Eine emotionale Achterbahnfahrt

Der Bundesrat hat am Mittwoch die Corona-Massnahmen verschärft. Die Verordnung gewährt Jahrmärkten etwas Spielraum. Umso mehr hat Schausteller Eugen Zanolla gehofft, dass die Affoltemer Chilbi am vergangenen Wochenende stattfindet.

«Wir machen weiter, solange es die Stadt Affoltern erlaubt», sagt Eugen Zanolla am frühen Mittwochabend. Mit sechs grossen und drei kleinen Sattelschleppern ist sein Team vor ein paar Tagen auf dem Kronenplatz vorgefahren, an die erst dritte Chilbi in diesem verkorksten Jahr. Innerhalb von 72 Stunden haben seine Männer den Autoscooter und das Kinderkarussell aufgestellt. Und nun soll es das bereits gewesen sein?

Dass es weitergeht, davon geht der 68-Jährige aus: Soeben hat der Chilbibahnen-Betreiber sich mit den anderen Marktfahrern auf dem Kronenplatz beraten, und alle sind sie sich einig gewesen: Ihre Zunft ist von den verschärften Corona-Massnahmen nicht betroffen.

Eine Stunde zuvor, kurz nach 16 Uhr, hat der Bundesrat in einer Pressekonferenz über die neuen Regeln informiert, die ab Donnerstag schweizweit gelten: Im Freien müssen Masken getragen werden, wenn der Mindestabstand nicht gewährt ist. Restaurants und Bars müssen um 23 Uhr schliessen. Treffen im privaten Raum werden auf zehn Personen beschränkt. Und: Für öffentliche Veranstaltungen liegt die Obergrenze neu bei 50 Personen.

Jahrmärkte gelten «in der Regel» nicht als Veranstaltungen

Gilt eine Chilbi mit Bahnen und Verpflegungsständen als Veranstaltung, auf welche die neusten Bestimmungen des Bundesrats anwendbar sind? «Nein», sagt Peter Hutter am Donnerstagmorgen am Telefon. Für den Sekretär des Schweizerischen Marktverbands ist klar: «Ein Jahrmarkt wird nicht als Event taxiert, sondern als Einkaufszone.» In den Erläuterungen zur Covid-19-Verordnung heisst es denn auch, dass Anlässe, die mit Einkaufseinrichtungen und Märkten vergleichbar seien – wie etwa Messen oder Jahrmärkte – in der Regel nicht als Veranstaltungen zu qualifizieren seien. Dennoch sei die Verunsicherung gross, sowohl bei den Marktfahrern als auch bei den Gemeinden: «Das Telefon klingelt ununterbrochen», sagt Hutter, bereits seien zwei weitere Märkte abgesagt worden. «Die lokalen Behörden haben Angst, in Verruf zu geraten, wenn sie den Anlass durchführen.» Für die Marktfahrer seien die Absagen jedoch ein wirtschaftliches Fiasko: «Dadurch, dass der Bund die Veranstaltungen erlaubt, wird er für die Verdienstausfälle nicht zahlungspflichtig.»

«Marktfahrer sind auf eine Einkommensquelle angewiesen»

Geht es nach Eugen Zanolla, wird auf dem Kronenplatz in Affoltern von Freitag bis Sonntag nochmals flaniert, ­geschossen und konsumiert. Ob das der Fall sein wird, kann Stadtschreiber ­Stefan Trottmann am Donnerstagmittag noch nicht bestätigen: «Wir beschaffen derzeit die Informationen, um die Lage neu einzuschätzen.» Dazu gehöre die Frage, ob die neue Personenobergrenze auch für Freiluft-Anlässe gelte – sofern eine Chilbi als Veranstaltung zu taxieren sei.

Bereits am vergangenen Wochenende hat der Betrieb normal stattgefunden, was im Hinblick auf die steigenden Fallzahlen auch für kritische Stimmen gesorgt hat. Damals, als der Stadtrat den Anlass bewilligt habe, habe man die Zusage gut vertreten können: «Marktfahrer sind letztlich auch KMU, die auf eine Einkommensquelle angewiesen sind», so Trottmann. Auf Wunsch von Eugen Zanolla habe man den Chilbi-Betrieb ausnahmsweise ausgedehnt und nicht nur für das vergangene, sondern auch für das kommende Wochenende bewilligt. Dies auch deshalb, weil aus der Bevölkerung Kritik laut geworden war, nachdem der Stadtrat andere Anlässe coronabedingt abgesagt hatte.

Plötzlich geht alles ganz schnell

Am Donnerstagnachmittag geht es dann plötzlich ganz schnell. «Wir ­brechen ab», sagt Stefan Trottmann am Telefon. Man habe nochmals die schweizweiten Fallzahlen angeschaut – 9386 sind es am Vortag – und entschieden, den Anlass nicht weiterzuführen. Gerade eine Maskenpflicht, die auf dem gesamten Areal gälte, könnte durch den Veranstalter, Eugen Zanolla, nur schwierig kontrolliert und gewährleistet werden. Weiter beschied ihm die Stadt, dass sie die Chilbi nun doch als Veranstaltung einstufe, was eine ­Zutrittsbeschränkung auf 50 Personen zur Folge habe.

«Das wäre für uns nicht mehr rentabel gewesen», sagt Eugen Zanolla am späteren Nachmittag. «Nach Abzug der 20 Angestellten hätten wir noch 30 Personen auf das Areal lassen dürfen.» Er habe bis zuletzt gehofft, dass der Betrieb stattfinden könne, nun sei er «schon ein wenig enttäuscht». Auf dem Kronenplatz sind bereits die Sattelschlepper vorgefahren, seine Männer sind daran, die Bahnen abzubauen und zu verladen. Nun hofft Zanolla, dass «dieser Corona-­Seich» im Frühling 2021 vorbei ist. Und dass dann, am Chilbi-Wochenende, auf dem Kronenplatz wieder Halligalli ­angesagt ist. So wie früher.

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