«Er brauchte nur Halt und viel Geduld»
Immer mehr «schwierige» Hunde werden in den Tierheimen abgegeben – Fortsetzung von "Jedem Tier seine Geschichte"
Die Zahl von insgesamt 32079 Tieren aus der Tierstatistik, die in den Tierheimen und Auffangstationen der 66 STS-Sektionen im Jahr 2024 abgegeben wurden, erscheint horrend, kann jedoch gleich einmal relativiert werden. 18605 davon sind nämlich Fische. Hunde waren es «nur» 1826 und Katzen 7963. Hunde wurden sogar zwölf weniger aufgenommen gegenüber dem Vorjahr. Die Zunahme ist bei Katzen, Nagern und Schildkröten zu verorten. Also doch kein steigender Trend, oder zumindest nicht bei allen Tiergruppen? In der Tat wurden 2023 total 1838 Hunde aufgenommen und 2022 total 2041. Der Trend bei den Hunden ist also stattdessen sinkend, wie es scheint.
Platzen die Heime aus allen Nähten?
Diesen sinkenden Trend kann Rommy Los für das Tierheim des Zürcher Tierschutz am Beispiel der Verzichtshunde bestätigen, als er die Zahlen der letzten Jahre auflistet: «2025 haben wir 19 Verzichtshunde aufgenommen, 2024 waren es ebenfalls 19, 2023 sogar nur 18, 2022 und 2021 insgesamt 31 und 2020 total 53.» Allerdings trügt auch hier der Schein: «Wir haben nicht weniger Hunde aufgenommen, weil der Bedarf kleiner geworden ist», so Los, sondern, man habe weniger aufnehmen können, weil die Hunde, die bereits im Tierheim waren, tatsächlich «schwieriger» waren. Sobald die Vermittlung sich schwieriger gestaltet, steigt natürlich die Verweildauer an und die Boxen sind besetzt. «Wir hatten schlicht keinen Platz, um weitere aufzunehmen. Gegen Ende des letzten Jahres kamen dann auch noch personelle Sorgen hinzu, weswegen zwei Boxen vorübergehend geschlossen werden mussten und auch darum konnten in der Folge weniger Tiere aufgenommen werden», erklärt Los, der früher in einem internationalen Konzern tätig war, bevor er im März 2013 die Leitung des Tierheims des Zürcher Tierschutz übernahm und 2014 dann die Geschäftsleitung. Hätte er den Job, den er nun hat, damals gezielt gesucht, so hätte er ihn niemals bekommen, ist er sich sicher. Vier Sommer Erfahrung in einer Auffangstation in Afrika waren dafür aber sicherlich hilfreich.
Der «Corona-Knick» sei aber auch bei den Zahlen aufgenommener Tiere deutlich sichtbar. Vor Corona habe man jährlich immer zirka zwischen 400 und 420 Tiere aufgenommen. Diese Zahl sei recht stabil gewesen, während der zwei Jahre Pandemie sank die Zahl auf um die 300. «Die Leute hatten Zeit», sagt Rommy Los. Seitdem ging die Zahl wieder nach oben und im Jahr 2024 waren es 359 Tiere. «Im Schnitt kommt und geht jeden Tag ein Tier», meint Rommy Los. Es sei zwar traurig, dass jeden Tag ein Tier komme, aber wiederum schön, dass jeden Tag wieder eines in eine neue Familie vermittelt werden könne.
Die Arche Noah ist voll
Bei der Führung durch das Tierheim des Aargauischen Tierschutzvereins ATs, das im Untersiggenthal gelegen ist, ist eine Tierpflegerin gerade dabei, ein Katzenzimmer herzurichten. «Ein Kater konnte erfolgreich platziert werden», erklärt Astrid Becker, Präsidentin des ATs, glücklich. Es laufe gut mit dem Platzieren. Der längste Gast, Listenhund Linda, ist zwar seit fast zwei Jahren im Heim, habe aber Interessenten. Die durchschnittliche Verweildauer sonst liege jedoch bei nur drei Monaten. Bei der Adoption bekommen die neuen Besitzer jeweils eine liebevoll zusammengestellte Tasche mitgegeben mit Futter, welches die Tiere im Heim gerne frassen – und Spielsachen.
Der ATs Info 1/2025 ist zu entnehmen, dass im Jahr 2024 total 385 Tiere aufgenommen wurden. Davon waren 65 Hunde und 290 Katzen. Nach dem Trend gefragt, so sei dieser steigend, kann Astrid Becker für das Tierheim des ATs bestätigen, allerdings unabhängig von Corona. Sie lernte ursprünglich Maschinenzeichnerin. Im Jahr 2000 gab sie ihren Job auf und widmete sich vollends dem Tierschutz. Vor allem herrenlose, verwilderte Katzen, die nicht kastriert seien, seien ein grosses Problem. Regelmässig müssen Becker und ihr Team unkastrierte Katzen einfangen und kastrieren lassen. Ab dem Frühling werde man wieder viele Katzenwelpen aufnehmen müssen. Jetzt sei man verhältnismässig wenig ausgelastet, so Becker auf die Frage, ob das Tierheim voll sei, aber ab Mai, Juni gehe es wieder los. Und praktisch jedes Jahr im September, wenn erneut geworfen werde, dann wird es mit dem Platz im Tierheim eng. Dazu kommen die vielen Verzichts- und Findeltiere. Mit zirka 60 bis 70 Katzen und 20 bis 40 Hunden gleichzeitig im Tierheim sei man dann jeweils am Anschlag. Den anderen Schweizer Tierheimen geht es scheinbar ähnlich, so finden sich beim ATs auch Tiere, die nicht aus dem Aargau sind, weil sonst kein Platz für sie gefunden werden konnte.
Direkt aus dem Ausland werden natürlich keine Hunde angenommen, aber Astrid Becker stellt fest, dass viele der Verzichtshunde, die abgegeben werden, aus dem Ausland stammen. «Es kommt immer öfters vor, dass Leute sich einen Hund aus dem Ausland holen und dann überfordert sind», sagt Astrid Becker. Oder aber das Tier entspreche nicht dem Foto auf der Website. «Per Internet ein Tier bestellen ist ein absolutes No-Go», findet sie. Unverständlich ist es für sie, denn es gäbe ja genügend Organisationen, die auch die Möglichkeit bieten, das Tier zu besuchen, um es kennenzulernen. Das sei wichtig, denn: «Das Tier sucht sich den Menschen aus und nicht umgekehrt.»
Was ist ein «schwieriger» Hund?
Miriam Reed sagt, dass sie vor allem lokale Tierheime berücksichtigen würde, um ein Tier zu adoptieren. Sie ist aber trotzdem nicht gegen Tiere aus dem Ausland. Es bedürfe einfach enorm viel Arbeit, und dessen seien sich jene, die sich einen Hund aus dem Ausland holen, einfach oftmals nicht bewusst. So komme es dann eben dazu, dass diese «schwierigen» Hunde nach kurzer Zeit, wenn es nicht funktioniert, im lokalen Tierheim landen. Zwei ihrer Hunde hat sie von einer Auffangstation in Rumänien gerettet. So kam Jojo, eine stark traumatisierte Kettenhündin, zu ihr. «Sie hatte jahrelang Panik, man konnte sie kaum berühren und heute ist sie mein Schatten», erzählt Reed. Mit ihr unterwegs ist heute aber Jimmy (Chimo). Er kam auch aus dem Ausland und wurde als Verzichtshund in einem Heim im Kanton Zürich abgegeben. Ihm wurde im Ausland das Hüftgelenk entfernt, wieso, weiss Reed nicht. Als das Tierheim im Kanton Zürich mit der Tierschützerin wegen Jimmy (Chimo) sprach, sagte man ihr, dass er wenig Chancen habe, einen Platz zu finden. Wegen der hohen Kosten für den Tierarzt und die Physiotherapie. Miriam Reed hatte Mitleid und nahm sich die Zeit und den Hund zu sich. «Ich ging mit Jimmy zur Physio und jetzt mache ich selbst die Übungen mit ihm», sagt die Tierschützerin und zeigt es auch gleich vor. Miriam Reed hat ihr Leben lang immer nur schwierige Hunde gehabt, die sie aus Tierheimen adoptierte. Aber der Unterschied ist, dass alle diese Hunde den Rest ihres Lebens bei ihr verbringen dürfen, egal wie «schwierig» sie sind und sie sie niemals deswegen im Heim abgeben würde. Sie sagt, wenn ein Mensch sich nicht die Zeit nehmen würde, den Hund zu trainieren und zu pflegen, sollte besser kein Hund adoptiert werden, egal woher man ihn hole. «Man sollte einfach zu seiner Entscheidung stehen und sich bewusst sein, dass es ein Lebewesen ist und Gefühle hat», so Miriam Reed.
Vor vier Jahren suchte Manuela Huber wieder einen Hund für sich und ihre Familie. Sie fand Hugo: «Er stammt ursprünglich aus Malta und wurde eingeflogen. Weil er zu schwierig war, wurde er im Tierwaisenhaus Oberglatt abgegeben», erzählt sie. Als sie ihn im Tierwaisenhaus sah, passte es vom ersten Augenblick an und vom Wesen her. «Er war sehr ängstlich», so die Tiermedizinische Praxisassistentin, «aber er brauchte nur Halt und viel Geduld.» Manuela brauchte über zwei Jahre, bis er überhaupt so «selbstsicher» wurde, wie er es nun ist. Anfangs war er sehr scheu, an der Leine zu laufen, war ihm ein Graus, bei jedem vorbeifahrenden Auto erschrak er erst einmal und auch mit den Kindern sei es sehr schwierig gewesen. «Ich musste ihm ein Örtchen machen, das er ganz für sich hatte. Er war quasi wie nicht in den Alltag integriert, aber er kam dann immer mehr von sich», so Huber. Am wichtigsten sei dabei: «Man muss das Tier ernst nehmen.»
Schwierig können Hunde also sein wegen ihrer Herkunft und weil sie unsere Zivilisation nicht gewohnt sind, aber auch Krankheit kann ein Grund dafür sein, dass ein Tier schwer vermittelbar ist, oder das Alter. Dieser Problematik wirkt zum Beispiel der ATs mit seinem Projekt «Happy Senior Cats & Dogs» entgegen. Für alte, schwer erkrankte Tiere werden Pflegeplätze gesucht. Weil solche Tiere jedoch schwer vermittelbar sind, werden nach Absprache sogar die Tierarztkosten übernommen. «Auch diesen Tieren wollen wir einen schönen Lebensabend ermöglichen», so Astrid Becker. Aber weil das Tierheim des ATs rein von Spenden, Legaten und anderem finanziert wird, ist das Budget allerdings auch hier begrenzt.
Und natürlich gibt es unterschiedliche Charakterzüge und Energielevel bei den verschiedenen Rassen. Bei der Wahl solle man nicht nach der Optik gehen, jede Rasse habe besondere Verhaltensmerkmale, so Rommy Los. Listenhund Linda ist ein Staffordshire Bullterrier. Jimmy (Chimo) ist ein Galgo-Español-Mischling (Spanischer Windhund), Hugo ein «Pharaonenhund». Die Hündin von Rommy Los ist ein Chihuahua, eine Rasse, die er nie gewollt habe. Mit drei Monaten wurde Lou am Hauptbahnhof Zürich ausgesetzt und kam so als Findeltier in das Tierheim des Zürcher Tierschutz. Los und seine Frau nahmen sie zu sich; geplant war, bis ein Platz für sie gefunden war. Doch Lou war gekommen, um zu bleiben. «Sie hat uns mit ihrem Wesen überzeugt», so Rommy Los – und das geht nun einmal nicht über eine Online-Bestellung, sondern durch Kennenlernen des Tieres und Sich-Informieren über die Rasse.














