Ein alter Vers zum neuen Jahr
Gedanken zum Jahreswechsel von Urs Boller

Der altrömische Gott Ianus wird meist mit einem Schlüssel dargestellt. Vor allem aber hat er zwei Gesichter. Eines, das zurückschaut in die vergangene Zeit, und eines, das vorausblickt in die Zukunft. Der Monat Januar hat von ihm seinen Namen. Ianus ist quasi der Gott der offenen Tür. Er versinnbildet den Übergang und widerspiegelt das menschliche Bedürfnis, beim Jahreswechsel einen Augenblick innezuhalten, abzuschliessen mit dem, was zurückliegt und in Gedanken nach vorne zu schauen. Was sich allerdings für gewöhnliche Sterbliche als nicht sehr aufschlussreich erweist. In die Zukunft zu blicken, übersteigt den menschlichen Horizont. Aber immerhin könnte die Gottheit mit der doppelten Blickrichtung darauf hinweisen, dass sich mit der nötigen «Voraussicht» und mit gebührender «Rücksicht» die künftigen Geschehnisse und Entwicklungen ein Stück weit beeinflussen und mitgestalten lassen. In diesem Sinne gibt es ein uraltes Friedensrezept, das sich nicht nur bei den alten Römern bewährt hat, sondern in aller Welt als goldene Regel gilt. Sie lautet kurz und bündig: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge keinem anderen zu».
Hinter dieser leicht und allgemein verständlichen Redensart, die der chinesische Weisheitslehrer Konfuzius bereits um 600 vor Christus propagierte, verbirgt sich mehr, als man auf den ersten Augenblick meinen könnte. Es handelt sich um die einzige ethische Richtlinie, die zum gemeinsamen Kulturgut aller Völker und Religionen gehört.
Die goldene Regel
In den jüdischen Schriften findet sich dazu eine hübsche Anekdote, die Folgendes berichtet: Zu Rabbi Hillel – einem Zeitgenossen Jesu – kam einst ein eiliger Geschäftsmann mit einem sonderbaren Anliegen: «Bitte, erkläre mir in der Zeit, in der ich auf einem Bein zu stehen vermag, den wesentlichen Inhalt des jüdischen Glaubens». Der Rabbi überlegte nicht lange und erwiderte spontan: «Was dir nicht lieb ist, tu den andern auch nicht an. Das ist die ganze Lehre. Geh und lerne.»
Dieselbe Empfehlung findet sich in positiver Formulierung auch im Matthäusevangelium. Sie lautet in der christlichen Version: «Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Darin besteht das ganze Gesetz und alles, was die Propheten je gelehrt haben.»
Und nochmals mit andern Worten ist derselbe Grundsatz auch im islamischen Schrifttum zu finden, wo es in der Hadith heisst: «Liebe für die Menschen das, was du für dich selber liebst. Dann bist du ein rechtgläubiger Muslim».
Es ist erstaunlich, dass die theistischen Religionen in dieser grundlegenden Einsicht übereinstimmen. Noch verblüffender aber ist es, dass sie alle beteuern, damit sei alles gesagt und darin sei alles enthalten. Wie soll man dies verstehen? Steht nicht bei allen drei Religionen die Liebe zu Gott an erster Stelle? Kann man denn die religiöse Dimension einfach ausklammern und behaupten, im bedingungslosen Respekt vor den Mitmenschen sei alles enthalten? Ja, man kann. Die religiöse Dimension ist nicht ausgeklammert, sondern eingeschlossen. Wer den Menschen – jeden Menschen in seiner Einmaligkeit – als ein Geschöpf Gottes achtet, der achtet und ehrt damit auch seinen Schöpfer. Und hätten die grossen Religionen nur diesen einen Grundsatz, der ihnen gemeinsam wichtig und heilig ist, ernst genommen, dann wäre so mancher grausame Krieg ausgeblieben. Ganz zu schweigen von den gegenwärtigen Gräueltaten.
Nach meiner Ansicht ist es höchste Zeit, Abschied zu nehmen von religiösen und politischen Ideologien aller Art und sich auf die goldene Regel zu besinnen, in der alles Wesentliche enthalten ist. Mit allen guten Wünschen zum neuen Jahr und Hillels Empfehlung: «Geh und lerne.» (ubo)
Gesungene Version auf youtube.com/yjgVDqb96fM.


