Flügel ausbreiten über Kulturen und Zeiten
Als meistgelesene zeitgenössische Jugendbuchautorin hat Federica de Cesco Generationen geprägt, so auch die Teilnehmenden an der Lesung in Affoltern, wo sie ihren neuen Erwachsenenroman «Das Erbe der Vogelmenschen» vorstellte.

Rund 15 Meter in der Länge und zwei Meter hoch reihen sich Kinder- und Jugendbücher in den Gestellen der Buchhandlung Scheidegger; hier steht auf einem Tischchen ein schöner Blumenstrauss nebst ein paar Büchern von Federica de Cesco. Die über achtzigjährige Autorin liest aus ihrem neuesten Roman für Erwachsene «Das Erbe der Vogelmenschen». Auch ihr literarisches Werk dürfte einige Meter im Regal füllen: Mit fünfzehn verfasste sie ihren Erstling «Der rote Seidenschal», der dann 1957 auf Französisch und ein Jahr später auch auf Deutsch erschien, eine abenteuerliche Geschichte in einem indianischen Umfeld, das wohl jede der anwesenden Personen in ihren Jugendjahren begleitet hat.
So auch den Inhaber der Buchhandlung, Urs Wetli, wie er in seiner Begrüssung erwähnt. Die hier Schreibende wurde damals mit diesem Geschenk ihrer Gotte zur begeisterten Leseratte. Seit dem «Seidenschal» hat die Schriftstellerin jedes Jahr ihres Lebens mindestens ein Werk herausgegeben, über 50 für jugendliche Lesende, bisher 17 für Erwachsene, eine Handvoll Sachbücher und eine Autobiografie.
Überlieferung durch die Grossmutter
Die feingliedrige Madame de Cesco, mit schlohweissem Haar, macht einen vifen Eindruck. Auf ihrer schwarzen Schutzmaske trägt sie einen weissen Schnauz – ein humorvolles Detail. «Das Erbe der Vogelmenschen» ist ihr neuester Roman für Erwachsene, obwohl er von einer Zwanzigjährigen handelt. Wie immer ist da etwas Rätselhaftes, Geheimes und Magisches in der Geschichte von Leo, die ihre schamanischen Wurzeln sucht oder von diesen gefunden wird, nachdem sie durch die Grossmutter von ihrer Abstammung erfahren und ein spezielles Amulett erhalten hat.
Diese ausführliche Geschichte der Vogelmenschen bildet die Mitte des Romans, «damit die Lesenden eingeweiht sind», wie die Autorin erklärt und die sie nun den Anwesenden vorliest. Somit wird man quasi in die Situation versetzt, der Grossmutter live zuzuhören. Wir bewegen uns durch alle Zeiten und Hochkulturen der Menschheitsgeschichte, seit ein Meteorit in den Planeten einschlug. Jungsteinzeit, Neandertaler, Sintflut, das alte Ägypten und seine Pharaonen, Sumerer, Perser, verschiedene Königreiche, auch Moses und Jesus wie auch die Freimaurer haben ihren Part.
Der Text ist kompakt und umfassend, die Geschichte der Vogelmenschen ist wie eine Reise durch Raum und Zeit. Überall wo sie auftauchten, fand ein Sprung in der Evolution statt, sie bringen den Menschen Kenntnisse über Medizin, Architektur und Kunst, Jagd und Handwerk, Sternenkunde und andere Wissenschaften, auch den Sinn für Empathie – sie sind «Kraftkerne, die Seelenkräfte konzentrieren». Sie agieren als Beschützer und Wächter. Und manche vermischen sich mit Menschen, die nun – so wie die Romanheldin Leo – ihre Fähigkeiten in sich tragen. Man bittet sie um Hilfe und Schutz, darum ihre Flügel auszubreiten – Vogelmenschen, wohl eine Art Engel im nichtchristlichen Sinne.
Mehr Psychologie für Erwachsene
Auf die Frage, worin der Unterschied bestehe zwischen ihren Jugendbüchern und den Erwachsenenromanen, antwortet Federica de Cesco, in den Werken für Erwachsene verwende sie viel mehr Psychologie, um ihre Figuren und deren Handeln zu beschreiben. Sie meint auch, die Jugend von heute habe sich weiterentwickelt, die Mädchen seien «normaler», die Jungs «emanzipierter» geworden, was sie sehr schätze. Man müsste viel knapper und präzise, wenn auch romantisch schreiben, das sei heute für sie schwierig. Dass sie Weltgeschichte liebt, ist offensichtlich und seit einem Erlebnis in Kanada sei der «indianische Funke» gesprungen, obschon sie sich schon immer für verschiedene Kulturen brennend interessierte. Einige Zeit hat sie mit Tuareg gelebt. Und in ihrem aktuellen Roman sind kulturelle Minderheiten im Spiel, für die sie kompromisslos Stellung bezieht und deren Feinde von den Geiern, den Krafttieren der Vogelmenschen, aufs Heftigste angegriffen und besiegt werden.
Nach der Fragerunde verabschiedet sich Federica de Cesco, sie hat ihre Moustache-Maske wieder auf, Bücher wurden bereits vorsigniert. Die Begegnung mit dieser Autorin hinterlässt ein Gefühl der grossen Achtung, eine filigrane und gleichzeitig blühende Erscheinung, über achtzig und mit einer unermüdlichen Schaffenskraft.


