«Freude herrscht» - auch in Affoltern
Selten zuvor wurde ein derart bunt gemischtes Publikum in der Regionalbibliothek registriert wie am letzten Freitagabend beim Besuch von Astronaut Claude Nicollier. Wer ein Ticket ergattern konnte, wurde nicht enttäuscht. Nicollier verstand es mit viel Witz über seine Erlebnisse im Orbit zu berichten.

Was wird der bisher erste und einzige Schweizer Astronaut Claude Nicollier wohl in der vollbesetzten Regionalbibliothek Affoltern vortragen? Zuerst einmal nichts! Denn auch der sympathische Romand reist inzwischen nicht mehr mit dem Space Shuttle, sondern mit den SBB. Und die hatten am letzten Freitag wieder einmal eine gröbere Panne mit Stromausfall, was zu happigen Verspätungen geführt hat. Das Publikum nahms gelassen und Nicollier verstand es auf süffisante Weise, das Malheur der Bundesbahnen in seinen Vortrag einzubinden, was mehr als einmal schallendes Gelächter auslöste. Kunststück, wenn man schon mehrmals mit dem Space Shuttle mit 26000 Stundenkilometern schwerelos um die Welt gerast ist. Für die ersten 100 senkrechten Kilometer in die Erdumlaufbahn benötigte das Shuttle jeweils knapp vier Minuten – das ist rund 15 Mal schneller als die etwa gleich lange Fahrt mit dem Zug von Bern nach Zürich.
Faszinierende Zahlen
Nicht die einzigen Zahlen aus Nicolliers Vortrag, die faszinierten. Mehr als 2000 Tonnen betrug das Startgewicht des Space Shuttles inklusive dem Zusatztank, der die beiden Feststoffraketen während der ersten zwei Minuten nach dem Abheben mit Treibstoff versorgte. Dann wurden die Booster abgesprengt und mit Miniraketen vom Shuttle wegbewegt, damit diese das Raumschiff und den Zusatztank nicht beschädigten. «Einer der fünf abgesprengten Bolzen wurde mir jeweils nach der Rückkehr als Souvenir von der Nasa übergeben», verriet Nicollier, der wie das US-Raumfahrtprogramm auf eine schillernde Berufskarriere zurückblickt. Der heute 74-Jährige flog einst «Hunter»-Kampfjets für die Schweizer Luftwaffe, ist promovierter Astrophysiker und liess sich danach zum Linienpiloten ausbilden.
Die Faszination für die erste Mondlandung am 21. Juli 1969 liess ihn nicht nur einen Autounfall überwinden. Sie brachte ihn auch zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zusammen, die ihn 1977 für die erste Astronautengruppe der europäischen Weltraumorganisation ESA auserkoren. Von 1980 bis 2005 lebte Nicollier in Houston, USA, wo er bei der Nasa arbeitete und zwischen 1992 und 1999 an insgesamt vier Space-Shuttle-Missionen teilnahm. 42 Tage verbrachte er im Orbit und war unter anderem an der erfolgreichen Reparatur des Hubble-Weltraumteleskops beteiligt.
Viel Fleiss und ein wenig Glück
«Ich hatte einfach das Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Es gab eine Menge anderer, talentierter und hochmotivierter Piloten und Wissenschaftler, die das gleiche gewollt haben, jedoch nicht ausgewählt wurden», sagte Nicollier bescheiden. Begleitet von beeindruckenden Lichtbildern aus dem Weltraum, gab der Romand Einblicke in das schwerelose Leben als Astronaut und erzählte, wie ihm der damalige Bundesrat und Wehrminister Dölf Ogi am 7. August 1992 mit dem Spruch «Freude herrscht, Monsieur Nicollier» zur ersten Raumfahrt eines Schweizers beglückwünscht hatte.
Der Vortrag war nicht nur ein interessanter Exkurs in die Raumfahrt durch einen lebhaft und dank französischem Akzent charmant erzählenden Zeitzeugen. Nicollier verstand auch den geopolitischen Wandel in den 30 Jahren des Space-Shuttle-Projektes anschaulich in seinen Vortrag einzubinden. Aus dem anfänglichen Wissens- und Rüstungswettkampf der Nationen Russland und USA während des Kalten Krieges war im Laufe der Zeit eine weltumspannende Zusammenarbeit der Nationen geworden. Die Shuttles konnten sowohl an der russischen Mir als auch an der später gebauten internationalen Raumstation ISS andocken.
Zum Schluss gab Nicollier seine Erfolgsrezepte preis, die er in seinem Leben als Astronaut erworben hat: Klar definierte Ziele mit Prioritätenliste; Teamarbeit mit eindeutiger Aufgabenzuteilung; wichtige Systeme mehrfach und unabhängig voneinander laufen lassen; strikte operationelle Disziplin basierend auf Checklisten und eingeübten Prozeduren; das Unvorhersehbare vorsehen und üben, üben, üben.


