«Geisterfahrer» auf der offenen Rennbahn
Zunächst wurden sämtliche Anlässe auf der offenen Rennbahn in Zürich-Oerlikon wegen des Coronavirus abgesagt. Nun haben sich die Organisatoren zusammengerauft, ein Schutzkonzept erarbeitet und das erste Meeting durchgeführt – allerdings noch ohne Publikum.

Stimmung ist am letzten Dienstagabend auf der offenen Rennbahn keine aufgekommen. Der Abend war wettermässig zwar perfekt und auf dem altehrwürdigen Radmonument wurde hochkarätiger Bahnsport geboten. Doch die Zuschauerränge blieben leer. Die Rennbahn war hermetisch abgeriegelt. Nur Sportlern, Funktionären und Medienvertretern wurde Einlass gewährt. Ausserhalb der Wettkämpfe galt eine allgemeine Maskenpflicht. Allerdings grenzt es an ein Wunder, dass überhaupt Wettkämpfe durchgeführt wurden. Denn die organisierende Trägerschaft, die sich «Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon» oder kurz «Igor» nennt, konstituiert sich vorwiegend aus Mitgliedern im Pensionsalter; im unsäglichen Covid-19-Jargon Risikogruppe genannt. Entsprechend kontrovers wurde im Gremium die Durchführung von Anlässen diskutiert. Vorsorglich waren bereits während des Lockdowns sämtliche Anlässe der Saison 2020 abgesagt worden.
Paradoxe Szenen
Für den Wettswiler Radsport-Fan und langjährigen Präsidenten des Radrennclubs Amt, Hugo Trachsler, der seit 2018 ebenfalls im Igor-Vorstand mitwirkt, war aber bald einmal klar, dass man nicht auf alle Sportanlässe auf der offenen Rennbahn verzichten durfte und raschmöglichst ein Schutzkonzept zu erstellen sei. Zu wenig eindeutig war ihm die allgemeine gesundheitliche Gefahrensituation, zu diffus der Zahlensalat, der in den Medien kolportiert wurde. Dazu war ihm nicht entgangen, dass die Politik bei ihren Corona-Restriktionen mit höchst unterschiedlichen, zuweilen kaum nachvollziehbaren Ellen misst. Das zeigte sich auch wieder bei der Hin- und Rückfahrt zur offenen Rennbahn auf dem Weg durch Zürich. Während die Sportstadien weitgehend leer zu sein hatten, tummelten sich an diesem lauen Sommerabend Tausende ohne Maske und Sicherheitsabstand entlang von Limmat, Zürichsee und in unzähligen Gartenbeizen.
Die Argumentation verfing auch im Igor-Vorstand. So wurden wohl erstmals in der 108-jährigen Geschichte der offenen Rennbahn «Geisterrennen» durchgeführt. Die Radsportler wurden zu «Geisterfahrern» – obschon sie in der richtigen Richtung ihre Runden auf dem 333 Meter langen Zementoval fuhren. Ein paradoxes Bild, das einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Während der gesamten letzten Saison war ein Grossteil der Gegentribüne aus baulichen Gründen fürs Publikum gesperrt. Nun ist sie saniert, blieb aber dennoch menschenleer. Der Affoltemer Schrittmacher Dino Rey brachte es auf den Punkt: «Ohne Zuschauer macht das Fahren auf der offenen Rennbahn nicht halb so viel Spass.» Auch er kann den Corona-Restriktionen nicht viel abgewinnen und findet es gut, dass sich die Igor durchgerungen hat, Wettkämpfe durchzuführen. «Der Franzose Emilien Clère ist extra aus Paris angereist, um endlich wieder mal zwei Steherrennen fahren zu können», berichtete Rey.
Am kommenden Dienstag wird zwar nochmals ein Meeting ohne Publikum durchgeführt. Doch dann sollen die Pforten endlich wieder für alle geöffnet werden. Für Trachsler nichts mehr als ein logischer Schritt, denn ein Rennabend kostet die Igor rund 6000 Franken – ungeachtet, ob das Publikum mit Eintritten und Konsumation in der Festwirtschaft mitfinanziert.
Blumenstrauss, ohne Kuss
Sportlich gabs am Dienstagabend auch aus Säuliämtler Sicht gute Neuigkeiten: Mit Cedric Graf hat ein Ottenbacher Nachwuchsfahrer das Auftaktrennen gewonnen; sein erster Triumph auf der offenen Rennbahn. Den Blumenstrauss hat ihm aber keine Ehrendame, sondern Rennkommissär Hugo Trachsler überreicht. Auf den obligaten Kuss wurde verzichtet.


