«Früher hat die Musik noch etwas bewegt in der Gesellschaft»
Martin Gaisser, der Leadsänger von «Last Avenue» und deren Vorläufer «Mild’n», gehört in der Oberämtler Musikszene zu den Urgesteinen. Dennoch denkt der Hausemer noch lange nicht ans Aufhören. Was treibt ihn und seinen Gitarristen Christian Schönbächler um?

Keine Rock’n’Roll-Allüren beim Treffen mit Martin Gaisser, dem Bandleader von «Mild’n» und «Last Avenue», und seinem temporären Gitarristen Christian Schönbächler. Pünktlich, nüchtern und ohne Groupies sitzen die beiden im Gartenrestaurant des Hausemer «Löwen» und harren freundlich der Fragen, die da kommen.
Es entwickelt sich dann aber nicht das übliche Frage-Antwort-Ping-Pong, sondern ein Gespräch übers Musikerdasein, das Oberamt als gutes Pflaster für regionale Bands, wie die Entwicklungen in der Musik das gesellschaftliche Leben spiegeln, weshalb alte Bands wie die Rolling Stones heute noch so gern gesehen werden, ob es das von Polo Hofer beschworene Rock’n’Roll-Lebensgefühl tatsächlich gibt und wann das Leben nach Covid-19 wieder normal werden wird.
Spezielle Band-Namen
Zuerst aber stolpern wir in der Geschichte über beinahe unaussprechliche Bandnamen wie «Mild’n», die Bezeichnung der ersten Combo von Gaisser. Dieser muss bei der Erklärung der Geschichte lachen, denn der Name leitet sich ab von der Reglerbezeichnung auf Instrumentenverstärkern. Anstatt den eingängigeren «Bass», «Treble» oder «Loudness» entschied man sich für eine Abwandlung von «Middle». «Mild’n» erwies sich dann aber für viele als zu abstrakt und unaussprechlich. «Deshalb haben wir uns in neuer Formation ab 2006 für den Namen ‹Last Avenue› entschieden.» Übersetzt: Die letzte Strasse bzw. der letzte Ausweg. Musik als letzter Ausweg? «Ich sehe die Musik eher als Lebensgefühl», wiegelt Gaisser ab. Er wolle das Rock’n’Roll-Feeling leben. Damit gehöre er in der Musikszene allerdings je länger je mehr zu einer aussterbenden Rasse. Er lebe die Antithese des Typen, den Züri West in ihrem Song «Glücklech» besingt. Also jener Musiker, der mit einem weiblichen Fan eine Familie gründet, dafür sein Musikerleben aufgibt und im arbeitsreichen Beruf als Werbetexter eine neue Bestimmung findet. Seine Frau angelt sich eines Nachts hinter der Bühne jedoch einen neuen Musiker.
Wobei: Auch Gaisser verdient seinen Lebensunterhalt hauptsächlich «seriös» als Primarlehrer. Der 39-Jährige unterrichtet in Langnau am Albis. «Ich bin nicht untypisch. Die halbe Musikerszene besteht in der Schweiz aus Lehrern», betont Gaisser. Auch Schönbächler ist in der Schule wieder am Gasgeben. «Ich habe die eidgenössische Maturität nachgeholt und werde demnächst ein Psychologiestudium mit Nebenfach Soziologie beginnen», erzählt der 24-Jährige. Dazu besteht «Last Avenue» aus den beiden Musiklehrern Jérémie Bochet (38, Bass) und Sam Jäggi (35, Schlagzeug), die beide liiert respektive verheiratet sind, Kinder haben, ihr Geld aber doch mit Musik verdienen. Schönbächler und Gaisser sind überzeugt, dass es einen Unterschied macht, ob man als Musiker beruflich oder hobbymässig unterwegs ist. Beide ärgern sich jeweils über die Rückfrage nach dem Beruf, wenn sie jemandem sagen, dass sie Musiker sind.
22 Jahre mit der Band auf der Bühne
Über 22 Jahre lang steht Gaisser schon auf der Bühne und kann es selbst kaum fassen. Er sagt: «Das Oberamt war und ist stets ein gutes Pflaster für meine musikalische Entwicklung.» Infiziert worden sei er von der Band Sphynx und deren charismatischem Leadsänger Benno Betschart, die Anfang der 1990er-Jahre in Hausen gespielt haben. «Da hats bei mir Klick gemacht. Das wollte ich auch.» Eine Fülle von Anlässen schufen die Bühne, um vor Publikum zu spielen: Rock Nights in Ebertswil, Hausen und Uerzlikon (Grütsch Rock), Open Airs auf dem Albis, auf dem Karli-Hof (Woodstock-Revival, Summer of Love) und der Rampe auf dem Weisbrod-Areal, dazu das alljährlich im Oktober stattfindende Has Club Festival, Konzerte in der Hausemer Müli-Bar und an Waldfesten. «Auch der Verein ‹Lokalkult› ist sehr aktiv», lobt Gaisser.
Wie hält man es so lange mit der Band aus? «Die Besetzung hat immer mal wieder gewechselt. Auch das ist nicht untypisch in der Musikszene», erklärt der 39-Jährige. Wann ist eigentlich das richtige Alter für einen echten Rock’n’Roller? «Das beste Alter ist in der heutigen Zeit immer älter. Früher war das nicht so, da sind viele Stars mit 27 gestorben», erklärt Gaisser und denkt an seine Vorbilder Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix. Er führt es auf die Beliebigkeit der heutigen Populärmusik zurück, dass die alten Bands wie die Stones, Pink Floyd, AC/DC und andere nichts von ihrer Faszination eingebüsst haben und noch immer die grössten Stadien der Welt füllen. «Die Jungs haben mit ihrer Musik noch etwas in der Gesellschaft bewegt. Das ist heute nur noch selten der Fall. Deshalb gehen auch die Jungen in Stones-Konzerte, obwohl diese bald ihre Urgrossväter sein könnten.»
Schönbächler relativiert: «Es gibt schon noch Bands, die auch heute noch tiefgründig politische und gesellschaftliche Probleme thematisieren und auch etwas zu sagen haben, wie beispielsweise ‹Linkin Park›, ‹Rammstein› oder ‹System Of A Down›. Echte junge Rockstars gibt es heute zwar nicht mehr wie Sand am Meer, aber es gibt schon noch einige sehr erfolgreiche Interpreten, die diesen Spirit leben, wie etwa Ed Sheeran, Miley Cyrus, Rival Sons oder Greta Van Fleet.» Er höre bevorzugt aber eher die Musik der 1960er bis 1990er, so Gaisser.
Kein Mangel an brisanten Songthemen
Der Hausemer kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die heutige Jugend eher wieder konservativer eingestellt sei als noch seine Generation. Man heirate wieder früher, sei nicht mehr so aufmüpfig, dafür obrigkeitsgläubiger als noch vor 20 Jahren. Umgekehrt gebe es aber gerade bei der aktuellen Jugend viele, die sehr progressiv denken und sich für eine bessere Welt einsetzen wollen. Nur spiele dabei die Musik keine derart prägende Rolle mehr wie früher. «Ich würde mich mit der Musik gerne noch mehr exponieren. Aktuell gibt es einige brisante Themen für Songtexte, die sich anbieten: Polizeigewalt, Rassismus, Diskriminierung», zählt Schönbächler auf.
Und natürlich Covid-19, das auch Last Avenue zum Pausieren gezwungen hat. «Wir proben im Moment sehr unregelmässig zusammen, denn wir haben natürlich weniger Gigs als sonst», sagt Gaisser nachdenklich. Er hofft, dass sich die Lage im Herbst endlich wieder normalisiert und es zu keinen weiteren Restriktionen kommt.


