Für die Ingolds ist es Zeit «zum Zämepacke»
Elf Jahre hat Ivo Ingold in Obfelden gelebt. Nun, mit 50, sagt er der Schweiz Adieu. Mit seiner Frau Nong wandert er nach Thailand aus.
Als er zwölf war, verbrachte Ivo Ingold mit seiner Familie Ferien auf Mauritius. Dort lernte er einen Schweizer Rentner kennen, der in einem Bungalow am Strand lebte. Als er wieder abreiste, nahm er zwei prägende Erkenntnisse mit. Erstens: Das Leben ist schöner am Meer. Zweitens: Eines Tages würde auch er auswandern.
Inzwischen naht dieser Tag. Am 15. Dezember werden er und seine Frau Nong die Schweiz verlassen. Mit je maximal 60 Kilogramm werden sie ab Kloten Kurs auf ihr neues Leben in Thailand nehmen.
Wenn Ivo Ingold in einem Café in Obfelden von seiner Auswanderung erzählt, redet er nicht davon, fortzugehen. Er sagt: «Für mich war schon vor Jahren klar, dass ich irgendwann zurückwill.»
Dorthin, wo ihm 1998 ein Mönch in einem Tempel die Karten legte und riet, er solle sein Glück ausserhalb der Schweiz suchen.
Dorthin, wo er sich 1999 verliebte und ein Jahr später zum ersten Mal heiratete.
Dorthin, wo ihm 2003, als das Liebesglück sich wieder verflüchtigt hatte, ein Wahrsager auf der Strasse die Karten legte und meinte, seine Noch-Ehefrau habe ihn mit einem Fluch belegt. Dieser lasse sich brechen… Es koste halt ein paar Thai Baht – umgerechnet 700 Franken.
«Natürlich versuchen manche, dich übers Ohr zu hauen», sagt Ivo Ingold, «aber sie machen es wenigstens mit einem Lächeln auf dem Gesicht».
Einen Teilzeitjob hat er bereits
Mitte der 70er-Jahre, als Ivo Ingold vier Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester in die Stadt Zürich. Dort verbrachte er Kindheit und Jugend, er schloss eine KV-Lehre ab und bildete sich zum Marketing-Planer weiter. Ein «richtiger Bürogummi» sei er all die Jahre gewesen. Bis er im Februar 2020 die Kündigung erhielt. Als im Mai seine Mutter nach langer Krankheit starb, fühlten er und seine zweite Ehefrau Nong, dass er gekommen war, der Moment «zum Zämepacke».
Am liebsten wäre Ivo Ingold schon im Dezember 2005, nach der Hochzeit mit Nong, ausgewandert. Die herzliche Kultur, die Wärme, der Sand, das Meer … ach! Mit Hitze, sagt er, könne er umgehen – aber nicht mit Kälte. Und doch waren sie damals in die Schweiz zurückgeflogen, der Vernunft wegen. Die Situation auf dem thailändischen Arbeitsmarkt war vertrackt.
Daran hat sich kaum etwas geändert. In den vergangenen Monaten stellte sich Ivo Ingold per Skype bei einem Callcenter vor, den Job erhielt er nicht. Inzwischen hat er jedoch von seinem Ex-Arbeitgeber die Zusage erhalten, ab 1. Januar 2022 für dessen Firma wieder das Marketing machen zu können. Zwar vorerst nur in einem Teilzeitpensum, aber das sei okay, sagt Ivo Ingold. Er arbeite schliesslich um zu leben, und nicht umgekehrt.
Mit der Sprache klemmt es noch
Als seine Frau Nong mit Ivo Ingold in die Schweiz zog, sprach sie kein Deutsch. Die beiden verständigten sich auf Englisch, wenn nötig half ein Übersetzungstool. Bald wird er derjenige sein, der sich anpassen muss. Können sei übertrieben, sagt Ivo Ingold auf die Frage, ob er Thai spreche, «aber verhungern würde ich nicht, und auch ein Hotelzimmer könnte ich zur Not buchen.»
Einmal in Thailand angekommen, will er sich reinknien. In diese Sprache, die ihn durch ihre vielen Tonhöhen und -verläufe etwas einschüchtert und von deren Schriftbild er sagt, dieses erinnere ihn an Zeichnungen.
Er nimmt kaum Erinnerungsstücke mit
Aus ihrer Obfelder Wohnung sind Nong und Ivo Ingold bereits ausgezogen. Fast alles, was sie besassen, haben sie verschenkt, verkauft oder entsorgt. Seit Juli wohnen sie bei seinem Onkel.
«Wir nehmen Kleider mit. Ja, eigentlich vor allem Kleider», sagt Ivo Ingold. Eine Aufnahme von Bob Marley, die ihm am Herzen liegt, wird seine Schwester mitbringen, wenn sie ihn nächstes Jahr besucht.
Und sonst? Fotos, Briefe? Erinnerungsstücke?
Fotos seien – wenn noch vorhanden – in seiner Cloud abgespeichert. Damit hat es sich. In seinem Leben müsse nun etwas Neues her, sagt Ivo Ingold, «fertig Schwiiz».
Spontan will ihm nichts einfallen, das er an der Schweiz vermissen könnte. «Der Rechtsverkehr auf den Strassen», sagt er dann grinsend, um sogleich eine zweite pragmatische Volte zu schlagen: «Ich liebe Pasta... Doch Pasta gibt es zum Glück auch in Thailand.»
Berge statt Meer, fast wie in der Schweiz
Auch Besuche in der Schweiz sind nicht mehr geplant. Stattdessen hofft er, dass ihn seine Freunde in Thailand besuchen. Finden werden sie ihn in der Nähe der Grossstadt Chiang Rai.
Dort, im Heimatdorf von Nong, wollen die beiden ein Haus bauen. Ein Bungalow am Strand, wie Ivo Ingold es sich einst erträumte, wird es allerdings nicht. Chiang Rai liegt im Norden Thailands, das Meer ist weit weg, und auch die Temperaturen sind je nach Jahreszeit tiefer als in Zentralthailand. «Dafür gibt es rundherum Berge und frische Luft!», schwärmt Ivo Ingold und man ahnt, dass in Thailand durchaus Schweizer Erinnerungen auf ihn warten, auch wenn er sie nicht im Koffer mitbringt.
Der Alltagstest steht noch aus
In den Tagen vor der Abreise wird Ivo sich noch um letzte bürokratische Angelegenheiten kümmern. Das Visum beantragen, Das AHV-Konto transferieren, sich die Pensionskasse auszahlen lassen, das Auto verkaufen.
Thailand kennt Ivo Ingold bisher nur als Ferienort. Im Alltag musste das Land bei ihm noch nicht bestehen. Natürlich könne es sein, dass nach der Ankunft Ernüchterung eintrete, «einfach wird das Leben nicht», sagt er. Aber vielleicht schöner, wer weiss, in einem Land mit Bergen und Meer.






