Erst das Fressen, dann die Moral
Das Theater für den Kanton Zürich TKZ, gab am Freitag ein Gastspiel mit Bertolt Brechts «Dreigroschenoper» in der Aula Ennetgraben. Das Publikum erschien in grosser Zahl.

Gassenhauer, die man seit Kindsbeinen kennt, ein minimalistisch cleanes Bühnenbild, Kostüme und Schminke, an denen das Auge hängen bleibt und Schauspielkunst in Sprache, Ausdruck, Gesang und Bewegung, dies die Requisiten aus der Zauberkiste, die ein altes, ja uraltes, sozialkritisches Theaterstück zum Leben erwecken soll. Gelingt das?
Die eigene Haut liegt am nächsten
Bertolt Brecht hat in der «Dreigroschenoper» ein schon damals über 200-jähriges englisches Theaterstück herangezogen resp. die Sekretärin in seinem Rücken, Elisabeth Hauptmann, hat es für ihn gefunden und übersetzt. Brecht hat es über-, um- und zur «Dreigroschenoper» ausgearbeitet und ins Jahr 1838 gestellt. Londons Bettelkönig, der ein Heer von Bettlern beschäftigt – ein Thema, das auch Charles Dickens in seinen Romanen abhandelte –, gegen die Gangster, Mörder und Diebe und dazwischen der korrupte Polizeichef und die Huren, die sich immer auf die Seite der höheren Einkünfte schlagen: «Erst kommt das Fressen, dann die Moral.» Der Bettler fühlt sich dem Gangster gegenüber als etwas Besseres, die Tochter des Bettlers heiratet den Gangsterboss heimlich und weil das ein absolutes No-Go für den Bettelkönig ist, wird Gangsterboss «Mackie Messer» an den Galgen gebracht, wo ihn schliesslich Queen Victoria in letzter Sekunde zu ihrer Krönung begnadigt und in den Adelsstand erhebt. Regisseur und Theaterleiter Rüdiger Burbach hat das Stück in keinen aktuell politischen Kontext gesetzt, da werden aus Bettlern nicht plötzlich Flüchtlinge und aus Gangstern Politiker oder Banker. Er überlässt es dem Publikum, ob und wie es Parallelen zur heutigen Zeit ziehen will.
Versierte Schauspieler und Musiker in allen Rollen
Joachim Aeschlimann spielt den sehr von sich eingenommenen Gangsterboss und Frauenhelden cool und lässig. Anja Rüegg leistet sich in ihrer Rolle als Polly, der heimlichen Ehefrau, mit ihrer Konkurrentin Lucy alias Leonie Merlin Young, einen handgreiflichen Kampf, der bös zur Sache geht und mit dynamischer, eleganter Bodenrolle sehr artistisch ausfällt, was dem Publikum besonders gefällt. Katharina von Bock spielt die intrigante Mutter von Polly souverän. Die Frauenrollen, von der Bettlertochter bis zur Hure, sind besonders vielschichtig. Die Schauspielerinnen ziehen ihre erprobten Register im schnellen Wechsel zwischen Lieb-Kind-sein, sich anpassen, lügen, berechnend sein, kämpfen, ihre Vorteile nutzen. Sie agieren schlau im Minenfeld der eigenen Familie. Und gut singen können offenbar alle im Ensemble.
Die etwa 120 Zuschauer sind anfangs noch etwas geizig mit Szenenapplaus, schliesslich hat der Ansager auch angekündigt, dass das Stück sehr lang gehen werde. Doch Kurt Weills Ohrwürmer lassen auch nach 100 Jahren niemanden kalt, dafür sorgen auch die beiden Pianisten Till Löffler und Olav Lervik, die während den zwei Stunden phänomenal in die Tasten hauen.
Der Gründer des TKZ, Dr. Reinhart Spörri, hätte an dieser Aufführung seine Freude gehabt. Für die Landbevölkerung müsse ein Stück bodenständig sein und eine Geschichte haben, hat er das Landpublikum einst analysiert und sich vor 50 Jahren vom Theater am Neumarkt getrennt, das sich immer mehr dem abstrakten Theater zuwandte. Im Aufwind des frisch eingeführten Kulturförderungsgesetzes gründete Spörri 1971 mit anderen das Theater für den Kanton Zürich. Das 50-Jahre-Jubiläum fiel letztes Jahr wegen der Pandemie etwas von der Bühne, jetzt kann das TKZ aber wieder Fahrt aufnehmen.
Von drei Groschen auf 30 Franken
Zum Glück gibt das TKZ nicht nur Gastspiele in Zürcher Gemeinden, die auch Genossenschafter sind, wie dies im Bezirk Affoltern einzig Stallikon, Hausen, Knonau und Affoltern sind. Genossenschafter zahlen einen Beitrag von 300 Franken, hinzu kommt bei Gemeinden ein jährlicher Beitrag nach Einwohnerzahl. Gedeckelt ist der Betrag bei 5000 Franken, so viel zahlt auch Affoltern. Ausserdem engagiert sich Stadtpräsident Clemens Grötsch im Vorstand des Theaters. Das TKZ komme zwar gerne überall hin, aber die Aufführungen in Hausen und die Freilichtaufführungen in Knonau seien jeweils Höhepunkte auch für das Ensemble, sagt der Leiter der Verwaltung, Manuel Gasser, am Telefon. Und gerne arbeitet das Ensemble auch mit Schulklassen zusammen und vermittelt ihnen, was es heisst, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu stehen.
Brecht war es 1928 wichtig, dass sich alle das Theater ansehen konnten, weshalb der Eintrittspreis an der Uraufführung nur drei Groschen kostete. Das wären heute um die sechs Franken. Dass sich die heutigen 30 Franken Eintrittsgeld zumindest für diejenigen, die es sich leisten konnten, aber gelohnt haben, zeigte das Publikum am Schluss der Vorstellung mit begeistertem Applaus.


