Ein Buch, das Mut aufs Älterwerden macht
Menschen erzählen, was sie durch das Älterwerden gewonnen – und was verloren haben
Woran denken Sie, wenn Sie ans Alter denken? Welche inneren Bilder, welche Gefühle und welche Erinnerungen tauchen auf? Manche Menschen glorifizieren das Alter, andere betrachten es vor allem unter dem Aspekt von Verlust und Einschränkungen. Die eigene Haltung, Vorstellungen, Erwartungen und Ängste gegenüber dem Älterwerden können jedoch beeinflussen, wie wir diese Lebensspanne erleben.
Im Buch «Anders alt» von Seraina Sattler und Anna Six erzählen zehn Menschen, wie sie ihr Älterwerden erleben. Ihre Geschichten räumen mit der Vorstellung auf, dass im Alter vor allem Rückzug und Routine bleiben.
Victor Burtscher, Obfelden
Victor Burtscher, Jahrgang 1943, war vor rund 50 Jahren Mitgründer des Ulmenhofs in Ottenbach, wo Familien, Erwachsene und Kinder in belastenden Lebenssituationen professionell begleitet werden. «Ich weiss nicht, ob ich den Job als Sozialarbeiter heute noch machen könnte», fragt er sich. «Obwohl ich beruflich jahrelang mit schweren Schicksalen zu tun hatte, getraue ich mich erst jetzt allmählich, der Schwere im Leben Raum zu geben und echtes Mitgefühl aufzubringen.»
Victor Burtscher ist Vater von vier Kindern und neunfacher Grossvater. Mit seiner Familie unternimmt er nach wie vor Wanderungen. Er gibt freimütig zu, Aussenbeziehungen gehabt zu haben. Liesbeth bekam Krebs. «Wir hatten eine sehr gute Kranken- und Sterbenszeit zusammen. Ich konnte voll für sie da sein, es gab sehr viel Nähe.»
Kurz darauf wurde auch bei ihm, nach einer komplizierten Operation wegen eines Aneurysmas, Krebs diagnostiziert. Er war damals siebzig Jahre alt. «Derart mit der Endlichkeit konfrontiert zu sein, war hart.» Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose bekam er eine neue Leber.
Die wertvollste Zeit ist die Gegenwart
Er begann, bewusst im Moment zu leben. Im Buch erzählt er, wie er heute in der Genossenschaft Lindenbach in Obfelden lebt und die Gemeinschaft dort schätzt. Er nimmt an regelmässigen Tanzanlässen und einer Lesegruppe teil, gelegentlich isst man auch gemeinsam. «Da ich mir nicht zutraue, für 15 Personen zu kochen, melde ich mich jeweils für den Abwasch.» Er erzählt von seiner Liebe zu einer fünfzehn Jahre jüngeren Frau und von seinem Engagement im Opernhaus Zürich, wo er als Nacktdarsteller auf der Bühne steht.
Beeindruckend ist, wie er seinen Lebensweg beschreibt: von der Kindheit in einer christlichen Familie über die Hippie-Szene bis zu seiner heutigen Lebenseinstellung. «Heute glaube ich nicht mehr an Gott. Doch es ist paradox: Ich fühle mich trotzdem von göttlichen Wesen beschützt.» Dankbar ist er seiner Mutter, die ihm dieses Grundvertrauen vermittelt hat: Alles kommt gut. Er sagt von sich, er habe ein sonniges Gemüt und sehe meist das Positive. «Wenn man das Leben loslässt, wird man nochmals anders beschenkt, als wenn man es halten will.» Deshalb plant er nicht weit in die Zukunft. Insgeheim hoffe er natürlich, dass er ein «Ploderi» sei und noch lange lebe.
Beeindruckende Lebensgeschichten
Vreni Häller, Jahrgang 1948, studierte nach mehreren «Versuchen» in anderen Berufen Medizin und wurde Psychiaterin. Sie hörte ein Leben lang anderen zu. Heute lebt sie in den Bergen, geniesst das Alleinsein, besteigt Gipfel und schwimmt in kalten Gewässern. «Die Rückschau aufs Leben wird einfach immer vielfältiger. Ich bin sehr zufrieden damit, wie mein Leben verlaufen ist.»
Heidi Grebe, Jahrgang 1954, lebte fast siebzig Jahre in einem Körper, der nicht zu ihrer Geschlechtsidentität passte. «Ich war nicht identisch als Mann.» Sie unterzog sich einer geschlechtsangleichenden Operation. «Ich habe ein zweites Leben im Ersten erhalten, das ist schon wahnsinnig.»
Martina Fäh, 1948, war Ordensfrau und führt heute mit ihrer Freundin eine Lebensgemeinschaft. Vor Gebrechlichkeit hat sie keine Angst, sondern setzt sich bewusst damit auseinander und bereitet sich darauf vor.
Karin Eberhart, 1948, erzählt, wie sie sich Mitte siebzig in einen deutlich jüngeren Mann verliebte und sich später mithilfe der Polizei wieder von ihm lösen musste.
Weitere Lebensgeschichten erzählen beispielsweise von einem Landwirt, der seinen Bauernhof an seinen Sohn übergeben hat, und von einer Frau, die, aufgewachsen in Peru, mit 62 Jahren den Lehrgang zur Pflegehelferin des Schweizerischen Roten Kreuzes absolvierte.
Ein Buch, das Impulse geben kann
Das Buch lebt nicht nur von den Geschichten der erzählenden Personen, sondern auch von den ausdrucksstarken Fotos von Gabi Vogt.
Ergänzt wird das Buch durch drei Fachgespräche, die deutlich machen: Altern betrifft uns alle. Zu Wort kommt auch die Altersforscherin Sabina Misoch. Sie thematisiert die Extreme: auf der einen Seite stark defizitorientierte Stereotypen, die das Alter als «unsexy», grau und trist darstellen – und andererseits das Bild vom «Bestager» auf dem Surfbrett. Sie meint, grundsätzlich sollte man altersbezogene Vorurteile, auch jene gegenüber Jugendlichen und jungen Erwachsenen, überdenken und darüber sprechen.
Sie nimmt auch das Thema Longevity, also Langlebigkeit, auf – ein grosser Markt entsteht aktuell darum herum. Doch sie ist überzeugt: «Wer kein positives Bild vom Alter hat, dem nützen auch hundert Vitamintabletten am Tag nichts.»
Gutes Altern bedingt eine stete Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und mit der Frage, was dem eigenen Leben Sinn gibt.
Die zehn offenen und ehrlichen Lebensgeschichten regen dazu an, die eigenen Werte und Vorstellungen vom Älterwerden zu hinterfragen und neu zu definieren. Interessant ist es bestimmt auch, mit einer nahestehenden Person über das Buch zu sprechen – beispielsweise mit den Enkelkindern. Denn «Anders alt» zeigt auf eindrückliche Weise: Älterwerden ist kein einheitlicher Zustand, sondern ein persönlicher Weg, der bis zuletzt offenbleibt.
«In der Schweizer Bevölkerung wächst fast nur noch die Gruppe der Pensionäre», ist in den Bevölkerungsprognosen des Bundesamts für Statistik zu lesen. Heute altern wir gesünder als die Generationen vor uns. Den «Anzeiger» interessiert, wie Menschen es schaffen, nach der Pensionierung ein sinnvolles, zufriedenes und interessantes Leben zu gestalten. Denn es geht nicht nur um die Anzahl der Jahre, sondern um deren individuell gelebte Lebensqualität. Die Redaktion nimmt gern Input entgegen:
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