Ein Ottenbacher startet durch in schwindelnde Höhen
Der 22-jährige Joel Jia Le Tan studiert ab diesem Herbst in den USA Luft- und Raumfahrttechnik
Es ist ein sonniger Augusttag, kurz vor der Abreise von Joel Tan in die Vereinigten Staaten. Wir sind im «Innovationspark Zürich» verabredet, der heute von sogenannten Spinoffs der ETH Zürich für die Forschung an visionären Zukunftstechnologien genutzt wird. Der junge Ottenbacher spart sich den üblichen Smalltalk bei der Begrüssung, kommt schon in den ersten Sekunden auf die wissenschaftlichen Hintergründe der hier angesiedelten Forschungen zu sprechen. Für Normalsterbliche ist dies eine Welt, die man sonst eher von Wissenschaftssendungen im Fernsehen oder von einschlägigen Kanälen auf Videoplattformen im Internet kennt.
Studierende bringen in Dübendorf die Raumfahrttechnik voran
Nur schon der Weg zu der Halle, in der «seine» Forschung stattfindet, mutiert zu einer eigentlichen Führung – es ist auch ohne den Anblick eines fertigen Produkts faszinierend zu sehen, zu welch unterschiedlichen, allesamt futuristischen Themen auf dem für die Schweizer Aviatik geschichtsträchtigen Boden experimentiert wird. So sind etwa Fahrwegs-Komponenten eines Verkehrssystems aufgebaut, das einst in der luftleeren Röhre Passagiere mit nie dagewesenen Geschwindigkeiten von einem Ort zum anderen befördern soll. Womit wir in gewisser Weise schon beim Thema von Joel Tan angelangt sind, denn auch bei ihm geht es um Geschwindigkeit. In seinem Fall sorgen aber nicht Magnetfelder und Linearmotoren, sondern Raketen für den nötigen Vortrieb. Vorsichtig öffnet der Student eine Tür, und beim Anblick des Inneren der Halle bietet sich ein Bild, das man am liebsten fotografisch festhalten würde. Sauber aufgereiht stehen einige strahlend weisse Raketen mit farbigen Emblemen vor uns, unterschiedlich hoch, meist mit Durchmessern, die ein Erwachsener mit seinen Armen gerade noch umfangen könnte. Sind es Attrappen, die symbolhaft für das stehen, woran hier geforscht wird? Diese Frage schwirrt einem einen Moment lang durch den Kopf, sie verbietet sich aber, denn hier ist alles echt, und viele dieser Ungetüme wären auch tatsächlich schon bereit, in den Himmel aufzusteigen. «In dieser Halle forscht ARIS, die Akademische Raumfahrt Initiative Schweiz», erklärt Joel Tan. Die Studierenden, die hier zugange seien, machten dies freiwillig und ohne Bezahlung. Sie stammten nicht nur von der Eidgenössischen Technischen Hochschule, sondern beispielsweise auch von der ZHAW oder der Ostschweizer Fachhochschule in Rapperswil. Er selbst habe im letzten Jahr während seines Studiums an der ETH ein sogenanntes Fokus-Projekt absolvieren dürfen, ein Privileg, das nicht allen vergönnt ist. «Statt in die Vorlesung zu gehen, macht man etwas Praktisches, es besteht hier eine Kollaboration zwischen der ETH und ARIS», so der Student weiter. Die Entscheidung, wer in den Genuss eines solchen Projekts kommt, sei ausgesprochen selektiv, von insgesamt etwa vier- bis fünfhundert Studierenden würden ungefähr hundert bis hundertzwanzig dafür ausgewählt. «Ein solches Fokus-Projekt ist nicht billig umzusetzen, finanziert wird das Ganze durch Sponsoren», erfährt der Besucher.
In dieser Woche wartet die European Rocketry Challenge
Schnellen Schrittes geht es zu einem Regal in einer Ecke der Halle, und der angehende Raketentechniker nimmt ein Triebwerk aus einem Fach. «Dieses ist schon mehrmals verwendet worden», erklärt er. Fast schon ehrfürchtig betrachtet man das metallene Objekt und versucht sich vorzustellen, wie es unter Einsatzbedingungen fauchend und Feuer speiend eine Rakete in luftige Höhen befördert. Die ständige Weiterentwicklung und die zahlreichen Versuche mit dem Ziel, eine selbst konzipierte oder bereits bestehende Rakete noch besser und schneller zu machen, lohnen sich auch insofern, dass man sich mit Teams aus anderen Ländern messen kann: «Ab dem 15. Oktober werden wir an der Europameisterschaft in Portugal dabei sein, an der European Rocketry Challenge», strahlt Joel Tan. In seiner Zeit am Gymnasium habe er ein spezielles Interesse an Fluid-Dynamik entwickelt, erklärt der Ottenbacher, und er habe dadurch schon zweimal an der Physik-Weltmeisterschaft teilnehmen können. Im Jahr 2021 habe diese in Georgien stattgefunden, was seinem Team die Silbermedaille eingebracht habe. Ein Jahr später, in Rumänien, habe es sogar für Gold gereicht. «Man hat ein Jahr Zeit, um physikalische Experimente zu machen, am Turnier selbst wird dann eine zwölfminütige Präsentation verlangt, in der die Problemstellung und die dazu erarbeitete Lösung dargelegt wird», erfährt der Gast vom «Anzeiger». Im Nachgang folge dann eine wissenschaftliche Debatte. Es handle sich bei der WM um einen Teamwettkampf mit jeweils fünf Schülerinnen und Schülern pro Land.
Jahresstipendium als «Booster» in einer raketenartigen Studiumslaufbahn
Seit diesem Herbst studiert Joel Jia Le Tan nun an der renommierten Stanford University in den USA, im Studiengang Master of Science in Luft- und Raumfahrttechnik möchte er sich das Wissen aneignen, das für die Planung und Ausführung von Weltraummissionen essenziell ist. «Ein konsequenter nächster Schritt, nachdem er bei ARIS während dreier Jahre bi-liquide Raketentriebwerke entwickelte», schreibt dazu die Schweizerische Studienstiftung. Von dieser hat der 22-Jährige das begehrte Jahresstipendium im Wert von 20000 Franken für das Studienjahr 2026/2027 zugesprochen bekommen. «Der Entscheidungsprozess für das Stipendium ist nicht einsehbar, ich weiss also nicht, warum genau ich ausgewählt wurde», erklärt Joel Tan. Von alleine passiere dies aber in keinem Fall: «Man muss sich bewerben, einen Grund angeben, warum man das Stipendium möchte, seine Motivation darlegen und zusätzlich ein Empfehlungsschreiben beilegen, entweder von einem Professor, Gymilehrer oder Arbeitgeber», führt der Student aus. Für die Anmeldung an der Universität in den USA seien sogar drei solcher Empfehlungsschreiben von verschiedenen Personen erforderlich gewesen.
«Ich werde Ottenbach vermissen»
Es verbleibt nun die Frage, woher dieses riesige Interesse für die Raumfahrttechnik entspringt, lebt der junge Ottenbacher, dessen Eltern vor knapp drei Jahrzehnten aus Singapur in die Schweiz gekommen sind, seinen Traum aus Kindheitstagen? «Ich habe mich schon immer fürs Weltall interessiert, aber das Interesse war nicht spezifisch auf Raketen ausgerichtet. Dieser Fokus hat sich erst im Laufe meiner Gymnasiumszeit entwickelt. Wenn man mich aber als Kind nach meinem Traumberuf gefragt hätte, wäre die Antwort Astronaut gewesen, das ist tatsächlich so», bestätigt Joel Tan mit einem Lächeln. Obwohl er nach der Primarschule in Ottenbach das Gymnasium in Zürich absolviert hat (zweisprachige Matur nach zwei Jahren Literaturgymnasium Rämibühl plus vier Jahren Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium Rämibühl), hat er seine starke Bindung zum Ort seines Aufwachsens im Knonauer Amt stets behalten. «Ich werde Ottenbach vermissen», meint er mit einem leisen Anflug von Sentimentalität.
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tausend Franken wert ist das Stipendium von Joel Tan.






