Flexitarier-Gangs: Genaues Hinschauen lohnt sich

Streifzüge durch die Natur (40) – Spatzen sind spannendere Vögel, als man denkt. Und wichtigere

Spatzen baden gerne im Sand, um Parasiten loszuwerden.

Spatzen baden gerne im Sand, um Parasiten loszuwerden.

Nach dem Ausflug füttern die Eltern die Jungen noch einige Tage.

Nach dem Ausflug füttern die Eltern die Jungen noch einige Tage.

Die Tarnfärbung des Weibchens ist dem Überleben geschuldet. (Bild Michael Gerber)

Die Tarnfärbung des Weibchens ist dem Überleben geschuldet. (Bild Michael Gerber)

Je grösser der dunkle Latz unter dem Schnabel, desto attraktiver ist das Männchen.

Je grösser der dunkle Latz unter dem Schnabel, desto attraktiver ist das Männchen.

Das Säuliamt sei ein Spatzenparadies, würde man meinen. Fast in jedem Garten tschilpen sie, an den Bahnhöfen suchen sie nach Krümeln und auf den Bauernhöfen baden sie zwischen Scheune und Stall im Sand. Dabei werden sie jedoch von uns Menschen nur wenig beachtet, teils gering geschätzt. Eintönig könnte man sie nennen, lärmig, ungehobelt – aber sicher nicht speziell oder spektakulär. Allerdings ist der Haussperling viel spannender, als man denkt – und auch viel wichtiger.

Das beginnt nur schon bei seinem «Gesang». Was in unseren Ohren bloss als «tschilp tschilp» klingt, ist in Wahrheit viel komplexer: Schaut man sich die Gesänge als Sonogramme an, offenbart sich eine grosse Vielfalt an Rufen. Darunter sind auch hohe Triller, die wir Menschen gar nicht hören können. Möchte sich ein Spatz bei einem Artgenossen bemerkbar machen, ruft er zum Beispiel «schilp». Möchte er bald abfliegen und dies der Gruppe mitteilen, sagt er «tschielp». Beim Abflug ruft er «zwit», man möchte ja keine Zweifel aufkommen lassen. Während des Flugs bleiben die Vögel mit «tschuip»- oder «dschlui»-Rufen in Kontakt. Bei der Ankunft an einem gemeinsamen Ruheplatz meldet sich der Spatz höflich mit einem «jerk» und «schiep tät» an. Ist ein Spatz verärgert, ruft er nasal «wäd» oder beginnt laut zu zetern. Weitere Rufe kennt er, wenn Gefahr droht oder wenn er Angst hat. Von Eintönigkeit also keine Spur!

Spatzen tschilpen ihre eigene Sprache

Einschub eines Ornithologen: Wer am Dorfrand oder in der Hecke im Feld Spatzen tschilpen hört, höre genauer hin. Sind die Rufe vielleicht ein wenig anders, etwas weicher? Dann könnten sie vom Feldsperling stammen. Diese zweite bei uns heimische Spatzenart ist an der durchgehenden kastanienbraunen Kopfplatte und den weissen Wangen mit dunklem Fleck zu erkennen.

Doch bleiben wir bei Passer domesticus, auch bekannt als Hausspatz. Der zieht zurzeit in grösseren Gangs durch die Siedlung, stets auf der Suche nach Nahrung. Geselligkeit ist bei ihm grossgeschrieben – was natürlich auch Gezänke nach sich zieht. Im Winter ist der Spatz ein Flexitarier: Er ernährt sich im Grundsatz vegetarisch, verschmäht aber auch tierische Zusatzkost nicht. Bei der Nahrungssuche stellt er sich sehr geschickt an. Er kann kopfüber an dünnen Ästchen herumturnen, um eine begehrte Knospe zu erreichen. Er steht vor einer Hauswand wie ein Helikopter in der Luft, um ein Spinnchen zu erhaschen. Er taucht hartes Brot ins Wasser, um es aufzuweichen, scheucht flügelschlagend Insekten auf oder springt Samenkapseln an, bis sie platzen.

Bald jedoch wird sich der Speiseplan ändern – denn sobald die Baby-Spatzen auf der Welt sind, verlangen diese nach proteinreicherer Kost. Unermüdlich müssen die Eltern dann Blattläuse, Raupen und Spinnen herbeischaffen. Der Spatz wird nun also zum Karnivoren, zum gefürchteten Jäger. Und hier erst wird klar, warum der Haussperling für uns Menschen so wichtig ist: Er vertilgt auf den Feldern und in den Ställen Unmengen an Schadinsekten. Die Spatzen zu dezimieren, ist also in hohem Masse unklug – sie helfen fleissig mit, dass die Bauern hohe Ernten einfahren können.

Das mussten auch Friedrich der Grosse im 18. Jahrhundert oder Mao Zedong in den 1950er-Jahren erfahren, als sie regelrechte Spatzenkriege anzettelten und die Sperlinge ausrotten wollten. Allein Mao liess in China rund zwei Milliarden Vögel töten. Darauf folgte allerdings eine Hungersnot, weil die Schädlinge überhandnahmen und die Ernten zerstörten. Als Folge importierte man wieder Spatzen aus der Sowjetunion.

In Südeuropa bauen Spatzen kugelige Nester auf Bäumen

Lassen wir die kecken Vögel also leben – und schenken wir ihnen ein Plätzchen am Haus, um ihr Nest zu bauen. Das kann ein Loch unter einem Ziegel oder einem Dachbalken sein, oder auch nur eine geschützte Ecke hinter einer Leuchtreklame. (Spannend übrigens: In Südeuropa bauen Spatzen auch frei stehende, kugelige Nester auf Bäumen und in Büschen; bei uns haben sie das wohl verlernt.) Eine Bleibe zu finden, ist Sache des Männchens. Sobald ein Nistplatz feststeht, gilt es, ein Weibchen anzulocken: Herr Spatz singt nun in nächster Nähe ausdauernd und hofft, eine gute Falle zu machen. Dabei zählt nicht nur die Attraktivität der Immobilie, sondern auch die des Bräutigams: Je grösser der (Brust-)Latz, desto begehrter der Spatz.

Ist ein Weibchen interessiert, zeigt ihm das Männchen die Räumlichkeiten und legt schon mal erste Hälmchen ins Nest. Bald folgen die Familiengründung und der gemeinsame Nestbau. Jetzt wird es streng: Bis zu drei Bruten pro Jahr sind häufig. Und wenn der eine Partner nicht zwischendurch abhandenkommt, geht es nächstes Jahr am selben Ort erneut los – monogame Dauerehe nennt man dies. Muss man sich also um Passer domesticus keine Sorgen machen? Zwar ist der Schweizer Gesamtbestand stabil – doch regional haben die Populationen stark abgenommen. So ging der Spatz in der Bodenseeregion oder auch in der Stadt Zürich in wenigen Jahrzehnten um rund 40 Prozent zurück. Im Kanton Zürich sank der Brutbestand seit 1988 um einen Viertel. Besonders betroffen sind urbane Gebiete, wo die Verdichtung im Gange ist und die Natur damit stark unter Druck steht. Dabei verschwinden einerseits geeignete Brutplätze, da es an neuen Gebäuden kaum noch Löcher und Hohlräume gibt. Andererseits mangelt es vor allem auch an Insekten, die für die Jungenaufzucht so wichtig sind.

Und das Säuliamt, ist es noch ein Spatzenparadies? Ob der Bestand in den letzten Jahren abgenommen hat, wissen wir nicht. Doch sorgen wir dafür, dass es dem fidelen, geselligen Mitbewohner weiterhin gefällt. Und damit auch vielen anderen Arten.

Streifzüge durch die Natur

Der Biologe und Journalist Stefan Bachmann schreibt über seine Erlebnisse in der Natur im Knonauer Amt. Er zeigt, welche Tiere und Pflanzen es je nach Jahreszeit vor unserer Haustür zu entdecken gibt und welche spannenden und faszinierenden Lebensweisen sie entwickelt haben.

Stefan Bachmann arbeitet bei BirdLife Schweiz und ist im Vorstand des Vereins Naturnetz Unteramt VNU (www.naturnetz-unteramt.ch).

Naturgartenkurs beim Naturnetz Unteramt

Möchten Sie herausfinden, wie Sie Ihren Garten ganz konkret für die Natur aufwerten können? Der Verein Naturnetz Unteramt (VNU) führt dieses Jahr einen Naturgartenkurs mit vier Theorieabenden und vier Exkursionen durch. Informationen unter www.naturnetz-unteramt.ch/kurs.

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