Eine rauschende Party zum Jubiläum
Am vergangenen Samstag, 3. März, fand in der Galerie am Märtplatz in Affoltern der 10. Poetry Slam statt. Zum Jubiläum hatte Moderator Simon Chen nochmals die Sieger der letzten neun Jahre eingeladen.

Am vergangenen Samstag gab es einen runden Geburtstag zu feiern. Es war der 10. Poetry Slam, der seit 2009 in Affoltern veranstaltet wurde. Und wie es sich für eine ordentliche Jubiläumsfeier gehört, durften auch an dieser die Ehrengäste nicht fehlen. Geladen waren die neun Gewinner der letzten Jahre, sechs davon waren Simon Chens Ruf nach Affoltern in die Galerie am Märtplatz gefolgt, um sich dort einen Abend lang eine Wortschlacht um Ruhm, Ehre und die symbolische Flasche Whisky zu liefern.
Ein Knall zum Auftakt
Während das Alter bei den Slam Poeten bunt durchmischt war, zeigte sich beim Publikum jenes Bild, das sich an Kulturveranstaltungen im Bezirk meistens zeigt. Mit dabei waren wenige Junge, ein paar Jungaussehende, und ganz viele Junggebliebene. Das allerdings war nicht tragisch, auch so war die Vorstellung bis auf wenige Plätze ausverkauft.
Dann war es soweit: Simon Chen eröffnete den Abend. Es sollte der Anfang vom Ende sein. Das Publikum erfuhr nämlich, dass diese zehnte Moderation des Poetry Slams Affoltern zugleich seine letzte sein würde. Und so stellte er Rhea Seleger nicht nur als Co-Moderatorin, sondern zugleich als seine Nachfolgerin vor. Die Mettmenstetterin, die seit drei Jahren in der Slam-Szene aktiv ist, wird den Event ab 2019 moderieren. Sie liess es sich nicht nehmen, an diesem Abend den Eröffnungs-Text zu liefern. Dieser erfolgte traditionsgemäss ausser Konkurrenz und sollte der siebenköpfigen Jury als Orientierungshilfe für die spätere Bewertung der Poeten dienen. Bevor es losging, wurden dem Publikum die Regeln präsentiert. Konkret hiess das: ein selbstgeschriebener Text, ein Mikrofon, keine Requisiten und sechs Minuten Zeit. Showtime.
Systemkritik am nördlichen Nachbarn
Wie es das Los wollte, trat der Deutsche Tobias Heyel, Gewinner des ersten Affoltemer Slams, als Erster ins Rampenlicht. Seine Darbietung mit dem Titel «Demokratie» beleuchtete die Mühen der Bundesrepublik bei der Bildung der neuen Regierung. Die Bundestagswahl, das Jamaika-Debakel, das Macht-Vakuum und die neuerliche Grosse Koalition – Tobias Heyel hatte die Fragmente dieser Polemik sorgfältig entwirrt und in seinen lyrischen Text eingearbeitet.
Und wenn er resümierte: «Es fehlt an Gegengewicht, wir bewegen uns nicht», dann war damit eigentlich alles gesagt. Bewegt war nach seinem Auftritt die Jury, sie wusste seine kritische Auseinandersetzung zu würdigen und zückte hohe Noten. Solche erhielten die Poeten jedoch allesamt, und das zurecht. Die anderen fünf Poeten standen Tobias Heyel nämlich in nichts nach.
Da war Daniela Dill, deren Texte der permanenten Selbstbespiegelung und der atemlosen Jagd nach dem Glück nachspürten. Die ohne blumige Worte und schwerfällige Formulierungen auskamen, sondern durch Reduktion und geschickte dramaturgische Elemente einen faszinierenden Drall entwickelten. Da war aber auch Renate Leukert, die vom Glück der anderen und der Liebe als Suchtmittel berichtete und dazu feststellte, rote Rosen seien die schlimmeren Mohnblumen.
Doch auch die anderen beiden Herren, Michael Frei und Remo Zumstein, wussten zu begeistern. Ersterer entstellte seinen Text durch Wortwitz und liess daraus neue Skurrilität entstehen, die das Publikum zum Lachen mitriss, während Letzterer bekannte Witze in überraschend neuem Kontext präsentierte. Und dann war da noch Patti Basler, auf der Bühne eine Wucht, die mit einem beachtlichen Schuss Selbstironie ans Werk ging.
Sie streifte Martullo-Blochers «seven thinking steps», kritisierte die europäische Ignoranz im Flüchtlingsdrama, mockierte sich über den Brexit und brach ganz nebenbei eine Lanze für die Frauenbewegung, ohne dabei verbittert zu wirken. Und wenn ihr zweiter Text als Wutpredigt gegen die Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers begann, sich dann aber überraschend als Kritik am patriarchalen Geschlechtersystem erwies, dann war diese inhaltliche Wende irgendwie bestechend smart.
Am Schluss strahlte die Dame
Alle sechs Poeten begeisterten das Publikum mit der Leidenschaft und Hingabe ihrer Darbietungen. Dennoch konnten es nur vier von ihnen ins Halbfinale und nur zwei ins Finale schaffen. Als Erste mussten sich Remo Zumstein und Renate Lenkert verabschieden.
Nach dem Halbfinale traf es dann Daniela Dill und Tobias Heyel. So duellierten sich Patti Basler und Michael Frei im Finale um den Titel, und schliesslich erkor das Affoltemer Publikum unter tosendem Applaus die Dame zur strahlenden Siegerin des Abends.


