Gemeinsamer Kampf gegen den Teufel

500 Jahre nach der Reformation (4): Bullinger als Architekt der reformierten Einheit

Die Ausstellung Bullinger! mit geschnitzten Holzfiguren des Künstlers Peter Leisinger schmückt bis Juli 2026 das Areal des Klosters Kappel. Auf dem Bild werden zwei Landleute aus dem katholischen Cham gebüsst, weil sie eine Bibelauslegung von Hein
Die Ausstellung Bullinger! mit geschnitzten Holzfiguren des Künstlers Peter Leisinger schmückt bis Juli 2026 das Areal des Klosters Kappel. Auf dem Bild werden zwei Landleute aus dem katholischen Cham gebüsst, weil sie eine Bibelauslegung von Heinrich Bullinger besucht hatten. (Bild Bernhard Schneider)

Zwingli hatte die Reformation in Zürich massgebend theologisch gestaltet und politisch durchgesetzt. Sein Nachfolger, Heinrich Bullinger, wurde 1531 zum Antistes, dem Vorsteher der reformierten Zürcher Kirche, gewählt. Er behielt das Amt bis zu seinem Tod 1575, festigte in diesen 44 Jahren die neue Kirche nicht nur in der Stadt und ihrer Herrschaft: Unter seiner Führung einigten sich die protestantischen Städte des eidgenössischen Bündnisgeflechtes 1536 auf das Helvetische Bekenntnis. Es waren dies Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Mühlhausen, Konstanz, Biel und Strassburg.

Sohn eines katholischen Pfarrers

Die Reformation wurde Heinrich Bullinger gleichsam bei seiner Geburt 1504 in die Wiege gelegt. Er war eines von fünf Kindern des Bremgartner Pfarrers gleichen Namens. Vater Bullinger bekannte sich 1529 zur Reformation, was ihm ermöglichte, die Mutter seiner Kinder, Anna Wiederkehr, zu heiraten.

Wie für junge Männer jener Zeit aus gehobenen Schichten üblich, besuchte er bereits ab dem Alter von fünf Jahren die Lateinschule; als Zwölfjähriger sandten ihn seine Eltern an die humanistische Stiftsschule in Emmerich am Niederrhein, wo bereits sein acht Jahre älterer Bruder studierte. Die Schule galt als sehr anspruchsvoll. Gelesen und besprochen wurden nicht nur Texte der Bibel und der Kirchenväter, sondern auch solche aus dem antiken Rom, namentlich von Cicero, Horaz und Vergil.

Für die Fortsetzung des Studiums sandten die Eltern den mittlerweile 15-jährigen Heinrich nach Köln, wo er sich unter anderem mit Schriften von Martin Luther auseinandersetzte. Die Universität Köln galt damals als die führende im deutschen Sprachraum. Noch nicht ganz 18-jährig bestand Bullinger im Frühjahr 1522 das Magisterexamen.

Klosterlehrer in Kappel

Luthers Schriften hatten den jungen Heinrich Bullinger überzeugt, dass er kein Mönch werden wolle. Sein Vater akzeptierte diesen Entscheid. Anfang Januar 1523 packte er die Chance, als ihm der ebenfalls humanistisch gebildete Abt Wolfgang Joner die Leitung der Klosterschule Kappel anbot. Joner befreite Bullinger von allen Mönchspflichten, er konnte seinen Unterricht nach eigenem Gutdünken gestalten – beides waren ausserordentliche Privilegien. Doch damit nicht genug, er durfte jeden Morgen eine Stunde lang das Neue Testament in deutscher Sprache auslegen und begründete damit die erste reformierte theologische Ausbildung in der Schweiz.

Anlässlich der ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 gelangte er zur Überzeugung, er müsse die Pfarrer in der Umgebung des Klosters, namentlich in Zug, für die Reformation gewinnen. Von nun an arbeitete er eng mit dem Reformator Huldrych Zwingli zusammen und begleitete diesen auch an die Berner Disputation 1528, in deren Folge sich die Berner Obrigkeit für die Reformation entschied.

Der Bullinger-Spezialist Hans Ulrich Bächtold schrieb über dessen Zeit in Kappel: «Im Kloster Kappel am Albis fand der Neunzehnjährige eine Anstellung als Lehrer, in einer Zeit also, in der in der nahen Stadt Zürich die Reformation in vollem Gange war und die ersten radikalen Entscheidungen des städtischen Rates die Gemüter erhitzten. In der Ruhe des landschaftlichen Klosters studierte er in humanistischer Manier das alte Schrifttum der Antike und der frühen Kirchenväter, nahm aber auch zunehmend Anteil an den aufwühlenden Vorgängen in der Stadt, knüpfte Beziehungen zu den kirchlichen Protagonisten wie Zwingli und Leo Jud und wurde so zum eifrigen Parteigänger der Reformation.»

Pfarrer in Bremgarten

Im Jahr 1529 traf er zwei Entscheide, die für sein künftiges Leben von entscheidender Bedeutung waren. Er heiratete die frühere Nonne Anna Adlischwyler. Aus ihrer Ehe gingen elf Kinder hervor. Sodann wurde er Pfarrer in Bremgarten. Dank dieser Stelle weilte er während der Kappeler Kriege im Städtchen an der Reuss und entging dadurch der Schlacht bei Kappel 1531, in welcher unter vielen anderen der Reformator Zwingli und der Abt Joner getötet wurden.

Nach der Schlacht zogen die siegreichen Innerschweizer Söldner plündernd durch die Landvogtei Knonau bis nach Bremgarten, wo sie die Rückkehr der zu den gemeinen Herrschaften zählenden Ortschaften nördlich von Ottenbach zum katholischen Glauben durchsetzten. Heinrich Bullinger gelang es, zusammen mit seiner Familie rechtzeitig nach Zürich zu fliehen. Acht Wochen später, am 9. Dezember, wählte ihn der Zürcher Rat zum Nachfolger Zwinglis.

Gespür für das Machbare

Bullingers Start als Antistes war nicht einfach, wie Hans Ulrich Bächtold beschrieb: «In Zürich traf er auf eine Gesellschaft in Auflösung. Die Verbitterung über den verlorenen Krieg und über die schweren Verluste entlud sich vor allem über der Pfarrerschaft und der Kirche. Bullinger übernahm die schwierige Aufgabe, die Kirche und den Pfarrerstand zu rehabilitieren. Er tat dies mit Geduld und Diplomatie, besonders gegenüber der hart und herrisch auftretenden Obrigkeit.»

So innovativ Heinrich Bullinger als Theologe auch war, vertrat er teilweise auch spätmittelalterliche Vorstellungen, die – wie sein Beispiel belegt – selbst bei hochgebildeten Männern bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert erkennbar waren. Dies war für den Aufbau seiner herausragenden Position in Zürich von Bedeutung, denn Revolutionäre wie die Täufer, die Kriegsdienst und generell Gewaltanwendung verurteilten, wurden hingerichtet oder vertrieben. Bullinger ging, genauso wie Zwingli, auf Distanz zu revolutionären Bewegungen in der Landschaft und führte die Kirche im Sinn der Obrigkeit.

Als sich ab 1565 die Klimaabkühlung verschärfte, griff der Zürcher Rat mit staatlichen Getreideverkäufen regulierend in den Nahrungsmittelmarkt ein, um Teuerung und Spekulation mit Nahrungsmitteln zu dämmen. Demgegenüber betrachtete Bullinger die Missernten als Zeichen des Zorn Gottes wegen mangelnder Frömmigkeit. Um Gott gnädiger zu stimmen, führte er zusätzlich zum obligatorischen Sonntagsgottesdienst in der Zürcher Herrschaft einen zweiten Gottesdienst am Dienstagmorgen zwischen 6 und 7 Uhr ein, wobei der jeweilige Pfarrer kontrollieren musste, dass aus jedem Haushalt mindestens eine Person vertreten war. Fehlbare Familien wurden gebüsst.

Schutz vor Hexen und Zauberei

In seiner kurzen Abhandlung gegen die schwarzen Künste von 1571 schrieb Bullinger unter anderem: «Wenn der Teufel könnte, wie er wollte, würde er die ganze Welt verderben; er kann es aber nicht. Deshalb soll sich jeder Mensch mit Leib und Seele, Ehre und Gut und allem, was ihm angehört, unserem wahren, lebendigen Gott hingeben, der uns vor allem Bösen, auch vor den Hexen und der Zauberei, beschützen kann.»

Der Historiker Thomas Huonker stellte fest, dass in der Folge die Zahl der Hexenverbrennungen in Zürich stark anstieg: «Vermutlich rief die schlechte wirtschaftliche und klimatische Lage, die sich durch zusätzliches Beten nicht besserte, nach Sündenböcken. Von 1571 bis 1598 wurden in Zürich 79 Frauen der Hexerei angeklagt und auf der Folter der Inquisition unterzogen; 37 von ihnen wurden verbrannt. Zwischen 1600 und 1630 wurden von 43 der Hexerei Bezichtigten 19 verbrannt, zwischen 1632 und 1700 waren es noch 6 von 43 Beschuldigten.»

Theologe europäischer Bedeutung

Seit seiner Zeit als Lehrer in Kappel hatte sich Bullinger anfangs an der Seite von Zwingli, später auch zusammen mit dem Genfer Reformator Johannes Calvin massgebend an theologischen Auseinandersetzungen insbesondere mit Luther und seinen Anhängern beteiligt. Ging es um die Akzeptanz der Zürcher Reformation im Deutschen Reich und die Zusammenarbeit mit anderen reformierten Strömungen, war er konsensorientiert. So erarbeitete er 1549 zusammen mit Calvin den «Consensus Tigurinus», mit dem es ihm gelang, Genf in den Kreis der Städte einzubinden, die sich dem ersten Helvetischen Bekenntnis angeschlossen hatten. Damit legte er die Basis für eine engere Zusammenarbeit zwischen allen reformierten Städten südlich des Rheins.

Im Jahr 1561 verfasste Heinrich Bullinger ein persönliches Glaubensbekenntnis, das er dem Zürcher Rat 1564 als sein geistliches Testament übergab. Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz neigte zum von Zürich geprägten reformierten Glauben, der in einem Gegensatz zum Luthertum stand. Gemäss dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galten die Angehörigen des reformierten Glaubens als Sektierer und wurden teilweise bekämpft. Kurfürst Friedrich veranlasste im Hinblick auf den Augsburger Reichstag von 1566 den Druck des Bekenntnisses Bullingers und trug massgebend zu dessen Verbreitung in den deutschsprachigen Gebieten bei.

Von den Städten, die sich 1536 dem ersten Helvetischen Bekenntnis angeschlossen hatten, anerkannte einzig Basel diese Bullinger-Schrift, die als Zweites Helvetisches Bekenntnis in die Geschichte einging, nicht. Dafür schlossen sich nebst der Stadt Genf die Reformierten in Schottland, Polen, Österreich und Ungarn an.

Hervorragende Vernetzung

Bullinger hinterliess unzählige Briefe und Schriften. In der langen Zeit als Antistes verliess er Zürich zwar kaum noch, war aber dank seiner umfangreichen Korrespondenzen stets bestens informiert, was sich in anderen Teilen des Deutschen Reiches ereignete. Sein umfangreich dokumentiertes Denken bewirkte, dass er bis zur Gegenwart zu den stärksten und bestvernetzten reformierten Stimmen des 16. Jahrhunderts zählt. Sein Bestreben, die Seite der Reformierten nach der Niederlage im Zweiten Kappelerkrieg durch einen Ausbau der Zusammenarbeit zwischen den Städten zu stärken, barg Konfliktpotenzial, denn er wollte gemeinsam mit anderen Städten die zerfallende Eidgenossenschaft mit der Reformation wieder «näher zu Gott» bringen. Dieses Ziel rechtfertigte seiner Meinung nach auch Kriege, denn jene, die das Recht der Obrigkeit, Krieg zu führen, anzweifelten, bezeichnete er als «blind».

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