Für Menschen, die es ohne Unterstützung nicht mehr schaffen

Menschen mit psychischen Erkrankungen bekunden oft Mühe bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben. Das Wohnheim Central bietet seit 20 Jahren zwölf Wohnplätze und damit ein Zuhause, Tagesstrukturen und ein Stück – gerade in schwierigen Lebensphasen so wichtige – Normalität.

Das Central-Team streckt die Hand aus und begleitet Menschen durch schwierige Lebensphasen. (Bild Salomon Schneider)
Das Central-Team streckt die Hand aus und begleitet Menschen durch schwierige Lebensphasen. (Bild Salomon Schneider)

Unter psychischen Störungen werden krankhafte Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Verhaltens und der sozialen Beziehungen verstanden. Wie sich psychische Erkrankungen auswirken, ist je nach Krankheitsbild sehr unterschiedlich. Zum Wesen psychischer Störungen gehört aber fast immer, dass die Selbstwahrnehmung stark von der Fremdwahrnehmung abweicht und Erlebnisverarbeitung sowie Willensstärke nicht mehr gut funktionieren. Die Selbstwirksamkeit ist bei psychischen Erkrankungen oft so stark eingeschränkt, dass diese Menschen sich ihrer Erkrankung aufgeliefert fühlen. In solchen Fällen sind Betroffene meistens nicht mehr selbstständig wohnfähig und benötigen Hilfe. Für 12 Menschen mit solchen Beeinträchtigungen bietet das Wohnheim Central in Affoltern Wohnen in einer geschützten Umgebung an.

Engagierte Persönlichkeiten schliessen sich zusammen

Vor 1997 gab es im Bezirk Affoltern drei Wohngemeinschaften für «Randständige». Da sie sich in Obfelden und Affoltern befanden, konnte die Betreuung nicht optimal organisiert werden. Der damalige Chefarzt des Spitals Affoltern, Christian Hess, der Affoltemer Psychiater Hanspeter Kunz, die Affoltemer Gemeindepräsidentin Irene Enderli und der damalige Leiter des Sozialdienstes des Bezirks Affoltern, Ruedi Hofstetter ergriffen deshalb die Initiative ein Wohnheim für psychisch kranke Menschen zu gründen. Es sollte zentral sein und kostengünstig betrieben werden können.

Mit dem Wettswiler Architekten André Ruchti fanden sie einen engagierten Partner, der sein Haus am Centralweg 10 in Affoltern, in dem sich auch der Kulturkeller LaMarotte befindet, in ein Wohnheim umbaute.

Wenn das Aufräumen des Zimmers zur Herkulesaufgabe wird

Als das Wohnheim im Herbst 1997 eröffnet werden konnte, bot es Platz für 12 Klientinnen und Klienten. Sie haben Einzelzimmer mit Nasszelle und können Gemeinschaftsküche, Gruppenraum, Werkraum und die Einzelküchen auf jedem Stockwerk mitbenützen. Alexander Koerdt ist seit dem Jahr 2000 Leiter des Wohnheims Central: «Während bei gesunden Menschen in schwierigen Lebensphasen Fördern und Fordern angesagt ist, können wir bei unseren Klienten nur unterstützen und Hand bieten. Es gibt zwar beispielsweise die Möglichkeit gemeinsam zu essen, eine Verpflichtung dazu besteht aber nicht. Wer sich zurückziehen will, kann dies. So können auf den Heilungsprozess negativ wirkende Stresssituationen verhindert werden. Hilfreich ist das sehr individuelle Eingehen auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner.

Die Bewohner des Wohnheims Central müssen eine IV-Rente haben, respektive einen IV-Vorentscheid. Meistens haben sie psychische Erkrankungen, die alltägliche Aufgaben zur Herkulesaufgabe werden lassen. Lernen sein Zimmer in Ordnung zu halten, kann beispielsweise ein langwieriger Prozess sein, der nur mit Rückschlägen und viel Unterstützung erfolgreich bewältigt werden kann.

Selbsthilfe durch Verstehen

Das Wohnheim Central arbeitet intensiv mit dem Psychiatriestützpunkt Haus Lindenberg des Spitals Affoltern, dem Sanatorium Kilchberg und der Klinik am Zugersee zusammen, sowie mit Sozialdiensten und Berufsbeiständen. Es bietet den Klienten die Vermittlung einer Tagesstruktur in geschützten Arbeitsplätzen (zum Beispiel in der Stiftung Solvita) und die Möglichkeit zur Partizipation im Haus. «Wenn Menschen zu uns kommen, haben sie eine dicke Krankenakte, in der steht, was sie nicht können. Wir probieren den Spiess umzudrehen und herauszufinden, was sie können. Durch diese sogenannte Ressourcenorientierung probieren wir eine bestmögliche Lebensqualität zu erreichen, indem wir Fähigkeiten trotz Erkrankung erkennen und fördern. Unsere Klienten sollen Experten für ihre Krankheit werden, ihre Systematik verstehen und Bewältigungsstrategien entwickeln. Wenn sie es dann schaffen, in kritischen Momenten Hilfe zu holen, sind sie auf dem Weg zur Besserung», erläutert Alexander Koerdt.

Pro Jahr schaffen zwei bis drei Klienten den Sprung in eine unabhängige Wohnsituation, wo sie meist über die sozialpsychiatrische Spitex weiterbegleitet werden.

Wie häufig sind psychische Erkrankungen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung Europas von mindestens einer psychischen Störung betroffen sind. Ein Drittel davon weist mehrere psychische Störungen gleichzeitig auf. Frauen sind etwas öfter von psychischen Erkrankungen betroffen. Nach Krankheitsbildern ist die Verteilung jedoch sehr unterschiedlich. Zwangsstörungen, Bipolare Störungen und Schizophrenie treten sehr regelmässig verteilt auf. Alkoholstörungen, Aufmerksamkeitsdefizitstörungen und Asperger-Syndrom treten viel häufiger bei Männern auf. Seelisch bedingte Essstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen sind bei Frauen häufiger.

Psychische Erkrankungen können im Schweregrad sehr stark variieren und das Leben so in unterschiedlichem Masse beeinflussen. Zudem sind psychische Erkrankungen oft temporär und können bei fachgerechter Behandlung zeitnah in den Griff bekommen werden. Unbehandelt können die Erkrankungen chronisch werden, was meistens sowohl das Sozialleben als auch das Berufsleben negativ beeinflusst.

Neben persönlichen Tragödien entsteht dadurch in der Schweiz jährlich ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe. Institutionen wie das Wohnheim Central führen Menschen wieder an das selbstständige Leben und den ersten Arbeitsmarkt heran. Da immer mehr junge Menschen an psychischen Erkrankungen leiden, werden solche Institutionen immer wichtiger.

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