Dorf-App Crossiety: Viel Geld für wenig Austausch?

Bonstetten steigt aus, Obfelden hält an Plattform fest − obwohl genaue Nutzungszahlen fehlen

Blick auf einen Beitrag, den die Gemeinde im sogenannten Dorfplatz veröffentlicht hat. (Bild Claudia Eugster)
Blick auf einen Beitrag, den die Gemeinde im sogenannten Dorfplatz veröffentlicht hat. (Bild Claudia Eugster)

Unter dem Titel «Weniger Kanäle, mehr Klarheit» hat die Gemeinde Bonstetten Mitte September über die Schärfung ihrer Kommunikationskanäle informiert. Das Konzept sieht vor, künftig auf weniger, dafür auf einfachere und direktere Kommunikationskanäle zu setzen. Neu können sich Bonstetterinnen und Bonstetter «unkompliziert über den gemeindeeigenen Whatsapp-Kanal informieren lassen», schreibt die Gemeinde. Facebook, Instagram und Crossiety werden eingestellt.

Bonstetten: Rund 50000 Franken für fünf Jahre

Besonders bei Crossiety ist dieser Schritt bemerkenswert, da sich die Gemeinde den Dienst in der Vergangenheit einiges hatte kosten lassen. In Betrieb genommen hatte Bonstetten die digitale Kommunikationsplattform im April 2022. Anders als eine klassische Gemeindewebsite ermöglicht Crossiety nicht nur die Verbreitung von Informationen, sondern auch den Austausch zwischen Einwohnern, Vereinen, Gewerbe und Behörden. Mit dem Angebot habe die Gemeinde die regionale Vernetzung fördern und der Bevölkerung sowie den Vereinen eine zusätzliche Kommunikationsplattform bieten wollen, schreibt die Gemeinde auf ihrer Website zum Strategiewechsel. «Allerdings haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass die Nutzerzahlen gering sind und die jährlichen Lizenzkosten in keinem angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehen.»

Auf Nachfrage gibt die Gemeinde die Kosten bekannt: Für die fünfjährige Laufzeit kostete Crossiety insgesamt knapp 50 000 Franken (exklusive Mehrwertsteuer). Darin enthalten sind die Lizenzkosten und die Betreuung der Schnittstelle zur Gemeindewebsite. Auf das Vertragsende per 31. März 2027 wird Crossiety in Bonstetten nun eingestellt.

Obfelden: Wie viele die App wirklich nutzen, lässt sich nicht eruieren

Nach dem Ausstieg Bonstettens ist Obfelden wieder die einzige Gemeinde im Knonauer Amt, die auf Crossiety setzt. Sie war im April 2020 als Vorreiterin gestartet. Hintergrund für die Lancierung war laut Gemeinderat eine Bevölkerungsumfrage im Herbst 2019, die ergeben hatte, dass sich die Einwohnerinnen und Einwohner mehr digitale Nachrichten wünschen.

Basierend auf den heutigen Jahreskosten dürfte Obfelden seit der Einführung zwischen 65 000 und 70 000 Franken für Crossiety ausgegeben haben. Anders als in Bonstetten steht die Plattform in Obfelden jedoch nicht zur Disposition. «Crossiety ist einer der bewährten Kommunikationskanäle der Gemeinde», heisst es auf Anfrage. «Ein Verzicht steht aktuell nicht zur Debatte.» Neben Crossiety setzt die Gemeinde mittlerweile auch auf Whatsapp; beide Kanäle würden gleichermassen bespielt.

Zu den Nutzerzahlen nennt die Gemeinde folgende Angaben: Vier Monate nach dem Start, Ende August 2020, waren 646 Nutzerinnen und Nutzer aus Obfelden registriert. Per 1. September 2026 waren es 1278 – fast doppelt so viele. Die Zahl der registrierten Nutzerinnen und Nutzer ist damit seit dem Start deutlich gestiegen.

Allerdings sagt die Zahl der Registrierungen nur bedingt etwas darüber aus, wie intensiv Crossiety tatsächlich genutzt wird. Wer die App irgendwann nicht mehr verwendet, muss sein Konto schliesslich nicht löschen. Aussagekräftiger wären Angaben dazu, wie viele der 1278 registrierten Obfelderinnen und Obfelder die Plattform regelmässig besuchen oder aktiv nutzen. Doch diese Kennzahlen liegen selbst der Gemeinde nicht vor: Die Betreiber der App sind nach eigenen Angaben bisher nicht in der Lage, solche Nutzungsdaten «mit der nötigen Verlässlichkeit» auszuweisen. Die statistischen Auswertungs- und Trackingmöglichkeiten würden derzeit verbessert, heisst es dazu. Dabei müssten auch die geltenden Datenschutzvorgaben berücksichtigt werden. Wann detailliertere und verlässliche Auswertungen möglich sein werden, könne man noch nicht sagen.

Rege Diskussionen kommen auf dem Dorfplatz kaum zustande

Erfüllt die App Crossiety in Obfelden tatsächlich die Rolle eines interaktiven Dorfnetzwerks – oder ist sie vor allem ein weiterer Ausspielkanal für die Gemeinde?

Wer die App öffnet, landet auf dem sogenannten Dorfplatz, dem zentralen Nachrichten- und Diskussionsbereich für Privatpersonen, Gruppen, Institutionen oder Vereine. Ein Blick auf sämtliche Beiträge des ersten Halbjahrs 2026 zeigt, wie intensiv dieser tatsächlich bespielt wird: Insgesamt wurden in den sechs Monaten rund 200 Beiträge veröffentlicht – also im Schnitt gut einer pro Tag. Mit Abstand am meisten steuerte die Gemeinde Obfelden bei: Rund 70 Beiträge und damit mehr als jeder dritte stammten von ihr. Weitere knapp 40 veröffentlichte «Obfelden Info».

Von Januar bis März war die Aktivität deutlich höher als von April bis Juni. Grund dafür waren die Gesamterneuerungswahlen. Parteien und politisch Engagierte veröffentlichten im Vorfeld zahlreiche Beiträge und Wahlempfehlungen. Zu grösseren Diskussionen kam es allerdings kaum. Einmal sorgte etwa ein Beitrag einer Gemeinderätin für Aufsehen, die sich ebenfalls zur Wiederwahl stellte und darin interne Vorgänge im Gemeinderat öffentlich kritisierte. Im Zuge der Debatte erhielt ein Beitrag 63 Likes – ein klarer Ausreisser.

Insgesamt bleibt die sichtbare Beteiligung auf dem Dorfplatz gering. Die meisten Beiträge erhalten keine oder nur wenige Likes, Kommentare sind die Ausnahme. Selbst bei Themen mit Konfliktpotenzial entstehen kaum längere Diskussionen. An einer Umfrage zur erwähnten Kritik einer (inzwischen ehemaligen) Gemeinderätin beteiligten sich 54 Personen. Bei 1278 registrierten Obfelder Nutzerinnen und Nutzern entspricht das gut vier Prozent.

Auch die wenigen direkten Aufrufe aus der Bevölkerung, etwa nach Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung, lösen kaum öffentlich sichtbare Reaktionen oder konkrete Tipps aus.

Einzelne Gemeindebeiträge werden häufig angezeigt

Neben dem Dorfplatz bietet Crossiety verschiedene Gruppen, in denen sich die Nutzerinnen und Nutzer zusammenschliessen können. Zwischen Januar und September dieses Jahres wurden dort laut Gemeinde monatlich 43 bis 66 Beiträge veröffentlicht. Auswerten lässt sich auch, wie häufig einzelne Beiträge angezeigt wurden. Mitteilungen der Gemeinde erreichen demnach in der Regel mindestens 700 sogenannte Impressionen. Bei besonders gefragten Themen seien es deutlich mehr: Meldungen zu den Feuerverboten kamen auf 1300 bis 1600 Impressionen, jene zum FAQ Tempo 30 auf rund 2300.

Wie viele Personen damit tatsächlich erreicht werden, lässt sich daraus allerdings nicht ablesen. Impressionen zeigen lediglich, wie oft ein Beitrag angezeigt wurde – nicht, wie viele unterschiedliche Personen ihn gesehen haben. Wie viele Obfelderinnen und Obfelder Crossiety regelmässig nutzen, bleibt somit offen.

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