Ein loyaler Ökonom im Dienst der Reformation

500 Jahre nach der Reformation (5): Peter Simler baut Kloster und Wirtschaft wieder auf

Der Weiher versorgte die Mühlen und die Sägerei mit Wasser. Das Haus zwischen dem Weiher und dem Kloster diente als Bäckerei. Peter Simler wollte mit Regiebetrieben neue Einnahmen generieren, seine Nachfolger in der Leitung des Klosteramts führten diese Strategie aber nicht fort. Sie liessen Mühle, Sägerei, Bäckerei, Metzgerei, Ziegelei und Gasthaus wieder von eigenen Leuten bewirtschaften. (Bild Bernhard Schneider)

Der Weiher versorgte die Mühlen und die Sägerei mit Wasser. Das Haus zwischen dem Weiher und dem Kloster diente als Bäckerei. Peter Simler wollte mit Regiebetrieben neue Einnahmen generieren, seine Nachfolger in der Leitung des Klosteramts führten diese Strategie aber nicht fort. Sie liessen Mühle, Sägerei, Bäckerei, Metzgerei, Ziegelei und Gasthaus wieder von eigenen Leuten bewirtschaften. (Bild Bernhard Schneider)

Von rechts nach links befanden sich hier die Sägerei und die obere Mühle sowie die 1541 erstmals erwähnte Ziegelei. Peter Simler gab der Wiederherstellung und dem Ausbau der gewerblichen Anlagen nach der Zerstörung im Anschluss an die Schlacht bei Kappel erste Priorität. (Bild Bernhard Schneider)

Von rechts nach links befanden sich hier die Sägerei und die obere Mühle sowie die 1541 erstmals erwähnte Ziegelei. Peter Simler gab der Wiederherstellung und dem Ausbau der gewerblichen Anlagen nach der Zerstörung im Anschluss an die Schlacht bei Kappel erste Priorität. (Bild Bernhard Schneider)

Er war kein brillanter Theologe wie die Reformatoren Bullinger und Zwingli, und er starb, anders als Abt Joner und Zwingli, eines natürlichen Todes: Peter Simler befand sich mitten im Netzwerk der Zürcher Reformatoren und wird dennoch oft übersehen. Er ist vor allem dank seiner Korrespondenz mit Heinrich Bullinger bekannt; eine der wenigen ausführlicheren Abhandlungen über ihn ist ein Manuskript, das sein Nachfahre Peter Simmler 1996 unter dem Titel «Vom Mönch, der eine Nonne heiratete» veröffentlichte. Der Reformator Peter Simler schrieb sich mit einem «m», sein Nachkomme mit deren zwei. Dank diesem Detail lassen sich die beiden im folgenden Text unterscheiden.
Einflussreich war der 1486 in Rheinau geborene Peter Simler dennoch. Dies zeigte sich etwa darin, dass ihn der Kleine Rat der Stadt Zürich mit dem ­Umbau des Klosters Kappel in ein Klosteramt betraute. Dieses spielte eine wichtige Rolle als wirtschaftliches und militärisches Zentrum der Zürcher ­Herrschaft an exponierter Stelle gegen die katholische Innerschweiz. Simler verstand es, die Macht des Klosteramts dank einer soliden Finanzpolitik auszubauen.

Enger Verbündeter Abt Joners

Von Peter Simlers Herkunft sind einige wenige Eckwerte bekannt. Er stammte aus einer Familie, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mehrmals den Schultheissen des Klosterstädtchens Rheinau stellte. Während das Kloster Rheinau nur Männer mit verbrieftem Adelstitel als Mönche aufnahm, erkannte das Kloster Kappel auch die Zugehörigkeit zu einer städtischen Elite an, bei Peter Simler ebenso wie einige Jahre früher bei Wolfgang Joner. Deshalb trat Peter Simler nicht ins Kloster Rheinau ein, sondern ins nahezu zwei Tagereisen entfernte Kloster Kappel.
Gemäss seinem Biografen und Nachkommen Peter Simmler soll Simler bereits als 13-Jähriger, im Jahr 1499, in den Kappeler Konvent eingetreten sein. 1507 jedenfalls zählte er zum inneren Kern des Konvents, dem es gelang, Abt Ulrich Trinkler abzusetzen, dem die Mönche um Joner und Simler vorwarfen, mit seinem überbordenden Lebenswandel das Kloster in eine wirtschaftliche Misere geführt zu haben.
Die Absetzung von Abt Trinkler wirkte sich auch karrieremässig aus für seine Gegner. Wolfgang Joner stieg 1509 zum Prior auf und zog Peter Simler als Subprior nach. Folgerichtig wurde Simler nach Joners Wahl zum Abt 1520 als Prior dessen Stellvertreter und, vor allem, der Verwalter der Klostergüter. Diese Funktion behielt er auch nach der Umwandlung Kappels in ein – weltliches – Klosteramt. Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern, die als Verwalter oder Schaffner bezeichnet wurden, erhielt er auch in nachreformatorischer Zeit Briefe, die an ihn als Prior adressiert waren.

Mit dem Antistes befreundet

Nicht nur mit Abt Joner arbeitete Simler eng zusammen. Auch mit Heinrich Bullinger verband ihn eine freundschaftliche Beziehung. In seinem Tagebuch bezeichnete Bullinger Simler als einen seiner zwei «liebsten Freunde», denen er in Kappel begegnet sei. 1529 führte Simler die Trauung von Heinrich Bullinger und Anna Adlischwyler durch und war Gast am anschliessenden Hochzeitsfest. Die Brautmutter hatte sich gerichtlich gegen den Ehebund gewehrt und Simler unterstützte Bullinger bei der – für ihn erfolgreichen – Prozessführung vor dem Ehegericht. Auch Simler heiratete eine Nonne, Verena Huser, die einer wohlhabenden Winterthurer Familie entstammte. Beim Zustandekommen dieser Beziehung hatte wiederum Bullinger mitgewirkt, der seine erste Vorlesung an der Schule in Kappel 1525 zwei Frauenthaler Nonnen gewidmet hatte. Da Männer Frauenklöster nur aus beruflichen Angelegenheiten betreten durften, sandte Bullinger seinen Freund Simler mit der Abschrift der Vorlesung nach Frauenthal. So begann die Beziehung Simlers mit seiner künftigen Frau.
Bullinger wurde 1530 Pate des ersten Sohnes des Ehepaars Simler-Huser, Josias, der 1551 Bullingers Tochter Elisabeth heiratete und 1555 dessen Schrift «Summa christenlicher religion» ins Lateinische übersetzte. 1575 verfasste Josias Simler den Nekrolog auf Bullinger, den offiziellen Nachruf.
Die Zusammenarbeit zwischen Simler und Bullinger ging auch nach dessen Wahl zum Antistes, dem Vorsitzenden der reformierten Zürcher Kirche, über das Persönliche hinaus, wie aus der umfangreichen Korrespondenz zwischen den beiden Männern hervorgeht. Simler beriet den Antistes beispielsweise bei Vermögensanlagen in der Landvogtei Knonau. Einem Brief vom 23. November 1535 ist zu entnehmen, dass Simler seinem Freund auf dessen Wunsch hin ein Kalb nach Zürich sandte. Zurzeit seien Kälber schwierig zu erhalten, schrieb er. Deshalb habe es eine kleine Verzögerung gegeben, die Kosten dafür teile er ihm mit, wenn er das nächste Mal nach Zürich komme.

Wirtschaft vor Glauben

Simler unterstützte zwar seine reformierten Freunde, war aber der Reformation gegenüber nicht aus theologischen, sondern aus wirtschaftlichen Überlegungen skeptisch. Jedenfalls schrieb er im Jahr 1526 den gnädigen Herren von Zürich, die altgläubigen Untertanen bedrohten das Kloster, falls nicht wieder die katholische Messe gefeiert werde. Er befürchtete die Verweigerung der Abgaben an Zürich, sollte die Reformation zu Ende geführt werden. Dies bedeutete keineswegs Distanz zum neuen Glauben. Vielmehr hielt er es für seine Pflicht, den Zürcher Rat und insbesondere den Antistes Bullinger über seine Beobachtungen zu orientieren. Desgleichen warnte er 1532, die Innerschweizer rüsteten erneut zum Krieg, was der Kleine Rat allerdings nicht allzu ernst nahm.
Simlers Angst vor der Abgabeverweigerung erwies sich als unbegründet. Es gelang ihm, alle Zinsen und Zehnten einzutreiben, die vor der Reformation für das Seelenheil geleistet worden ­waren, nun für die Stadt Zürich. Simler geriet auch nicht in Verdacht, die ­Reformation verraten zu wollen, im Gegenteil: Zwingli scheint seine Befürchtungen als Loyalitätsbekundungen interpretiert zu haben, jedenfalls nahm er ihn 1528 in Vertretung Wolfgang Joners mit an die Berner Disputation. Nach der Schlacht bei Kappel mit der anschliessenden Plünderung des Klosterbezirks leitete Peter Simler den Wiederaufbau der Klosteranlagen ein und reorganisierte die Klosterwirtschaft mit diplomatischem Fingerspitzengefühl, beispielsweise gegenüber den Nachfahren von Stiftern, denen die einst als Gegenleistung versprochenen Messen nun vorenthalten wurden.
Simler befasste sich intensiv mit Wein- und Ackerbau sowie mit der Forstwirtschaft. Dank dieser Kenntnisse trat er der Landbevölkerung nicht autoritär als der Vertreter der Obrigkeit gegenüber, der er tatsächlich war. Vielmehr konnte er den Abgabepflichtigen vermitteln, dass das geltende Agrarsystem auch zu ihrem Vorteil sei.
Wiederaufbau und Reorganisation der Klosterwirtschaft leistete Peter Simler neben seinen Ämtern als Pfarrer und Dekan, denn Heinrich Bullinger hatte ihm nach den Kappeler Kriegen diese Funktion übergeben, um alle Pfarrherren der Region auf die offizielle theologische Linie zu bringen. Nachdem Simler 1540 das Güterverzeichnis des Klosters Kappel fertiggestellt hatte, wollte er etwas kürzertreten und reichte beim Kleinen Rat der Stadt Zürich ein Gesuch ein, von der Verwaltung des Klosteramts freigestellt zu werden, um sich in seinen verbleibenden Lebensjahren ganz dem Pfarramt in Hausen und der Funktion als Dekan widmen zu können. Von nun an übernahmen Angehörige der Zürcher Obrigkeit dieses einträgliche Amt, investierten aber dem Anschein nach wesentlich weniger Arbeit und Engagement als der pflichtbewusste Peter Simler.

 

 

 

 

Vor gut 500 Jahren begann in Zürich die Reformation – ein Umbruch, der die Kirche und die ganze Gesellschaft verändern sollte. In dieser Serie zeigt der «Anzeiger» in loser Folge, wie die Reformation ins Rollen kam und welche Akteure sie entscheidend beeinflussten. (red)

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