Gefühle in Geschichten aufbewahren, nicht in Akten
Gut 50 Menschen liessen sich im Gemeindesaal Hausen von Peter Stamm in die einsame Welt des namenlosen Archivars in seinem Buch «Das Archiv der Gefühle» entführen. Organisiert hat der Anlass das Team der Bibliothek.

Ein gewöhnlicher Mittwochabend, der über 50 Personen in einem Dorf zusammenkommen lässt, um sich mit Schweizer Literatur und seinem Autor auseinanderzusetzen, das ist ermutigend. Um 19.30 Uhr warten sie im Gemeindesaal Hausen auf die Lesung von Peter Stamm, der aus seinem Buch «Das Archiv der Gefühle» lesen wird. Im Publikum sind die Frauen in der Mehrzahl, aber auch einige Männer, sogar junge Männer mit ihren Partnerinnen besuchen den Anlass. Peter Stamm setzt sich an einen kleinen Holztisch mit einer weissen Tischdecke. Eine gute Lichtquelle, eine Wasserkaraffe und ein Glas sind bereitgestellt, eine gelbe Tulpe in einer kleinen Vase machen das Ensemble komplett, man hat fast den Eindruck, der Autor sitze an seinem Schreibpult. Katrin Tandler, die Leiterin der Bibliothek Hausen begrüsst das Publikum, freut sich, dass sie Peter Stamm erneut in Hausen willkommen heissen darf. Zwölf Jahre seien seit seiner letzten Lesung hier inzwischen vergangen. Sie stellt den Autor mit einigen biografischen Stationen vor, informiert, wo Peter Stamm überall auf der Welt schon auf Leserreise war: «...China, Kolumbien, Mexiko und – Hausen am Albis!»
Ein etwas kauziger Protagonist
Peter Stamm fängt am Anfang seines Buches an. Er liest rasch und deutlich, seine Stimme ist angenehm. Die Geschichte eines Mannes, der als Archivar arbeitete, aber nun arbeitslos ist, der alles daransetzt, dass er das physische Archiv, das der frühere Arbeitgeber eigentlich vernichten wollte, bei sich zu Hause im Keller installieren kann und dies auch erreicht, zieht die Zuhörer rasch in seinen Bann. Die Einsamkeit des arbeitslosen Mittfünfzigers, der immer wieder fiktiv mit seiner Jugendliebe Franziska redet, sie neben sich sieht und spürt, ist sehr eindringlich, berührend, auch beklemmend. Nach zwanzig Minuten Lesen springt Peter Stamm in den hinteren Teil des Buches, dorthin, wo sich ein reales Treffen mit der ersten Liebe, der er nie seine Liebe gestehen konnte, anbahnt, für das er viel zu früh vor Ort ist, sich am Waldrand auf einer Bank niederlässt und das Zusammentreffen mit seiner angebeteten Franziska im Geist durchspielt, in seinen Gefühlen durchlebt und dann zum verabredeten Zeitpunkt nicht mehr den Mut hat, real an ihrem Haus zu läuten, sondern wieder unverrichteter Dinge heimfährt. Später hat sie ihn angerufen, er nimmt endlich ab und im Buch heisst es: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Ich war da, sage ich, viel zu früh. Ich habe am Waldrand über dem Dorf geparkt. Ihr habt eine tolle Aussicht. Franziska lacht. Und da hast du gedacht, jetzt, wo ich die Aussicht gesehen habe, kann ich ja wieder gehen?»
«Den Lesern geht es am Schluss meiner Bücher besser als am Anfang»
Die Fragen aus dem Publikum sind für Autor und Zuhörer spannend und zeigen, wie verschieden ein Text gehört wird und welche unterschiedlichen Reaktionen er auslöst. Zur konsternierten Feststellung eines Besuchers, dass der Archivar trotz seines Intellekts und feinen Gespürs seine Empfindungen nicht verbalisieren könne, meint Peter Stamm, dass wir Schweizer das ja eh nicht so gut könnten. Über einen Archivar wollte er schon lange schreiben, manchmal sei es ein Beruf, eine Person, eine Konstellation oder auch eine Begegnung, aus der irgendwann ein Buch werde. Es sei auch schon zehn Jahre gegangen, bis aus der Idee eine Geschichte geworden sei.
Was denn der Wald in seinen Büchern für eine Rolle spiele? Eine grosse, sagt Peter Stamm. Der Wald sei auch für ihn selbst sehr wichtig, er wohne nahe am Wald, wenn er bei einem Text nicht mehr weiterkäme, ginge er in den Wald. «Und wenn ich nachher immer noch nicht weiterkomme, war ich wenigstens im Wald», meint er mit Schalk und weist auf eine Lesung im Landesmuseum hin, die er im April im Rahmen einer Ausstellung zur Kulturgeschichte des Waldes halte.
Die Aussage einer Besucherin, dass ein etwas verschrobener, isolierter 55-Jähriger gar keine Perspektive mehr habe, lässt er nicht gelten. Mitte fünfzig habe man ganz bestimmt noch eine Perspektive. Noch nie hätte er auf ein Buch so viele Feedbacks von Menschen erhalten, die sagten, sie würden solche Gefühle auch kennen, sie hätten sich in Aspekten der Figur des Archivars wiedererkannt. Später im Gespräch plädiert er vehement dafür, Menschen mit Eigenheiten, Schrullen und Macken nicht gleich in die pathologische Ecke zu stellen. «Menschen sind so verschieden.»
Und was hat es mit dem Titel auf sich? Was ist das Archiv der Gefühle? Peter Stamm sagt, dass er erst nach dem Schreiben, beim Lesen, gemerkt habe, dass das Archiv der Gefühle eigentlich die Geschichte des Archivars sei und nach einer kurzen Diskussion mit dem Publikum fügt er an: «Ich denke schon, dass wir Gefühle am besten in Geschichten aufbewahren.»


