel d’Hollosy. Man brauche zum Vögel beobachten keine teure und komplizierte Ausrüstung. Ein Feldstecher und ein Bestimmungsbuch reichen aus. «Der Kosmos Vogelführer gibt einen guten Einblick in die Schweizer Vogelwelt», ergänzt Michel d’Hollosy. Auch Apps wie Xeno-canto.org helfen, die Arten und Stimmen der Gefiederten zu ­bestimmen.

Vogelpopulation nimmt ab
Vögel leben überall. Sie flattern und zwitschern im Wald und am Wasser, sind im Siedlungsraum und Kulturland genauso wie rund um unsere Feuchtgebiete unterwegs. Der Natur- und Vogelschutzverein Bezirk Affoltern bietet in Zusammenarbeit mit BirdLife Zürich jährlich einen Grundkurs an, der diesen Örtlichkeiten und seinen gefiederten Bewohnern nachgeht. Ergänzt werden die mehrstündigen Exkursionen, die jeweils frühmorgens stattfinden, mit Theoriekursen. «In diesem Jahr mussten wir den Kurs wegen des Coronavirus leider abbrechen und auf das nächste Jahr verschieben», sagt Michel d’Hollosy.

Aufgrund der grossen Nachfrage sei ein neuer und zusätzlicher Kurs
angedacht, der zwischen dem ornithologischen Grundkurs und der Ausbildung zum Feldornithologen angesiedelt sein könnte. Breite Aufmerksamkeit sei wichtig, da die Vogelpopulation in der Schweiz konstant abnehme. «Die intensive Nutzung der Landwirtschaft, die sinkende Zahl an Insekten und die Entwässerung der Feuchtgebiete schränken nicht nur den Lebensraum der Gefiederten ein, sondern berauben sie ihrer Nahrungsgrundlagen», ergänzt Köbi Moser.

Gute Sichtung möglich
Die Exkursionen Anfang Jahr sind auch deshalb reizvoll, da viele Vogelarten in Paarungslaune sind. «Während der Balz werben die Männchen im schönsten Prachtkleid um die Gunst der schlichter gefiederten Weibchen», erklärt Michel d’Hollosy. Vogelgesang oder Rufe seien zweckdienlich und regeln die Balz oder grenzen das Revier ab. «Im Moment ist die Zahl an Arten überschaubar, da Zugvögel wie Rauchschwalbe, Mauersegler oder Tauchrohrsänger erst gegen Ende April aus dem Winterquartier zurückkehren», ergänzt Köbi Moser. Gut zu sehen und zu hören seien deshalb Amsel, Rotkehlchen, Zaunkönig, Ringeltaube oder Kohlmeise. «Da Bäume und Büsche noch weitgehend kahl sind, kann man die Vögel leichter entdecken, als später im Jahr, wenn das Laub alles verdeckt.»

Wie auf Geheiss schwebt eine Ringeltaube über die Wiese und lässt sich auf einem nahen Baum nieder. Irgendwo im Gebüsch trillert ein Zaunkönig während sich ein Grünspecht an einem Stück Holz zu schaffen macht. Auch ein Rotkehlchen hebt seine Stimme. «Diese putzigen Vögel können ganz schön aggressiv werden, wenn sie ihr Revier verteidigen», sagt Michel d’Hollosy. Köbi Moser ergänzt: «Versuchsweise habe ich kürzlich einen orangefarbenen Wattebausch in ein Gebüsch nahe eines Nestes gelegt. Die Rotkehlchen haben ihn völlig zerzaust.»

Vielfältige Aufgaben
Vogelbeobachter wie Michel und Maya d’Hollosy und Köbi Moser sehen und hören Dinge, die für ungeübte Augen und Ohren kaum sicht- und hörbar sind. Sie wissen um Gestalt, Schwanzform, Gefiederfärbung oder Schnabelform der Gefiederten, erkennen diese am Gesang, der Grösse und an der ­Flugbewegung. «Im ornithologischen Grundkurs führen wir die Teilnehmer über wenige Arten wie Amsel, Buchfink oder Kohlmeise in die Vogelwelt ein», erklärt Köbi Moser. Zusätzlich werde Wissenswertes zum Natur- und Vogelschutz vermittelt.

«Die Aufgaben eines Natur- und Vogelschutzvereins sind vielfältiger geworden», sagt Köbi Moser. «Früher waren wir mit der Winterfütterung, der Betreuung der Nistkästen und
Exkursionen beschäftigt. Heute dreht sich zusätzlich viel um die Erhaltung und Förderung der Biodiversität. Praktischer Naturschutz wie Pflegeeinsätze sind nicht selten.»
Mittlerweile ist es Mittag. Von den Vögeln ist nicht mehr viel zu hören. Einzig ein Rotmilan kreist über uns. Nach Bartgeier und Steinadler ist er der drittgrösste einheimische Greifvogel. Rotmilane gehören (noch) nicht zu den gefährdeten Arten. Knapp 40 Prozent der hiesigen Brutvogelarten allerdings schon.

Weitere Infos unter www.nvba.ch.

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