Gottesferne

Gedanken zu Karfreitag und Ostern von Pfarrer Thomas Maurer. ref. Kirche Knonau

Was erwartet uns am Ende des Tunnels? Bahnhof Stadelhofen am 30.März 2020 am helllichten Tag. (Bild Philipp Rohner)
Was erwartet uns am Ende des Tunnels? Bahnhof Stadelhofen am 30.März 2020 am helllichten Tag. (Bild Philipp Rohner)

Es nahen die Osterfeiertage. Gründonnerstag, Karfreitag und dann Ostersonntag. Aber dieses Jahr ist alles sehr anders. Noch vor Kurzem freuten wir uns auf das Osterfest. Die einen planten Städtereisen oder organisierten ein Wiedersehen mit lieben Menschen im Schwarzwald, im Elsass oder im Tessin. Vieles wurde da geplant. Andere bereiteten ihre Häuser für eine gute Zeit mit den Familien vor. Der österliche Mittagstisch wurde in Gedanken liebevoll geschmückt, die Kinder mit Bastelmaterial eingedeckt, feine Leckereien eingekauft für ein frohes, frühlingshaftes Ostermahl mit den Gästen. Nun ist
alles anders. Für viele traurig, deprimierend und ohne Aussicht auf Besserung. Jeder Tag bringt Neues in der Coronakrise, oft schlimme Nachrichten, selten einen Hoffnungsschimmer. Jedes Wort von BAG–Sprecher Koch wird genauestens abgehört und auf die Goldwaage gelegt. Die Dinge überstürzen sich, bei der Abfassung dieser Zeilen wusste der Schreibende gar nicht, wie sich vor Ostern die Situation präsentieren wird.

Besondere Leidenszeit
In der kommenden Karwoche endet an Ostern die christliche Passionszeit. Passion hat mit Leiden zu tun. In dieser Zeit gedenkt die Christenheit des Leidens Jesu. Zu unserem Leben gehört auch Leiden. Nicht nur der Buddhismus, sondern auch das Christentum haben das immer betont. Leidvoll ist vieles im Leben. Pläne, die sich als unerfüllbar erweisen, Enttäuschungen, böse Worte missliebiger Menschen – so vieles gibt es da. In diesem Jahr kommen Existenzängste um das eigene Einkommen, um die Stelle, Angst vor Entlassungen, Konkursen, Angst vor dem Ungewissen hinzu. Wir fragen uns, ob es eine gute Zeit nach der Corona­virus-Welle geben wird und sorgen uns, ob die Volkswirtschaft nicht derart abgewürgt wird, dass sie erst  nach einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit wieder auf die Beine kommen wird.
Dazu plagt viele die Angst vor Krankheit und Tod. Bilder aus Spitälern kommen täglich durch Medien in unsere Stuben, aber vor allem eben auch in unsere Köpfe und Seelen. Ständig starren wir auf die Bildschirme und lesen die neusten Zahlen von Infizierten. Ob uns das guttut?

Zeichen der Hoffnung
Leben ist Leiden. Leben ist immer auch Karfreitag. So begehen wir diesen Feiertag dieses Jahr in tiefer Betroffenheit, in Stille und ohne Musik und Gottesdienst – zumindest nicht in Echtheit.
Diese Pandemiekrise ist ein riesiger Stress für alle, für unsere Hoffnung und unseren Glauben. Manch einer fragt sich von wegen Gott. Wo ist da ein Gott? Gott erscheint vielen fremd. Gott kann auch dem gläubigen Menschen fremd sein oder fremd werden. Gott erscheint uns dann ferne und abwesend. Der Reformator Martin Luther sprach vom verborgenen Gott, dem «Deus absconditus».
Es ist gut und auch notwendig, sich manchmal diese fremde, rätselhafte Abwesenheit Gottes vor Augen zu führen. Gerade am Karfreitag, an dem Tag, an dem wir den Tod Jesu bedenken. ­Jesus betete am Kreuz «Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» – Jesus kannte also auch die Fragen und Krisen des gläubigen Herzens. Der Prophet ­Jeremia sagte es so: «Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?» ­(Jeremia 23, 23)
Als Zeichen der Erinnerung läuten am Gründonnerstag abends um 20 Uhr im ganzen Land die Kirchenglocken. Am Karsamstag brennen an vielen
Orten Osterlichter und Osterfeuer, am Ostersonntag um 10 Uhr erklingen im ganzen Land die Osterglocken als Zeichen der christlichen Hoffnung.

Zuversicht und Hilfsbereitschaft
Die erste Hoffnung ist, dass dieses ­Virus besiegt wird und dass die Menschheit mit ihrem Einsatz, mit ihrer Forschung und ihrer Solidarität dieser Bedrohung beikommen wird. Auch dann aber wird in der Welt weiter gelitten und gestorben. Aber und das ist wichtig: Nach dem Karfreitag kommt ­Ostern. Und das bedeutet, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die Auferstehung von Jesus, dem Christus, von den Toten eröffnet uns einen Horizont der Ewigkeit. Darauf wollen wir vertrauen, auch wenn uns Gott manchmal fremd erscheint, wenn uns der Glaube als die Vernunft übersteigend  oder als eine Zumutung angesichts des menschlichen Leidens erscheint. Möge es so ­Ostern werden. Bleiben wir zuversichtlich, hoffnungs- und liebevoll.
Ein Zeichen können wir auch mit unseren Gaben setzen. Zurzeit entfallen viele Kollekten aufgrund abgesagter Anlässe. Manche Organisation wird dies spüren. Als Ausgleich empfiehlt die Evangelische Kirche Schweiz EKS eine spezielle Osterkollekte. Sie wird Menschen auf der Flucht in Syrien und den Verlorenen und Gestrandeten in den katastrophalen Flüchtlingslagern auf der griechischen Insel Lesbos ­zugutekommen.
Ihnen allen einen noch stilleren Karfreitag als sonst und dann ein von Zuversicht geprägtes Osterfest.

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