Ein Diplomat fällt in der Schlacht

500 Jahre nach der Reformation (2): Das Kloster und Abt Wolfgang Joner

Das Kloster Kappel entwickelte sich im 14. Jahrhundert zunehmend zu einem Zentrum des niedrigen Habsburger Adels. Die dem heiligen Stephan gewidmete südlichste Kapelle des Klosters diente der Familie Gessler als Grabkapelle. Heinrich Gessler, einer der einflussreichsten Adligen im Mittelland, stiftete dem Kloster im Jahr 1387 eine stattliche Summe Geld.

Das Kloster Kappel entwickelte sich im 14. Jahrhundert zunehmend zu einem Zentrum des niedrigen Habsburger Adels. Die dem heiligen Stephan gewidmete südlichste Kapelle des Klosters diente der Familie Gessler als Grabkapelle. Heinrich Gessler, einer der einflussreichsten Adligen im Mittelland, stiftete dem Kloster im Jahr 1387 eine stattliche Summe Geld.

Am Eingang der Kapelle der heiligen Petrus und Paulus war das Wappen der «Böcke» genannten Uerzliker Ritter angebracht, dank einer Vergabung Ritter Heinrichs von Uerzlikon an das Kloster im Jahr 1232. (Bilder Erika Schmid)

Am Eingang der Kapelle der heiligen Petrus und Paulus war das Wappen der «Böcke» genannten Uerzliker Ritter angebracht, dank einer Vergabung Ritter Heinrichs von Uerzlikon an das Kloster im Jahr 1232. (Bilder Erika Schmid)

Der Abt des Klosters Kappel zur Reformationszeit, Wolfgang Joner (1471–1531), sei ein «reformatorischer Praktiker» gewesen, stellte Tobias Jammerthal, Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte und Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich, in einem vor einem Jahr publizierten Beitrag in der Zeitschrift «Zwingliana» fest. Der 1471 in Frauenfeld geborene Wolfgang Joner, genannt Rüppli, stehe beispielhaft für diese Gruppe reformatorischer Praktiker. Dabei habe es sich um Geistliche gehandelt, die innerhalb des spätmittelalterlichen Kirchensystems lokal oder regional eine herausgehobene Stellung bekleideten und sich entschieden, keinen Widerstand gegen die Reformation zu leisten oder diese gar aktiv zu unterstützen. Tragisch ist, dass der diplomatische Joner, der Auseinandersetzungen lieber schlichtete als gewaltsam ausfocht, in der Schlacht bei Kappel sein Leben verlor.

Kloster für adlige Söhne

Das Kloster Kappel unterschied die Laienbrüder von den adligen Mönchen. Die Laienbrüder erhielten als Gegenleistung für ihre Arbeit im Kloster und auf seinen Gütern Kost und Logis. Die maximal 16 Mönche waren eheliche Kinder Adliger, für die keine standesgemässe Ausstattung mit Gütern zur Verfügung stand. Sie mussten sich im Kloster mit ihrem Erbe einkaufen. Neben den Einnahmen aus feudalen Rechten zählte die Klosterwirtschaft zudem Vergabungen wie etwa jene des Ritters Heinrich von Uerzlikon zu ihren Einkünften, die dem Erwerb des Seelenheils, namentlich durch das Lesen von Messen für verstorbene Vorfahren, dienten.

Den Höhepunkt seiner Macht erreichte das Kloster Kappel unter Abt Johannes Specier (1336–1365), der die Klostergüter mit Käufen arrondierte und mit der Stadt Zug ein Burgrecht abschloss. Dies war 1344, acht Jahre vor der Eroberung der Stadt Zug durch Schwyz. Gründe dafür, dass der Abt von Kappel den Schutz der – damals nicht sonderlich starken – Stadt Zug suchte, könnten Konflikte mit der Kirchgemeinde Baar gewesen sein. Oder erhoffte er sich gar von Zug Schutz gegen die expandierende Stadt Zürich?

Verschuldung und Niedergang

Kurze Zeit später, unter Abt Heinrich Pfau (1387–1423), begann der Niedergang, dokumentiert durch Schuldverschreibungen und Verkäufe. Nach den Plünderungen im Alten Zürichkrieg im Jahr 1443 wurde das Kloster zwar wieder einigermassen aufgebaut, doch die Schulden stiegen weiter.

Der ausschweifende Lebenswandel Abt Ulrich Stämpflis (1471–1482) führte dazu, dass der Zürcher Rat 1474 die Kontrolle über die Klosterwirtschaft übernahm. Zürich hatte zwar nicht das Recht dazu, aber die Macht, dies durchzusetzen – sehr zum Ärger der Mönche, die sich offenbar gerne an den Kapriolen ihres Abts beteiligten. 1482 enthob der Zürcher Rat Stämpfli seines Amtes, auch dies, ohne dazu befugt zu sein. Diese Vorgänge zeigen, dass Zürich bereits ein halbes Jahrhundert vor der Reformation damit begann, die Kirche unter seine Kontrolle zu bringen.

Als neuer Abt wurde Johannes Schönenberger eingesetzt, der das Kloster so führte, wie es die Stadt wünschte – davon zeugt einerseits das Fehlen von Konflikten mit der weltlichen Obrigkeit, anderseits sein freiwilliger Rücktritt 1492, der auf Konflikte mit den Mönchen zurückzuführen gewesen sein könnte, welche Trinkgelage und andere Ausschweifungen vermissten. Auf ihn folgte Ulrich Trinkler, dem es oblag, nach dem Klosterbrand von 1493 die Gebäude erneut zu sanieren, bis auch er 1508 wegen Verschwendung abgesetzt wurde. Sein Nachfolger, Ulrich Wüst, verstarb 1519, am Vorabend der Reformation, an Pest.

Von Frauenfeld nach Kappel

Wolfgang Joner wuchs als Sohn des Schultheissen von Frauenfeld, gleichzeitig Herr zu Kesikon und Islikon, auf. Die alteingesessene Thurgauer Familie bewirtschaftete Lehen des Bischofs von Konstanz und des Abts von St. Gallen. Auch Wolfgangs Bruder Hans gehörte dem Frauenfelder Rat an. Wolfgang war bereits während des Brandes von 1493 Mitglied des Konvents der Kappeler Mönche. 1506 avancierte er zum Custos. In dieser Funktion war er unter anderem für bauliche Massnahmen an den Gebäuden zuständig. 1509 stieg er zum Prior, dem Stellvertreter des Abts, auf, bis er 1519 selbst mit der Führung betraut wurde. Anfang 1531 sprach ihm der Zürcher Rat als Dank für seinen über 40-jährigen Dienst im Kloster eine Leibrente zu, kurz vor seinem Tod in der Schlacht bei Kappel.

Joner war somit beim Eintritt ins Kloster noch nicht 20-jährig. Belege für eine höhere Bildung, namentlich ein Theologiestudium, liegen keine vor. Dennoch wurde er als Pastor nach Merenschwand abgeordnet. Im undatierten Dokument wird er als «Frater Wolphgang Ruplin Cappelanus» bezeichnet, als Kappeler Bruder Wolfgang Ruplin.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten prägten das Kloster während der ganzen 40-jährigen Zeit, in der Wolfgang Joner dem Konvent angehörte. Anders als seine Vorgänger vermied er als Abt Rechtsstreitigkeiten, sondern zog es vor, auf umstrittene Rechte gegen eine Ablösungszahlung zu verzichten. Möglicherweise gerade weil er selbst keine akademischen Weihen empfangen hatte, sandte er jüngere Konventmitglieder zum Studium und betrieb selbst humanistische Studien. So trat er auch in Kontakt mit Zwingli, der 1521 in einem Brief erwähnte, der Abt von Kappel habe die deutsche Übersetzung eines Werks von Erasmus von Rotterdam in den Druck gegeben. Erasmus forderte darin ein Ende der zahlreichen Kriege, die Europa erschütterten.

Auch Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger beschrieb Wolfgang Joner als einen Mann, der es liebte, zur Dorfbevölkerung zu predigen, der sich um die Armen sorgte und sich eifrig um die «rechte Lehre» bemühte. Joner hatte Bullinger direkt nach dessen Studium in Köln als Klosterlehrer nach Kappel berufen und besuchte dessen Unterrichtsstunden nach Möglichkeit auch selbst. Von Joners Bildungsoffensive zeugt zudem ein Schreiben des Pfarrers von Cham, der in einem Brief an Bullinger schwärmte, dass er keine Bibliothek kenne mit so vielen Bänden der besten Schriftsteller wie im Kloster Kappel.

Joners Bemühen um die Bibliothek spiegelt sich auch in seinem Engagement, Bücher namhafter Gelehrter wie des St. Gallers Joachim Vadian vom Autor persönlich zu erhalten. Ansonsten verzichtete er weitgehend auf umfangreiche Korrespondenzen, wie sie etwa Zwingli und Bullinger pflegten.

Der Zürcher Rat anerkannte Joners humanistisches und reformatorisches Engagement, das allerdings auch nicht zur Gesundung der Klosterfinanzen beitrug, indem er dem Abt 1527 gestattete, Messgewänder und liturgische Gerätschaften zu verkaufen, um damit Schulden zu tilgen, während andere Klöster in der Zürcher Herrschaft diese Vermögenswerte der Stadt abtreten mussten. Gelehrsamkeit wurde belohnt, Völlerei und andere weltliche Lüste der Mönche dagegen bestraft.

Während sich die Stadt Zürich dank der Reformation klösterliche Vermögenswerte aneignen konnte, waren die Klöster selbst mit Geldforderungen Adliger konfrontiert, die ihre Stiftungen zurückverlangten, da deren Zweck, Messen zu lesen, hinfällig geworden sei, was sich allerdings innerhalb des Zürcher Herrschaftsgebiets kaum durchsetzen liess. Umgekehrt anerkannte die Stadt Zug die Ansprüche Kappels innerhalb ihres Herrschaftsgebiets nicht mehr an. Alles in allem scheint es für das Kloster Kappel eher eine Entlastung gewesen zu sein, als es 1527 seine Aktiven und Passiven der Stadt Zürich abtreten musste.

Sensible Aufträge

Die Wertschätzung, die Wolfgang Joner in Zürich genoss, beschränkte sich nicht auf Floskeln, sondern führte zu diplomatisch sensiblen Aufträgen, etwa zum Vorsteher einer Kommission, die im Januar 1524 den Auftrag erhielt, im theologischen Konflikt zwischen Zwingli und altgläubigen Angehörigen des Grossmünsterkapitels zu vermitteln. Auch bei der Disputation mit den Täufern aus dem Amt Grüningen im November 1525 wurde er als Präsident eingesetzt.

Seinem reformatorischen Einsatz entsprechend versuchte Wolfgang Joner mit Argumenten statt militärischen Mitteln, die reformierten Bestrebungen in Zug, aber auch in Schwyz und Uri zu unterstützen. Im Oktober 1529 ermahnte er Zwingli und den Zürcher Rat, sich weiterhin für die Freigabe der evangelischen Predigten in diesen Gebieten einzusetzen. Gleichzeitig dominierte er die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Stadt Zürich in Zug und den Waldstätten. Er gehörte zu den ersten, die den Aufmarsch der Eidgenossen 1531 gegen Kappel beobachteten und Zürich darüber informierten. Entgegen seiner Neigung, zu schlichten, fiel er an der Seite Zwinglis in der Schlacht bei Kappel.

Der Theologe Tobias Jammerthal kommt zum Schluss, Joner habe sich aus Überzeugung, nicht aus Eigennutz der Reformation angeschlossen, denn diese habe den wirtschaftlichen Niedergang des Klosters Kappel beschleunigt und es noch viel unmittelbarer als zuvor gegen die militärische Gefahr, die bis zur Gründung des Schweizer Bundesstaats 1848 von den Eidgenossen ausging, exponiert: «Die frühe Positionierung für Zwingli, die Anstellungsbedingungen und die Förderung des jungen Bullinger und der aktive Einsatz als Prediger sprechen dagegen für eine inhaltliche Bejahung reformatorisch-theologischer Impulse durch Abt Wolfgang Joner.» Direkte schriftliche Zeugnisse seiner Theologie sind keine erhalten. Seine wichtigste Leistung bestand in diplomatischen Diensten zugunsten der Reformation.

 

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