Gemeinsam geht vieles leichter

Das Angebot «mitenand» vermittelt freiwillige Bezugspersonen an Familien in ­anspruchsvollen Situationen. Im Frühling 2020 ist die Pilotphase ausgelaufen. Die Nachfrage ist gross: Nun wird das Projekt als dauerhaftes Angebot und unter neuer Leitung weitergeführt.

Eine junge Frau ist Sozialdiakonin ­Gabriela Bregenzer besonders in Erinnerung geblieben. Erst vor Kurzem war sie Mutter geworden, ihre neue Rolle setzte ihr zu, verunsicherte sie. Und die Ratschläge, die sie von den Beratungsstellen erhielt, verunsicherten sie noch mehr. Die Mutter-Kind-Abteilung des Spitals Affoltern vermittelte die Frau an das Projekt «mitenand». Die junge Mutter jedoch zeigte sich im ersten Gespräch skeptisch: Sie brauche keine weitere Person in ihrem Umfeld, die ihr ständig Tipps gebe, ihr sage, wie sie was zu tun habe.

Gabriela Bregenzer vermittelte ihr eine Freiwillige, selbst Mutter, die die junge Familie nun regelmässig besuchte und im Alltag unterstützte. Später schwärmte die Frau von ihrer Begleiterin. Sie wisse Rat zu jeglichen Themen. Zu kaum jemandem habe sie derart starkes Vertrauen.

Ein Beziehungsprojekt sei «mitenand», sagt Gabriela Bregenzer. Eines, das im Säuliamt bereits mehr als zwei dutzend Partnerschaften hervorgebracht hat. Meistens sind es junge Mütter oder Familien, die Unterstützung suchen. Weil sie überfordert sind – mit der eigenen psychischen Verfassung, mit der Kinderbetreuung, dem Spagat zwischen Haushalt und Familie. Hilfe finden sie bei Freiwilligen, die sich für «mitenand» als Bezugspersonen zur Verfügung stellen. Die meisten von ihnen sind Frauen zwischen 50 und 75 Jahre alt, einige haben selbst Kinder grossgezogen, andere nicht. «Die Freiwilligen nehmen in den Familien häufig die Rolle von Ersatz-Grosseltern ein», sagt ­Gabriela Bregenzer. Sie würde sich wünschen, dass sich künftig noch mehr Männer für ein Engagement interessieren. «In vielen Familien fehlt eine männliche Bezugsperson.»

Der Einsatz, sagt sie, gebe viel zurück: Sinn, aber auch Zuneigung und Dankbarkeit von den Unterstützten und die Chance, Beziehungen zu knüpfen. Damit diese sich entwickeln können, sei es wichtig, dass die Freiwilligen bereit sind, sich längerfristig zu engagieren.

Freiwillige sind dringend gesucht – aber schwer zu finden

Vermittelt werden die Familien häufig von Mütterberaterinnen, vom Kinder- und Jugendhilfezentrum oder von der Mutter-Kind-Abteilung des Spitals. Ihre Bedürfnisse unterscheiden sich stark. Einige brauchen Hilfe bei der Kinderbetreuung oder im Haushalt. Andere Familien haben einen Migrationshintergrund und sind froh, wenn man sie bei Administrativem oder beim Umgang mit den Behörden unterstützt.

Die Suche nach Freiwilligen sei aufwendig, sagt Gabriela Bregenzer. Im Glücksfall klappt es innert Tagen, für manche Familien jedoch sucht sie über Wochen oder Monate nach einer Begleitperson. Dazu stellt sie das Angebot in der Öffentlichkeit vor und führt mit Interessierten ein Abklärungsgespräch, bevor sich beide Seiten an einem ersten, unverbindlichen Treffen näher kennenlernen. Stimmt die Chemie, unterschreiben beide Seiten eine Einsatzvereinbarung mit einer Probezeit. Am Standortgespräch nach drei Monaten entscheidet sich definitiv, ob die Begleitung beendet oder ob sie weitergeführt wird.

«Leider wurden viele Familienbegleitungen durch Corona abrupt unterbrochen», bedauert Gabriela Bregenzer. Weil viele Freiwillige zur Risikogruppe gehören, waren Treffen mit den Familien selten geworden. Über Telefon oder soziale Medien seien sie zwar in Kontakt geblieben, eine grosse Hilfe sei auf diesem Weg jedoch kaum möglich.

Gabriela Bregenzer geht Ende Februar in Pension

Hauptträgerin des Projekts ist die ­reformierte Kirche Affoltern. Finanziell unterstützt wird es von fast allen übrigen Kirchgemeinden im Bezirk. «Mitenand» habe sich in den vergangenen vier Jahren zu einem beliebten ­Angebot entwickelt, berichtet Gabriela Bregenzer, die das Projekt aufgebaut und geleitet hat. Die Pilotphase von «mitenand» ist im Mai 2020 ausgelaufen. Aufgrund der erfreulichen Entwicklung und des ausgewiesenen Bedarfs hat die Kirchenpflege Affoltern entschieden, das Angebot beizubehalten.

Für Gabriela Bregenzer indes bricht bald ein neues Kapitel an. Mit 66 Jahren geht sie Ende Februar in Pension – ein Jahr später als ursprünglich geplant. Ein Abschied, der ihr nicht leichtfällt, wie sie sagt: «Die Beziehungen zu den Freiwilligen und den Familien werden mir fehlen.» Glücklicherweise wohne sie im Säuliamt, sodass sich die Wege vielleicht wieder einmal kreuzten.

Die Stelle als Sozialdiakonin übernimmt Lucia Sidler. Seit Anfang Jahr arbeitet sich die 48-jährige Luzernerin in ihr neues Amt ein, ihr Pensum beträgt 70 Stellenprozente. Sie hat die letzten Jahre im Bildungs- und Hochschulwesen gearbeitet und parallel dazu Soziokulturelle Animation studiert. Im Sommer schliesst sie die Ausbildung ab. Ob Erzähl-Café, Deutsch-Café oder Besuchsdienst – Lucia Sidler ist voller Elan: «Ich freue mich, die bereits sehr gut etablierten Angebote ­weiterzuführen.»

Weitere Artikel zu «Bezirk Affoltern», die sie interessieren könnten

Bezirk Affoltern27.08.2026

Müller‑Mehrheit – und die Säuliamt‑Spezialitäten

Offizielle Namensdaten: Im Bezirk Affoltern dominieren die grossen Schweizer Klassiker
Maschwanden fällt aus der Reihe
Bezirk Affoltern27.08.2026

Maschwanden fällt aus der Reihe

Fortsetzung: «Müller-Mehrheit – und die Säuliamt-Spezialitäten»
Ungleiches Abstimmungsbudget? Schweizweit, so auch im Knonauer Amt, finden sich viele Plakate, die für eine Annahme der Neutralitätsinitiative werben, wie dieses hier in Affoltern. Solche für die Ernährungsinitiative sind eher selten zu sehen, we
Bezirk Affoltern27.08.2026

Neutralität und Ernährung im Fokus

Über diese zwei nationalen Abstimmungsvorlagen gilt es, am 27. September an der Urne zu befinden