Erfolgreich mit «geklauten Kindern»
Der in Affoltern aufgewachsene Autor Cédric Weidmann gewann den Wartholz-Literaturpreis. Dieser wurde am 12. März bereits zum zehnten Mal auf Schloss Wartholz im österreichischen Reichenau an der Rax verliehen. Die ausgezeichnete Geschichte hat ihren Ursprung im Bezirk.

Affoltern, ein verlorener Ort irgendwo zwischen Agglo und Kaff, so sieht Cédric Weidmann seinen Heimatort. Die preisgekrönte Geschichte mit dem Titel «Kinder klauen» könnte irgendwo im Schweizer Mittelland spielen. Aber sie ist die versöhnliche Abrechnung des Autors mit der Langeweile, die er hier in seiner Jugend erlebte. Dieses «Bünzlihafte» habe aber durchaus auch seinen Charme, relativiert er. Die Agglomerationen der Schweiz wären weltweit einzigartig, etwas, was die Schweiz ausmache.
Kurz erzählt, es geht in der Geschichte um Jugendliche, die einen Sommer lang durch die Quartiere ziehen, in fremde Gärten treten und in Häuser einbrechen, wo sie Kinder mitnehmen. Nein, sie wollen den Kindern nichts Böses tun, sie deponieren sie im nächsten Haus, in fremden Betten und lassen sie mit ihrer skurrilen Tauschaktion am Leben der anderen Kinder teilhaben. So erwacht das Kind vom Haus mit dem grünen Komposteimer plötzlich im Himmelbett einer poolbestückten Villa und der Junge aus derselbigen wird von seinem Käfig entwöhnt. Doch als ein Kind nicht mehr zurückkehrt, beschliessen die Jugendlichen es zu befreien, und geraten tief ins Innere eines unheimlichen Hauses.
Cédric Weidmann wohnt mittlerweile in der Stadt Zürich, wo er Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert und an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft der ETH Zürich mitarbeitet. Nach Affoltern kommt er ab und zu, um seine Eltern zu besuchen oder um im Badminton Club Affoltern zu spielen. Für die Geschichte, die in einem Zeitraum von zwei Jahren entstanden ist, liess er sich vom Bild seiner alten Heimat mit Blick auf Autobahn und Strommasten inspirieren. Mittlerweile sei sie in 16 verschiedenen Versionen abgespeichert. Die kürzeste zwei-, die längste 78-seitig.
Eine grosse Genugtuung
Für den Wartholz-Literaturwettbewerb bewarb er sich im Oktober, und im Januar kam die Einladung. «Wenn man eingeladen wird, ist man bereits unter den besten zwölf aus rund 530 Bewerbern», sagt Cédric Weidmann. Da gehe es nicht mehr nur ums Gewinnen, ebenso wichtig sei es für ihn gewesen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Schloss Wartholz liegt im niederösterreichischen Reichenau an der Rax und war einst Sommerresidenz von Kaiser Karl und Kaiserin Zita.
Neun Stunden dauerte die Fahrt dorthin und ebenso viele wieder zurück. Dazwischen lag ein erlebnisreiches Wochenende in der einzigartigen Atmosphäre des Schlosses und in guter Gesellschaft. Der lokale Eisstock-Sportverein hätte an einem Abend – mangels Eis – ein Asphaltstockschiessen veranstaltet. Mit seinen Mitbewerbern aus Deutschland und Österreich sei er bis in die frühen Morgenstunden gemütlich zusammengesessen. Über alles Mögliche hätten sie geredet, sich über die Texte unterhalten.
So nett der Abend auch war, am nächsten Tag galt es, bereit zu sein für die zwanzigminütige Lesung der Geschichte und die anschliessende, öffentlich vorgetragene Kritik der Jury. Diese begründete ihre Wahl damit, dass Cédric Weidmanns Text jung und frisch sei und sich vorwage. Das Motiv der Kindervertauschung sei eine «Persiflage auf die Brutalität und Brüchigkeit gesellschaftlich gesichert scheinender Strukturen. Ironie, Komik und Satirik prägen die Handlung in einer dystopischen Welt, deren jugendliche Akteure einerseits ihre soziale Sphäre torpedieren, andererseits Kinder des Establishments sind.»
Während der langen Rückfahrt in die Schweiz habe er viel nachgedacht, erzählt Cédric Weidmann. Darüber, dass er es nach so langer Zeit geschafft hatte, und über die erfreuliche Genugtuung, eine Belohnung für seine Arbeit erhalten zu haben. Auch seinen elf Mitbewerbern widmete er Gedanken. Schliesslich seien diese leer ausgegangen, obwohl auch ihre Texte sehr gut gewesen seien.
Es gibt kein richtiges Deutsch
Der mit 10000 Euro dotierte Preis bedeutet für ihn nicht nur eine grosse Anerkennung. Er ist für ihn gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Er schliesse seine Studien demnächst ab und das Geld gebe ihm die Möglichkeit, seine weitere berufliche Karriere entspannter zu planen. Sicher ist, dass er in ein Projekt investieren wird. Seit zwei Jahren ist er Redaktor der Literaturzeitschrift Delirium, ein Projekt, an dem ihm viel liegt und das er nach Beendigung des Studiums ausbauen möchte.
Zwischendurch hat er auch Deutsch am Gymnasium unterrichtet und versucht, seinen Schülern das Schreiben schmackhaft zu machen. Es sei ihm stets wichtig, Texte nicht nur nach strikten Kriterien zu bewerten. «Es gibt kein richtiges Deutsch und die Sprache verändert sich», sagt er, «auch in meinen Texten finden sich Wörter, die es so nicht gibt. So lässt der Duden verschiedene Schreibweisen zu und ist eigentlich auch schon nicht mehr aktuell.»
Moderne Literatur entsteht im Internet
Mit dem Schreiben angefangen hat Cédric Weidmann in seiner Jugend. «Als mein Freund Florian eine Fortsetzung zu einem Buch geschrieben hatte, merkte ich plötzlich, dass man auch ausserhalb der Schule schreiben kann», erzählt er. Ohne das Internet wäre er wohl nicht dort, wo er heute ist. Seine ersten Texte hat er in Schreibforen veröffentlicht. «Man ist dort als Schreibender nicht alleine und bekommt Feedbacks, Anregungen und Inputs für seine Geschichten», erklärt er.
Seit neun Jahren betreibt er einen eigenen Blog, hat schon mehrere literarische Texte im Auftrag geschrieben und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Auch wenn er selber ein Fan des E-Books sei, glaube er, dass gedruckte Bücher weiterhin wertgeschätzt werden. Die Räume seiner Wohngemeinschaft habe er sich eigentlich bücherfrei einrichten wollen. «Doch es hat komisch ausgesehen», meint er.
«Kinder klauen» und weitere Texte können auf www.cedricweidmann.ch gelesen werden.


