Herr Brechbühl sucht eine Katze

Am vergangenen Dienstag führte Autor Tim Krohn in der Buchhandlung in sein Projekt ein, das letztlich einen Umfang von 7500 Seiten erreichen soll. Rund tausend menschliche Regungen will der Autor in je eine Geschichte fassen, die jede individuell gesponsert wird.

Tim Krohn versteht es, seine Leser und seine Zuhörer mit seinen Geschichten, die «so genau und so schlicht wie möglich» sind, zu fesseln. (Bild Regula Zellweger)
Tim Krohn versteht es, seine Leser und seine Zuhörer mit seinen Geschichten, die «so genau und so schlicht wie möglich» sind, zu fesseln. (Bild Regula Zellweger)

Am Anfang stand – wie so oft im Leben – fehlendes Geld. Tim Krohn und seine Familie bewohnen ein historisches Bauernhaus im Val Müstair. Platz genug, aber für die betagte Mutter von Tim Krohn nur bewohnbar, wenn es ein Bad gibt, das man erreichen kann, ohne steile Treppen erklimmen zu müssen. 50000 Franken für ein Badezimmer für Mutter Krohn – das Geld war schlicht nicht da. Also liess sich Sohn Krohn etwas einfallen. Es begann also mit einem frechmutigen Crowdfunding – vielleicht wird diese Art der Geldbeschaffung auch einmal «Krohnfunding» heissen.

Zu verschiedenen Konditionen konnte und kann man bei Tim Krohn eine menschliche Regung auswählen, von aalglatt bis zynisch, bezahlen, ein paar Worte dazu spenden und bekommt je nach Wahl des Produktes und der bezahlten Summe eine Geschichte, eine Geschichte plus Übernachtung oder eine Geschichte plus ein Schreibseminar.

Ein fiktives Haus beleben

Menschliche Regungen darstellen? Da braucht es menschliche Protagonisten, um die sich die Geschichten ranken können. Genügend, damit die Altersdiversität sichergestellt ist, denn gewisse menschliche Regungen sind alterstypisch. Frauen und Männer sollen vorkommen, verschiedene Formen des menschlichen Zusammenlebens in verschiedenen Stadien und verschiedenen Lebenssituationen, also eine Anzahl Menschen, die sich in ein Ganzes einbinden lassen, in Beziehung zu einander sind und Stoff für einzelne Geschichten liefern.

Als Rahmen wählte Tim Krohn ein Zürcher Mehrfamilienhaus mit Genossenschaftswohnungen – für allenfalls im Haus nicht vorkommende Regungen hat dieses Haus zudem eine Gästewohnung. Als wäre es ein riesiges Puppenhaus, belebte Tim Krohn die Wohnungen mit Menschen, die er erfand – und die doch nicht gänzlich erfunden sind.

Mit Selbstdisziplin schreiben

Und dann, beginnend am 1. Januar 2001, liess Tim Krohn seine Protagonisten fühlen, denken und handeln: Beispielsweise Hubert Brechbühl, den frühpensionierten Tramführer, Moritz Schneuwly, ETH-Student und Tüftler, das betagte Ehepaar Wyss, die alleinerziehende Lektorin Julia Sommer mit ihrer vierjährigen Tochter Mona oder das studentische Liebespaar Petzi und Pit.

Inzwischen sind rund 200 Geschichten entstanden, gefasst in drei Romane, deren erster eben erschienen ist. Tim Kohn berichtete, wie Selbstdisziplin aufgebracht werden muss, um fast jeden Tag eine Geschichte zu schreiben. Denn im Bauernhaus in Santa Maria sorgen nicht nur zwei Kinder für Lebendigkeit, auch Besuche sind immer willkommen. Tim Krohn und seine Frau, ebenfalls Schriftstellerin, haben sich ins Bergtal integriert und engagieren sich für ihr Dorf und ihr Tal. Auch mit anderen Bündner Schriftstellern pflegen sie regen freundschaftlichen Kontakt.

Vier fesselnde Geschichten

Tim Krohn erzählte anlässlich der Lesung gern von seinem Alltagsleben mit seiner Familie, von der Renovation des uralten Hauses, von seiner ersten Erst-August-Rede und von den Kontakten rund um die Geschichten-Sponsoren. Zur Lesung kam eine Geschichte von Herrn Brechbühl, dem passionierten und pensionierten Trämler. Die menschliche Regung «Kränkung» wurde hier für den Sponsor Peter Zumthor in eine Geschichte gefasst. Zwei Paargeschichten folgten, vom betagten Ehepaar Wyss und vom Studentenpaar Petzi und Pit, was aufzeigte, dass Paarbeziehungen mit der Suche nach einer passenden Form des Miteinanders im Alter von 19 bis über 80 Jahre immer wieder Stoff zum Schreiben liefern. Dazwischen erlebte man hautnah das Sterben der Theaterratte Malkovic, die mit der Schauspielerin Selina auf der Bühne gestanden hatte und später von der kleinen Mona quasi adoptiert worden war. Abschiedsschmerz heisst diese Geschichte und sie ist wirklich todtraurig – sogar für Monas Mutter Julia, die sagte: «Es kommt mir kein Tier mehr ins Haus», ein Satz, den viele Mütter kennen und die meisten Kinder nicht ernst nehmen.

Viele Fragen kamen aus dem Publikum, Tim Krohn beantwortete sie geduldig und man hätte gern noch lange zugehört, aber irgendwann meinte der Bestsellerautor: «Jetzt ist es Zeit für ein Glas Wein.»

Infos zum Projekt: <link http: www.menschliche-regungen.ch external-link-new-window>www.menschliche-regungen.ch.

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