Ein Instrument mit vielen Möglichkeiten

Michèle Weiss leitet das Akkordeonensemble der Musikschule Knonauer Amt

Hoch konzentriert spielt Jamina die erste von drei Stimmen.

Hoch konzentriert spielt Jamina die erste von drei Stimmen.

Michèle Weiss gibt klare Anweisungen und freut sich, wenn die Schülerinnen und Schüler Spass haben, spielerisch Selbstvertrauen aufbauen und gern zum Unterricht kommen.

Michèle Weiss gibt klare Anweisungen und freut sich, wenn die Schülerinnen und Schüler Spass haben, spielerisch Selbstvertrauen aufbauen und gern zum Unterricht kommen.

Die fünf Jugendlichen spielen dreistimmig. Ihre Instrumente sind rund 12 Kilogramm schwer und unterscheiden sich je nach Hersteller im Klang. (Bilder Regula Zellweger)

Die fünf Jugendlichen spielen dreistimmig. Ihre Instrumente sind rund 12 Kilogramm schwer und unterscheiden sich je nach Hersteller im Klang. (Bilder Regula Zellweger)

«Hey, tönt schön», lobt Michèle Weiss. Sie leitet das Akkordeonensemble der Musikschule Knonauer Amt und erteilt Einzelunterricht. Fünf Jugendliche kommen konzentriert ihren Anweisungen nach. Das Stück, an dem die jungen Musiker feilen, klingt nach Rumänien. Es ist ein transsibirischer Tanz. Das nächste Stück, das sie fehlerlos beherrschen, heisst «Kamele in der Wüste», darauf folgt ein Tango. «Das Akkordeon ist tatsächlich ein musikalischer Weltenbummler», lacht Michèle Weiss. «Man kann mit ihm extrem vielfältige Musik aus aller Welt pflegen – weit über die klassische Schweizer Volksmusik hinaus.»

Musikalische Weltreise

In Frankreich spielt man Musette und begleitet Chansons, in Argentinien intoniert man Tangos mit dem verwandten Bandoneon, im Süden der USA spielt man Cajun, in Brasilien Forró, in Osteuropa und auf dem Balkan Klezmer- und Romani-Musik, in Irland und Schottland Maritime- und Folk-Musik, in der Schweiz kennt man das Schwyzerörgeli und die «Hudigägeler» – und auch vor der Klassik und der Moderne macht das Akkordeon nicht halt.

Die Namen für das Instrument sind vielfältig: Ziehharmonika, Handharmonika, Handorgel, Ziehorgel – und etwas weniger respektvoll: Quetschkasten, Quetschkommode, Schifferklavier, Schweineorgel und Zerrwanst. Nennt man den Begriff «Violine», sehen die meisten ein ähnliches Bild vor dem inneren Auge. Wahrscheinlich nicht so beim Akkordeon. Die Jugendlichen haben unterschiedliche Instrumente in Schwarz- und Rottönen – die sich mit ihren rund 12 Kilogramm Gewicht nicht leicht mit dem Velo transportieren lassen. Der Jüngste hat ein geliehenes Instrument, das seiner Körpergrösse entspricht, die Älteren haben eigene Instrumente, deren Aussehen und Klang vom Hersteller geprägt ist. Bekannt ist Hohner in Deutschland. In Italien gibt es die Akkordeon-Stadt Castelfidardo, ein wichtiges Zentrum des traditionellen Akkordeonbaus.

Vom Akkordeon begleitet

Das Ensemble spielt meist dreistimmig. Jamina hat die Matura absolviert und spielt die erste Stimme. Carlos und Silvan, die eine Berufslehre gewählt haben, wechseln erste und zweite Stimme ab. Die beiden Jüngeren, Lucas, Sechstklässler, und Luca, Oberstufenschüler, kommen in der zweiten oder dritten Stimme zum Zug. Die meisten der fünf Jugendlichen kamen wegen des Vorbilds von Eltern oder einer Lehrperson auf die Instrumentenwahl Akkordeon. Ihre Ziele: allenfalls, aber nicht vordringlich, der Beitritt zum Akkordeon Orchester Bezirk Affoltern (AOBA). Früher fand die Ausbildung der jungen Akkordeonistinnen und Akkordeonisten unter der Leitung von Ruedy Marty unter dem Dach der AOBA statt, heute liegt sie bei der Musikschule Knonauer Amt.

Michèle Weiss wurde unter Ruedi Marty gross, machte sich einen Namen in der Szene und gewann zahlreiche Preise. Sie war über 30 Jahre bei der AOBA aktiv. An der Musikschule wechselte sie mit der Zeit vom reinen Unterrichten ins Management und übernahm nach ihrer Ausbildung zur Schulleiterin die Bereichsleitung Musikalische Grundausbildung, Musik & Bewegung und Eltern-Kind-Singen & Musizieren. Sie schätzt den Mix ihrer Tätigkeiten und lobt generell die Atmosphäre in der Musikschule.

Nachwuchs gewünscht

«Vor rund 30 Jahren hatten wir bei der AOBA rund 30 Junioren», erzählt Michèle Weiss. Heute wählen nur noch wenige dieses Instrument. «Das Akkordeonspiel ist komplex: Man muss zwei verschiedene Notenschlüssel beherrschen, beide Hände drücken unterschiedliche Knöpfe oder Tasten und mit dem Ziehen und Stossen gibt man den Rhythmus vor. Das heisst: Man muss konsequent üben.»

Einen Grund für den Rückgang des Interesses am Akkordeonspiel sieht Michèle Weiss generell in der enormen Auswahl an Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und in einer abnehmenden Konzentrations- und Ausdauerfähigkeit der Kinder. «Vielleicht wollen sich Junge auch nicht mehr so verbindlich binden», meint sie nachdenklich.

«Ich habe meine Anforderungen heruntergeschraubt, will aber ein Ergebnis erreichen, das qualitativ auch für mich stimmt. Früher war ich eher perfektionistisch, heute freue ich mich, wenn die Schülerinnen und Schüler Spass haben, spielerisch Selbstvertrauen aufbauen und gern zum Unterricht kommen.» Sie hat selbst ihre eigenen musikalischen Ziele erreicht. Als Solistin und Jurymitglied war sie jahrelang schweizweit gefragt.

Sie und die Jugendlichen freuen sich jeweils auf das Abschlusskonzert, auf das sie zielorientiert üben. Michèle Weiss kennt ihre Jugendlichen – am jährlichen Probetag lernen sie sich auch gegenseitig besser kennen – und wählt Stücke, die sie mit Begeisterung spielen.

Neben dem Zusammenspiel im Ensemble erhalten alle Jugendlichen Einzelunterricht im Akkordeonspiel. So verbinden sich individuelles Lernen, gemeinsames Musizieren und die Freude an einem Instrument, das musikalisch kaum Grenzen kennt.

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