"Ihr könnt die Kippa gern anprobieren, sie macht euch nicht jüdisch"

«Nice to meet Jew» – in Affoltern trafen sich am Mittwochabend jüdische und reformierte Jugendliche zum Dialog

Von links: Marcel, Mayam und Dana gaben den Ämtler Jugendlichen Einblicke in die jüdische Kultur. (Bild Rahel Raymann)

Polizisten sind das Erste, was die Gäste sehen, als sie am vergangenen Mittwochabend in Affoltern von der Zürichstrasse in Richtung reformiertes Kirchgemeindehaus abbiegen. Zu viert stehen sie auf dem Dach des Gebäudes, später setzen sich zwei von ihnen mit in den Saal. Nötig gewesen wäre das diesmal nicht, der Abend verläuft respektvoll und friedlich, aber wer hätte das vorher garantieren können? Seit der Messerattacke in Zürich, die einen orthodoxen Juden beinahe das Leben gekostet hätte, schalten sich die Sicherheitskräfte lieber frühzeitig ein. Bevor aus einem Ort erneut ein Tatort wird.

Kulturdialog unter Polizeischutz: Auch für Mayan (18), Dana (15) und Marcel (18) ist das eine Premiere. Sie macht ihr Anliegen umso dringlicher: Mit Gesprächen, Aufklärung und Information gegen Antisemitismus vorgehen. «Likrat» heisst das Projekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, in dessen Rahmen seit 20 Jahren solche Schulbesuche stattfinden. Auf Hebräisch bedeutet das Wort «aufeinander zugehen».

Raus aus der Filterblase

Anders als üblich sitzt dem Likrat-Trio an diesem Abend keine Schulklasse gegenüber. Die 32 Jugendlichen, allesamt im Oberstufen- und manche im Konfirmationsalter, kommen aus verschiedenen Gemeinden im Bezirk Affoltern. Es ist Sozialdiakonin Yvonne Schatzmann, die das Dialog-Angebot ins Säuliamt geholt hat. Aus der eigenen Filterblase hinaustreten und über den Tellerrand blicken, sich selber eine Meinung bilden, die bestehende vielleicht überdenken: «Oft sind Vorurteile da, die zu einem Schwarz-Weiss-Denken führen, dabei ist die Welt in Wirklichkeit viel bunter», sagt Schatzmann.

Über Vorurteile könnten Mayan und Marcel mittlerweile Bücher füllen: Ein Kollege sei in einer Dialog-Stunde einmal in aufrichtigem Ernst gefragt worden, wo am Kopf seine Hörner seien, erzählt ­Mayan am Rand des Anlasses. Jüdinnen und Juden würden den Teufel verkörpern, habe er zu Hause gelernt. Mit solch unbedarfter Entmenschlichung muss es das Trio in Affoltern nicht aufnehmen: Als die Jugendlichen in der Kennenlern-Runde der Reihe nach erzählen dürfen, was sie über das Judentum wissen (oder zu wissen glauben), räumt bereits die Zweite ein: «Ich weiss ehrlich gesagt noch nicht so viel.» Der Satz gerät bald zum Echo, und wer doch etwas beizusteuern weiss, nennt etwa die Feiertage, den ­Sabbat oder die Kippa.

An diese Wissensbrocken lässt sich anknüpfen: Mayan bringt unter den ­Jugendlichen eine Kippa in Umlauf. Nachdem die kreisförmige Mütze die ersten Händen passiert hat, sagt sie: «Ihr könnt sie gern anprobieren, sie macht euch nicht jüdisch.» Gekicher.

Der selbstironische Spass-Pfeil sitzt. Er trifft mitten in die Berührungsangst, die an diesem Abend immer wieder mit Humor angegangen wird. Gut möglich, dass Mayan den Satz nicht zum ersten Mal gesagt hat. Ihre Souveränität legt nahe, dass sie schon einige Einsätze absolviert hat, was nicht heisst, dass die Erfahrung für gelungene Kulturvermittlung zwingend ist: Die 15-jährige Dana hatte in Affoltern ihre Premiere als ­Likratina und meisterte sie souverän.

Keine Frage zu unangenehm

90 Minuten dauert die Veranstaltung. Und die Publikumsfragen, die den ­Dialog starten und am Laufen halten, decken ein breites Spektrum ab:

Dürft ihr während des Sabbats wirklich nicht mal einen Lichtschalter bedienen?

Tatsächlich nicht, sagt Dana. Ihre Mutter zünde dann jeweils Kerzen an.

Wie erlebt ihr im Alltag Antisemitismus?

Ab und zu mache einer in der Schule den Hitlergruss, berichtet Marcel, «aber ich lasse mich nicht provozieren.» In Danas Hefte wurden schon Hakenkreuze gezeichnet.

Dürftet ihr eine Person heiraten, die nicht ­jüdisch ist?

Bei Dana und Mayan wünschen das die Familien lieber nicht, bei Marcel spielt es weniger eine Rolle.

Gibt es jüdische Friedhöfe?

Ja, etwa in Zürich am Friesenberg.

Und so weiter ... Keine Frage scheint die drei unvorbereitet zu treffen oder ihnen unangenehm zu sein. Bereichernd ist zudem, dass mit Mayan, Dana und ­Marcel drei Jugendliche Auskunft geben, die ihren Glauben unterschiedlich stark leben. «Es war eine eher ruhige Runde», bilanziert Mayam nach dem ­Anlass, «aber sehr respektvoll.» Man könnte es auch menschlich nennen.

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