Eine Einladung, den Aufbruch zu wagen
Im Alltäglichen das Besondere, Bedeutungsvolle wahrnehmen können – dafür stehen die Heiligen Drei Könige, deren Tag morgen Freitag wieder zelebriert wird. Eine Spurensuche.
Die Heiligen Drei Könige kommen bekanntlich aus dem Morgenland. Allerdings steht im biblischen Text nichts von Königen und auch nicht, dass sie zu dritt waren. Vielmehr handelt es sich um orientalische Sternforscher, die eine auffällige Planetenkonstellation als Anbruch eines goldenen Zeitalters unter einem gerechten Herrscher deuteten, und sich auf den «Wink von oben» auf die Suche nach einem entsprechenden Hoffnungsträger machten.
Sie mussten einen langen Weg durch innere und äussere Dunkelheiten zurücklegen, bevor ihnen in der unscheinbaren Geburt des Jesuskinds ein Licht aufgegangen ist. Auf ihrer abenteuerlichen Reise haben sie gelernt, sich von äusserem Glanz nicht blenden zu lassen und die alten Machtspiele zu durchschauen. Sie haben gelernt, auch auf die leisen Zwischentöne zu hören und im ganz Alltäglichen das Besondere und Bedeutungsvolle wahrzunehmen. Abseits vom Palast des amtierenden Machthabers sind sie den Ballast ihrer fixen Vorstellungen und überspannten Erwartungen losgeworden, sodass sie auf einem anderen Weg heimgekehrt sind, selbst wie neugeboren.
Den königlichen Weg gehen
Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die christliche Tradition aus babylonischen Astrologen Könige gemacht hat: Königliche Menschen, die sich von äusseren Erwartungen und Machtansprüchen nicht vereinnahmen lassen. Königsmenschen, die sich trotz aller Unzulänglichkeiten ihrer unzerstörbaren Würde bewusst sind und auch ihre Mitmenschen dementsprechend behandeln. Dass sie zu dritt waren, die Sterndeuter aus dem Morgenland, hat man übrigens einzig aus den mitgebrachten Geschenken – Gold, Weihrauch und Myrrhe – gefolgert. Es könnten auch viele gewesen sein: Jugendliche, Erwachsene und Greise oder Asiaten, Afrikaner und Europäer, wie es auf ungezählten Abbildungen zum Ausdruck kommt. Damit trifft die bildende Kunst den tiefen Sinn der biblischen Allzeitgeschichte haargenau. Sie ist von zeitloser Bedeutung für Menschen beiderlei Geschlechts, für Leute aus allen Generationen und Erdteilen. Die Dreikönigslegende versteht sich offensichtlich als immer neue Einladung, den Aufbruch zu wagen und den königlichen Weg zu gehen.
* Der Autor ist pensionierter Pfarrer aus Affoltern.








