Gespendete Laptops werden zum Sprungbrett
Dank direkten Partnerschaften profitieren über 400 Gemeinden – darunter der gesamte Bezirk Affoltern – von Computern für Benachteiligte. Dass man sich mit einem Laptop eher aus der Abhängigkeitsfalle befreien kann, machte an der ersten Mitgliederversammlung am Wochenende die Projektpräsentation klar.

Das Motto «Taten statt Worte» kennen viele, doch Tobias Schär handelt wirklich. Als er im ersten Lockdown begann, im Elternhaus in Merenschwand gebrauchte Laptops aus der Garage zu verteilen, ahnte er nicht, welche Dimensionen das Projekt annehmen sollte. Seinem dazu gegründeten Verein wLw – «wir lernen weiter» – sind ein gutes Dutzend Mitglieder beigetreten, um Laptops zurück in den Benutzungskreislauf zu bringen und so neue Chancen schaffen. An der ersten Mitgliederversammlung und Projektvorstellung, 15 Monate nach der Gründung, konnte der Verein die ersten 240 Stellenprozente für Festangestellte sprechen. Denn die Nachfrage an das junge Hilfswerk ist gross, und für einen professionellen Service reicht Freiwilligenarbeit nicht länger aus.
Statt alte Geräte zu schreddern, können Private, Vereine und Firmen ihre Laptops mit gutem Gewissen dem Verein wLw zur restlosen Datenlöschung und professionellen Aufbereitung überlassen. «Das spricht sich herum», freut sich Tobias Schär. «Jeder Laptop, der noch funktioniert, zählt, und kann viel bewirken.»
Auf einen Schlag 500 Laptops
Die bislang umfangreichste Spende konnte wLw im Juli 2021 von der Suva Luzern entgegennehmen: Durch eine IT-Neubeschaffung beim grössten Schweizer Unfallversicherer suchten auf einen Schlag 500 Laptops neue Besitzerinnen und Besitzer. «Das ist ein Glücksfall und ein tolles Beispiel für gelebte Gesellschaftsverantwortung. Ich hoffe, dass es bei weiteren Firmen Schule macht», freut sich der umtriebige Wirtschaftsinformatiker. Ihr zweites Leben bekommen die Geräte bei benachteiligten Kindern im Home-Schooling, bei Schulabgängerinnen und Schulabgängern, Sozialhilfeempfängern, Geringverdienenden und Stellensuchenden, denen wLw in der ganzen Deutschschweiz und bald auch in der Romandie aus der Klemme hilft.
Leute am Rand der Gesellschaft integrieren
Viele Menschen laufen Gefahr, den Digitalisierungsschub in der Pandemie zu verpassen, oder sie wurden bereits abgehängt. Für jemanden in prekären Verhältnissen, auf Langzeitstellensuche oder in der Sozialhilfe, ist es ohne Computer kaum möglich, sich zu bewerben, die Administration zu bewältigen oder in digitalen Anwendungen fit zu bleiben. Der 26-jährige Merenschwander sah akuten Handlungsbedarf, denn er dachte auch an den sozialen Zündstoff: «Wenn wir die Leute am Rand der Gesellschaft nicht integrieren, haben wir über kurz oder lang ein Riesenproblem.» Gefragt, ob er ein Helfersyndrom habe, winkt Schär ab: «Ich bin zwar Idealist, aber auch Realist: Wir müssen der Gesellschaft, von der wir viel bekommen, etwas zurückgeben.»
Dass der Verein selbsttragend ist, macht die Vermittlungsgebühr von 150 Franken pro Laptop möglich. Gebraucht wird sie für Hard- und Software-Check, Logistik, Löhne, Administration, Infrastruktur und Versand. So kann das Team ein durchgehend hochstehendes Produkt zum fairen Preis bieten.«In 15 Monaten haben wir über 2500 Laptops an Personen vermittelt, die damit ihre Existenz aufbauen oder ihr Leben besser bestreiten können,» rechnete Tobias Schär den am Samstag im Merenschwander Postlonzihaus versammelten Interessierten und Vereinsmitgliedern vor, selber überrascht von der «krassen Entwicklung» seiner Initiative. Denn der Anfang war alles andere als leicht.
Für faire Chancen in schweren Zeiten
Als Tobias Schär mit den ersten Gratis-Laptops Menschen suchte, die sich so einen digitalen Helfer nicht leisten konnten, präsentierten sich auch gut situierte Schnäppchenjäger. «Manche entschuldigten sich, als sie merkten, dass sie einem Armutsbetroffenen das dringend benötigte Arbeitsinstrument vorenthalten würden», erzählt er.
Um für faire Chancen zu sorgen und keine falschen Anreize zu schaffen, steht wLw heute in direktem Kontakt mit Dutzenden von Sozialstellen, Bezirken, Städten, Kantonen. Diese sind froh um die neue Möglichkeit. Denn mit der Pandemie ist es noch schwieriger geworden, sich ohne IT-Kenntnisse und IT-Mittel in der Arbeitswelt zu behaupten. «Von der sozialen Betreuungsstelle plötzlich einen voll funktionierenden Laptop zu bekommen, eröffnet ganz neue Perspektiven», weiss Tobias Schär.
Positiver Sprungbrett-Effekt
Mit einem eigenen Laptop kann man sich leichter neue Fähigkeiten aneignen und sich gezielter weiterbilden. Das kommt auch bei potenziellen Arbeitgebern gut an. Tobias Schär: «Ein Laptop ist echte Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht nur ein Riesenmehrwert für die Betroffenen, sondern auch eine Wertschätzung ihrer Fähigkeiten und Bemühungen. Ein Zeichen, dass man an sie glaubt. Und das wirkt sich positiv auf ihr Bestreben aus, sich aus unangenehmen ökonomischen oder sozialen Situationen zu befreien.»
Das schönste Geschenk für Schär und sein Team sind Meldungen, wie es Betroffenen besser geht. Oder dass sie sogar eine neue Stelle gefunden haben, quasi per Laptop-Sprungbrett neu Fuss fassen konnten. Denn das entlastet den Sozialstaat um ein Mehrfaches und bringt Mitbürgerinnen und Mitbürger zurück in die Gesellschaft. «Einen Unterschied können alle machen, die wollen», weiss Schär: «Taten statt Worte.»
Infos unter www.wir-lernen-weiter.ch.


