Feurige Klassik in der Kirche Ottenbach
Das Neue Zürcher Orchester bescherte ein bewegendes Musikerlebnis

Bereits zum dritten Mal war das Neue Zürcher Orchester in Ottenbach zu Gast. Die Musikerinnen und Musiker wurden von einer Gastro-Gruppe der reformierten Kirchgemeinde kulinarisch verwöhnt. Die Orchestermitglieder konnten bei Gastfamilien im Dorf übernachten. Andreas Manz, Leiter der Kirchenkommission Ottenbach, begrüsste die Konzertbesucher und wies darauf hin, dass das Orchester bestens eingespielt sei. Bereits Bündner Gemeinden sowie Bern und Zürich waren in den Genuss des Frühjahrs-Konzertes «Feurige Klassik 9.0» gekommen.
Nun folgte Ottenbach. Zwar erlaubt die Sankt-Peter-Kirche in Zürich andere Besucherzahlen, doch beim Orchester ist Ottenbach beliebt – als besonders gastfreundliche Gemeinde mit familiärem Charakter, aber auch wegen der Kirche, deren Akustik sich insbesondere für leise, feine Musik eigne, wie Dirigent Martin Studer in seiner Einführung erklärte.
Mozart-Sinfonie überzeugte
Mit der Sinfonie Nr. 15 in G-Dur, KV 124, von Wolfgang Amadeus Mozart, zeigte das Orchester seine Stärken. Bereits im Allegro überzeugte es durch höchste Präzision. Der erste Satz begann als signalartiges Dreiklangs-Rufmotiv, das zweite Thema zeichnete sich durch einen Pizzicato-Dialog zwischen Hörnern, Bratschen und Bass einerseits und Oboen sowie Violinen andererseits aus.
Mit dem zweiten Satz, dem Andante, war die von Martin Studer erwähnte «ideale Akustik für feine Musik» hörbar. Zu Beginn spielten die Streicher eine Melodie mit etwas melancholischem Charakter, später erklangen Oboen und Hörner teils mit eigenständigen Motiven. Auch die Besetzung des Orchesters wurde dabei am vergangenen Samstag in der Kirche Ottenbach deutlich: je drei erste und zweite Geigen, drei Bratschen, zwei Celli, ein Bass, zwei Oboen und zwei Hörner. Wie oft bei Mozart, prägten auch im dritten und vierten Satz zahlreiche Wiederholungen das Werk.
Virtuoser Solist
Carl Maria von Weber setzte in seinen Werken die Klarinette besonders gern als Soloinstrument ein, denn ihr Klangfarbenspektrum reicht von unbeschwert-heiter bis dunkel-melancholisch.
Das Quintett für Klarinette in Es-Dur besticht durch emotionale Dramatik. Ursprünglich wurden Klarinettenquintette für eine Klarinette und ein Streicherquartett geschrieben; auch Mozart hatte bereits ein solches Werk komponiert. Die technischen Möglichkeiten der Klarinette wurden jedoch stetig weiterentwickelt, wodurch Weber ein deutlich erweitertes Ausdrucksspektrum zur Verfügung stand. In Ottenbach kam die Fassung für Klarinette und Streicher zur Aufführung – Horn und Oboe hatten Pause.
Der chinesische Solist Hongyi Jiang, ARD-Preisträger 2025, zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig die Stimmungen sind, die sein Instrument vermitteln kann. Das Quintett beginnt mit den Streichern, die der Klarinette gleichsam den roten Teppich ausrollen, auf dem sie sich meisterhaft entfalten kann.
Als Zugabe präsentierte Hongyi Jiang das romantische Adagio in Des-Dur für Klarinette und Streicher des Klarinettisten und Komponisten Heinrich Joseph Baermann, ein Werk, das lange Zeit Richard Wagner zugeschrieben wurde.
Aus den eigenen Reihen
Alexander Mykhailov, der junge, ukrainische Solist des folgenden Stücks, des Cellokonzerts d-Moll, ist Mitglied des Neuen Zürcher Orchesters. Es besteht seit 1990, ist als gemeinnützige Institution anerkannt und leistet nachhaltige musikalische Nachwuchsförderung sowie praxisnahe Erfahrungsvermittlung. Über 1400 junge Musikerinnen, Musiker und Solistinnen aus mehr als 50 Ländern haben bislang vom Zusammenspiel mit dem sich stetig erneuernden Orchester profitiert.
Alexander Mykhailov sammelte bereits umfangreiche Solistenerfahrung mit renommierten Orchestern unter international bekannten Dirigentinnen und Dirigenten. Seine Interpretation des Cellokonzerts d-Moll von Antonio Vivaldi war bravourös. Für seine Zugabe, ein Solostück des Spaniers Gaspar Cassadó, eines Schülers von Pablo Casals, erhielt Alexander Mykhailov Standing Ovations. Der dritte Satz aus der Suite für Violoncello, «Intermezzo e Danza Finale», verlangt dem Interpreten höchste Virtuosität ab. Nach der fulminanten Zugabe von Alexander Mykhailov hatte die anschliessende Sinfonie von Joseph Martin Kraus einen eher schweren Stand, obwohl Joseph Martin Kraus zu den innovativsten Komponisten des 18. Jahrhunderts zählt.
Emotional ansprechendes Konzert
Zum vierten Werk wurden die Bläser wieder hinzugezogen. Die Sinfonie Nr. 1 in cis-Moll des deutsch-schwedischen Komponisten Kraus rundete das Konzert ab. Gespielt wurde die c-Moll-Fassung mit Oboen statt Flöten. Kraus schrieb Musik zu zahlreichen Bühnenwerken, was sich auch in der dramatischen Anlage dieser Sinfonie widerspiegelte. Der Komponist ist heute zu Unrecht wenig bekannt. «Der Mann hat einen grossen Stil», soll Christoph Willibald Gluck gesagt haben.
Der künstlerische Leiter des Neuen Zürcher Orchesters, Martin Studer, wirkt international als Dirigent, Kultur- und Musikorganisator sowie als engagierter Förderer junger Musikerinnen und Musiker. Die herzliche Beziehung zwischen Orchester und Dirigent war während des gesamten Abends spürbar und prägte Qualität und Emotionalität des Konzerts massgeblich.
Im reichhaltigen Programmheft wird eine Aussage des ukrainischen Solisten Alexander Mykhailov wiedergegeben. Seine Worte gehen in der aktuellen geopolitischen Situation besonders unter die Haut: «Er glaubt fest daran, dass Musik Menschen verbindet und Emotionen ausdrückt, die Worte oft nicht erfassen können.»

