Gesellige Überlebenskünstler

Streifzüge durch die Natur (42): In Bonstetten gibt es noch eine grosse Kolonie von Mehlschwalben

Mehrschwalbe beim Füttern.

Mehrschwalbe beim Füttern.

Auch im Säuliamt gibt es noch Mehlschwalben, ihr Bestand ist jedoch seit den 90er-Jahren stark zurückgegangen. (Bilder Michael Gerber)

Auch im Säuliamt gibt es noch Mehlschwalben, ihr Bestand ist jedoch seit den 90er-Jahren stark zurückgegangen. (Bilder Michael Gerber)

Klein, aber oho: Was die Mehlschwalben im Lauf des Jahres leisten, ist eindrücklich. Jetzt zur Brutzeit müssen sie ihre Jungen mit Hunderttausenden Insekten füttern.

Rufe der Mehlschwalbe

«Trrrt, trrrt» – die Luft beim Spar in Bonstetten ist von den Rufen der Mehlschwalbe erfüllt. Ich schaue nach oben und erfreue mich am Schauspiel: Gewandt flitzen die kleinen Vögel um die Häuser und verkünden mit ihrem Gezwitscher den Sommer. Immer wieder steuern sie gewisse Fassaden an. Jetzt sehe ich auch ihre Nester, in denen wohl bereits ihre Jungen hungrig warten. Hier befindet sich eine der wenigen grösseren Kolonien der Schwalben, die es im Säuliamt noch gibt: Knapp 20 Brutpaare brüten hier an mehreren Häusern. Insgesamt brüten im Säuliamt rund 300 Mehlschwalben, wobei die Zahlen an mehreren Standorten rückläufig sind. Die Vögel werden jedes Jahr vom Natur- und Vogelschutzverein Bezirk Affoltern (NVBA) und vom Verein Naturnetz Unteramt (VNU) gezählt. Beide Vereine sind Sektionen von BirdLife Schweiz.

Wer die Mehlschwalbe am Haus hat, kann sich freuen: Sie gilt als Glücksbringer und soll das Haus vor Blitzschlag schützen. Der kleine Vogel wiegt nur rund 16 bis 21 Gramm und ist kleiner als die Rauchschwalbe, die in Ställen brütet. Man erkennt die Mehlschwalbe am schneeweissen Bauch – daher auch ihr Name. Zudem ist ihr Schwanz kürzer und weniger stark gegabelt.

Die Mehrheit der Mehlschwalben kehrt ab Mitte April zu uns zurück – nach einer langen Reise von über 6000 Kilometern. Die Vögel haben südlich der Sahelzone bis nach Südafrika in Savannen und Feuchtgebieten überwintert. Auf den Zentimeter genau fanden sie sodann den Weg zurück in ihre Säuliämtler Kolonie – ohne Karte und ohne GPS, eine Meisterleistung.

Künstliche Nisthilfen helfen

Gleich nach der Verpaarung beginnen sie als geschickte Maurer mit dem Nestbau. Dazu tragen sie mehrere hundert Lehmklümpchen herbei und konstruieren unter einem Dachvorsprung eine Halbkugel mit Einflugloch. Leider ist das nicht mehr so einfach wie früher: Zum einen finden sie vielerorts keinen Lehm mehr, weil viele Wege asphaltiert sind. Zum anderen haben viele moderne Wände zu glatte Fassaden, sodass die Nester abfallen. Aus diesem Grund stellen ihnen Vogelfreunde künstliche Nisthilfen zur Verfügung.

Mehlschwalben sind auch nach dem Nestbau überaus fleissig: Viele von ihnen machen zwei Bruten pro Jahr. Die ersten Eier legen sie etwa Mitte Mai, die zweiten im Juli. Sind die Jungen geschlüpft, haben es die Eltern besonders streng: Jedes Paar muss nun rund 150000 (!) Insekten fangen, um die Jungen zu füttern. Diese bekommen die Nahrung in Form von ausgewürgten Futterballen, die bis zu 380 Insekten enthalten. Zum Glück helfen manchmal verwandte Vögel mit und bringen ebenfalls Nahrung herbei.

Mehlschwalben haben auch Liebhaber

Die verpaarten Schwalben sind sich übrigens nur meistens treu. Laut einer Untersuchung stammen 15 Prozent der Jungvögel von einem heimlichen Liebhaber, nicht vom fütternden Papa. Die Nestlinge fliegen nach 22 Tagen das erste Mal aus und erkunden die Welt. Danach entfernen sie sich tagsüber immer mehr vom Nest; abends kehren sie jedoch noch eine Zeit lang zum Nest zurück und schlafen in diesem.

Die Mehlschwalben jagen im Flug, gerne auch über Gewässern. Bei Wind und Regen finden sie keine Beute, daher sind sie empfindlich gegenüber langen Schlechtwetterperioden. «Fliegen die Schwalben tief, gibt es schlechtes Wetter», sagt man. Das stimmt tatsächlich. Denn vor einer Regenfront beginnt in der Höhe ein starker Wind zu wehen, den man am Boden nicht bemerkt. Die Vögel jagen dann so gut es geht in Bodennähe.

Bleibt es mal länger kühl und regnerisch, kennen die Jungvögel immerhin einen Trick, um bis zu fünf Tage ohne Futter auszukommen: Sie können dann in eine Kältestarre fallen. Dabei senken sie ihre Körpertemperatur massiv und kuscheln sich nah zusammen.

Auch nach der Brutzeit sind die Mehlschwalben gesellig. Sie ziehen gemeinsam nach Süden und nutzen geschickt gute Winde aus. Dabei müssen sie stets gut aufpassen, denn es warten viele Gefahren auf sie: Greifvögel machen Jagd auf sie, und in manchen Ländern drohen sie noch immer, in Netzen zu enden. Von 100 erwachsenen Mehlschwalben kommen im nächsten Jahr nur 40 bis 50 zurück. Dank vieler Jungen können sie diese Verluste jedoch wieder ausgleichen.

Probleme in den Brutgebieten

Zumindest in der Theorie – denn die grössten Probleme warten nicht in Afrika auf die kleinen Vögel, sondern in den europäischen Brutgebieten. Aufgrund der Zerstörung der Lebensräume und der Agrarpolitik hat die Menge an Fluginsekten überall stark abgenommen. Die Mehlschwalbe leidet besonders stark darunter: Um 40 Prozent sind die Bestände seit den Neunzigerjahren allein in der Schweiz zurückgegangen. Daher ist die Art nun hierzulande gemäss der Roten Liste «nahezu bedroht», so wie übrigens auch der Mauersegler und die Rauchschwalbe.

Umso schöner, dass im Säuliamt an einigen Orten noch Mehlschwalben um die Häuser schwirren. Und wenn sich ihre Rufe mit jenen von Mauersegler und Rauchschwalbe mischen, ist der Sommer definitiv eingeläutet.

So helfen Sie Mehlschwalben & Co.

Am wichtigsten ist der Einsatz für naturnahe, insektenreiche Lebensräume im Kulturland und Siedlungsraum. Anleitungen finden Sie unter birdlife.ch/rat. Wer in der Nachbarschaft Mehlschwalben hat, kann zudem am eigenen Haus Nisthilfen aufhängen. Auf keinen Fall sollten bestehende Nester heruntergeschlagen werden. Kotbretter unter den Nestern verhindern allfälligen Schmutz. Spezielle Brutkästen gibt es auch für Mauersegler. Informieren Sie sich zuerst bei BirdLife Schweiz über die Details: birdlife.ch/nisthilfen.

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