Fitter und schlanker nach der Krise?

Beobachtungen von der Terrasse und über die Hecke im Garten

Das Gebot der Stunde ist in ­aller Munde: «Bleibt zu Hause». Täglich 24 Stunden ­innerhalb der eigenen vier Wände? Geht ja nicht; der Drang, sich im Freien zu bewegen, verstärkt sich – erst recht bei diesem herrlichen Frühlingswetter. Ist ja auch erlaubt, wenn das nicht gruppenweise geschieht. Dass der Lockdown zwischenmenschliche Beziehungen erschüttern kann, zu seelischen Belastungen, zu ehelichen Verwerfungen führt und die Gefahr häuslicher Gewalt heraufbeschwört, daran erinnern uns dieser Tage nicht nur Psychologen. Und andere Fachleute warnen vor anderen Gefahren, die bei einer wochenlangen Zwangsisolation drohen: mehr Alkohol, mehr Drogen, mehr Pornokonsum.
Aber das sehe ich nicht so dramatisch, seit ich seit Tagen wegen des schönen Wetters draussen im Garten oder auf der Terrasse sitzen und beobachten kann, was da vor meiner Haustüre abgeht. Eine Nachbarin hat ihren Hometrainer auf den Balkon gestellt und strampelt an Ort ihre Kilometer ab. Damit will sie all jenen ausweichen, die derzeit die Nebenstrassen frequentieren: Radfahrer, Joggerinnen, Hündeler, Wanderer, Walkerinnen, Kinderwagen Schiebende. Dutzende ziehen da in kurzer Zeit vorbei, entfliehen ihrer Wohnung. Was heisst ziehen? Sie rennen, marschieren, reiten, pedalen gemütlich oder rauschen mit dem E-Bike vorbei – ein paar wenige mit 50 statt der erlaubten 30 km/h im Quartier. Meistens in kleinen Gruppen, aber viele allein. In einer wesentlich grösseren Zahl als vor Ausbruch des Virus.
Trap, trap, trap … tönts vom Trottoir her. Der bekannte Ton, wenn der Laufschuh auf den Boden klatscht. Er wird begleitet vom schweren Atmen, manchmal von leisem Stöhnen. Die ­einen eilen aber leichtfüssig und in forschem Tempo; andere gemütlicher, mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen, schwatzend oder via Kopfhörer mit animierender Musik Richtung Dachlisser Moos  – oder ins nahe Ma­schwander Holz. Hellklingende Stockschläge auf Asphalt oder auf Kies künden die Walkerin an. Nur ein verbissen auf dem Rennrad Strampelnder flucht wie ein Rohrspatz, weil er wegen eines (legal) freilaufenden, vom Herrchen begleiteten Hundes auf dem Nebenweg abbremsen muss.
Die überwiegende Mehrheit, die ein Zweirad benutzt, drückt nicht derart aufs Tempo. «Obfelden ist auch ein schöner Wohnort», vernehme ich da von einem Mann im Vorbeifahren. Bevor das Paar ausser Hörweite ist, sagt die Frau: «Ja, aber gäll, die haben hier viel Nebel.» Andere parkieren ihr Auto vor meiner Haustüre und machen sich per pedes und mit Rucksack auf in Richtung Mettmenstetten. Gottseidank nicht ins Tessin.
Ich sitze auf der Bank im Garten oder auf der Terrasse und beobachte, wie sich die Schweiz in diesen schweren Wochen noch stärker zur Sport­nation entwickelt – und die Hoffnung aufrechterhalten bleibt, dass sich auch die Zahl der Übergewichtigen dank Coronavirus reduziert. Aktuell sind – so sagt es die Statistik des Bundes – 42 Prozent der Bevölkerung übergewichtig oder adipös, deutlich mehr Männer als Frauen. Macht uns also Covid-19 schlanker und fitter?
Die Krise begünstigt den Trainingswillen, fördert Kraft und Ausdauer. Bringt sie uns womöglich gar einen neuen Viktor Röthlin, eine neue Nicola Spirig oder einen neuen Fabian Cancellara? Fast mag ich dran glauben, wenn ich die bei herrlichem Sonnenschein und warmen Temperaturen am Haus vorbeiziehende Karawane von Sportwilligen sehe – und mich obendrein, am Apéroglas nippend, kein schlechtes Gewissen befällt: Schliesslich habe ich meine Joggingrunde an der Reuss schon am Morgen absolviert. Aber ohne Aussicht, der neue Röthlin zu werden. (-ter.)

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