«Frauen sollten alleine schlafen, Männer in Gesellschaft»
Hans-Günter Weess sprach in der Regionalbibliothek über Schlaf und vor allem seine Absenz

«Schlaf ist eine internationale Angelegenheit. Deshalb freue ich mich ganz besonders, auch einmal in der Schweiz mein Buch vorzustellen», begrüsste Hans-Günter Weess, Leiter des Schlafzentrums des Pfalzklinikums im Deutschen Klingenmünster, das Publikum.
Schlaf sei extrem wichtig für das Immunsystem. Es gebe zwar keine Forschung am Menschen, doch nach etwas über 20 Tagen ohne Schlaf würde der Mensch sterben, höchst wahrscheinlich an einer Infektion: «Ohne die Erholung des Schlafes wird das Immunsystem stark geschwächt.»
Aufgrund von Daten von Fitnessarmbändern habe eine neue Studie ergeben, dass Herr und Frau Schweizer durchschnittlich um 23.10 Uhr ins Bett gehen und um 6.58 Uhr aufstehen – also rund 7,9 Stunden ruhig im Bett verbringen. Hans-Günter Weess relativierte jedoch: «Ob die Menschen dann wirklich schlafen können, sagt diese Studie nicht aus. Zudem tragen eher jüngere Erwachsene solche Armbänder. Die Stichprobe ist also nicht altersbereinigt.» Am meisten Schlaf gönnen sich gemäss der Studie «A global quantification of normal sleep schedules using smartphone data» die Holländer, mit 8,1 Stunden.
Aufwachen gehört zum Schlafen – auch in der Nacht
Im Durchschnitt benötigten Frauen 20 Minuten mehr Schlaf als Männer. «Grundsätzlich wird der Schlaf jedoch von den Genen determiniert. Jeder sollte sich so viel Schlaf gönnen, wie er braucht, um am Morgen komplett regeneriert zu sein – auch wenn der Lebenspartner oder die Lebenspartnerin weniger oder mehr Schlaf braucht», erklärte Hans-Günter Weess. Es sei auch nicht so, dass ältere Menschen weniger Schlaf brauchten. Es sei jedoch so, dass ältere Menschen weniger durchschlafen würden und deshalb auch öfter am Nachmittag etwas schlafen würden. Aufwachen gehöre zum Schlafen. Wer in der Nacht aufwache, solle die Zeit geniessen – der Schlaf komme dann von selber wieder.
Grundsätzlich sei der Mensch ein tagaktives Tier – es gebe aber auch Ausnahmen. Erst seit Thomas Edisons Erfindung der Glühbirne 1878 sei der Mensch auch vermehrt nachtaktiv geworden. Schichtarbeit, mit unterschiedlichen Schichten, sei dabei regelrecht gesundheitsgefährdend.
Morgendliche Müdigkeit bei Jugendlichen genetisch bedingt
In der Informationsgesellschaft sei man immer erreichbar und oft länger wach als gesund sei. Zudem sei man immer öfter und länger Medien und intensiven Reizen ausgesetzt, was zu Stress führe: «Und Stress ist der grösste Feind des Schlafes.»
Spannend sei auch das Schlafverhalten von pubertierenden Jugendlichen. In der Pubertät werde der Mensch rein biologisch zum Spätschläfer: «Jugendliche sind nämlich nicht faul, wenn sie in der Schule am Morgen einschlafen – für sie ist es mitten in der Nacht. Zwei Drittel der Menschen sind Eulen, die am Abend noch einmal wach und leistungsfähig werden und am Morgen ausschlafen müssten. Der eine Drittel Frühaufsteher – sogenannte Lerchen – dominiert jedoch die anderen zwei Drittel, da sie oft sehr strukturiert denken und karrieretechnisch sehr weit kommen. Von Chancengleichheit könne nur gesprochen werden, wenn in der Schule Prüfungen erst nach 11 Uhr geschrieben würden.» Grundsätzlich seien Menschen viel gesünder und leistungsfähiger, wenn sie ihrem eigenen Schlafrhythmus nachgehen könnten.
Am Arbeitsplatz schlafen ist positiv besetzt
Schlaf sei auch kulturell sehr unterschiedlich akzeptiert. Wenn jemand in Asien am Arbeitsplatz schlafe, sei es ein Zeichen dafür, dass er oder sie vorher tüchtig gearbeitet habe und gut zu sich schaue. «In Europa ist die Reaktion auf schlafende Mitarbeitende meistens etwas anders», meinte Hans-Günter Weess schalkhaft und machte eine wirkungsvolle Pause. Es gebe auch Geschlechterunterschiede beim Schlafen: «Evolutionsbiologisch schlafen Männer besser zu zweit, da sie sich dann geborgen fühlen und Frauen schlechter, da in Anwesenheit Dritter der Beschützerinstinkt geweckt wird.» Schlaf habe auch grossen Einfluss auf das Risikoverhalten. Übermüdete Menschen zeigten irrationale Entscheidungsmuster und seien auch viel öfter an Verkehrsunfällen beteiligt.
Schlaf: Wer ihn will, kriegt ihn nicht
Schlafmangel liege daran, dass man Alltagssorgen mit ins Bett nehme, was Anspannung verursache, welche den Schlaf verhindere: «Wer ins Bett geht, um möglichst schnell zu schlafen, der wird das nicht können. Das Dumme ist, dass nichts besser hilft, um wach zu bleiben, als schlafen zu wollen. Je mehr man den Schlaf will, umso weniger wird man ihn kriegen. Menschen mit Schlafstörungen können meist erst kurz bevor der Wecker läutet einschlafen, weil sie aufgegeben haben und sich sagen, dass sich jetzt noch Schlafen nun wirklich nicht mehr lohnt. Gesunde Schläfer legen sich ins Bett, haben schöne Gedanken und schlafen langsam ein.»
Das hilft gegen Schlafmangel
Der Königsweg zum Einschlafen sei die Entspannung. Beispielsweise ein Einschlafritual, wie ein Buch zu lesen oder Tagebuch zu schreiben, könne Abhilfe schaffen bei Schlaflosigkeit. Um gut einzuschlafen, brauche es oft schöne Gedanken, eine positive Fantasiereise, die für Entspannung sorge und: «Wenn man vorher lang genug wach war, und auch der Körper ermüdet ist, kommt der Schlaf wie von selbst. Schlafstörungen sind meistens psychisch bedingt. Man muss seine Pflichten und Sorgen loslassen, dann schläft man gut. Und Schlaf ist auch extrem wichtig. Es ist vielleicht das wichtigste Drittel des Lebens.»
In seinem Buch widmet Hans-Günter Weess 60 Seiten Tipps für besseres (Ein-)Schlafen.
Hans-Günter Weess, «Die schlaflose Gesellschaft», erhältlich im Buchhandel und Bibliotheken.


