Herr der Hanfblüten

Nino Pianezzi handelt mit Cannabisprodukten. Er polarisiert – und sagt: «Auch negative Werbung ist Werbung»

Nino Pianezzi in seinem Laden in Hedingen. (Bild zvg)
Nino Pianezzi in seinem Laden in Hedingen. (Bild zvg)

An seinen ersten Schultag kann sich Nino Pianezzi nicht mehr erinnern. An den ersten Joint schon: Es war eine eingerollte Serviette, die in Jugendjahren eines Abends von Freunden dahergereicht kam. Der Rausch blieb aus, die Neugierde blieb. Also nahm er einige Tage später erneut ein paar Züge.

Heute fährt der 31-Jährige einen Lieferwagen mit eigenen Produkten durch die Gegend, auf dem sein Schwarz-Weiss-Porträt prangt. «Fantastische Ware!», deutet er mit Zeigefinger- und Daumen-O an. Zwischen seinen Lippen klemmt: natürlich ein Joint. Aus dem verbotenen Freizeitvergnügen ist ein legales ­Geschäftsmodell geworden. Der Kiffer von damals ist jetzt Unternehmer.

Der erste Lohn ging für einPaint-Ball-Gewehr drauf

An einem warmen Sommermorgen setzt sich Nino Pianezzi fürs Gespräch vor der Hausfassade auf eine Holzbank. Neben ihm steht ein Tongefäss, in dem zwei Dutzend Zigarettenstummel ihre letzte Ruhe finden. An dieser Strasse mitten im Dorfzentrum von Hedingen startete er seine berufliche Laufbahn. Allerdings nicht direkt in seinem heutigen Ladenlokal, sondern schräg vis-a-vis in der Backstube der Bäckerei Pfyl, wo nach drei Jahren Realschule ein Bäcker-Konditor aus ihm werden sollte.

«Ich war nie gut, bin aber immer hingegangen», sagt Nino Pianezzi über seine Schulzeit. Stillzusitzen entspricht nicht seinem Naturell. Gemäss seinen Aussagen war er damals ein eher nervöses Kind, Farbtherapie und so, und später ein nervöser Jugendlicher, der lieber unter Leuten ist und mit den Händen etwas macht, statt «in den PC zu starren». Um sein Sackgeld aufzubessern, mäht er den Nachbarn den Rasen, schneidet Sträucher. Als er im Sommer 2007, nach neun Jahren obligatorischer Schulzeit, endlich seinen ersten Lehrlingslohn auf dem Konto hat, investiert er ihn in ein Paintball-Gewehr, um sich im Waldstück seines Grossvaters damit auszutoben (was nicht erlaubt ist, wie er bald darauf vom ­Förster lernen muss).

«Eine typische Nino-Aktion», sagt Michael Weiss, der seit der Oberstufe mit ihm befreundet ist. Bei nahezu ­allem, was die Clique damals unter­nommen habe, sei Nino Pianezzi der Initiant gewesen, «er brachte Ideen ein und setzte sie um, indem er Whatsapp-Gruppen für die Planung ­erstellte. Rückblickend war er damals der Kern unseres ­Freundeskreises.»

Fast wäre aus ihm ein Bäckerei-Besitzer geworden

Während der Lehrzeit deutet noch ­wenig darauf hin, in welches Geschäftsfeld Nino Pianezzi ein paar Jahr später abzweigen würde. Die Arbeit in der Backstube gefällt ihm, er wechselt nach der Ausbildung den Betrieb und legt dort die Berufsprüfung ab, um später den Betrieb zu übernehmen. In derselben Backstube arbeitet damals ein Mann, der in seiner Freizeit CBD-Hanf verkauft. Also Hanf, das beim Konsum zwar beruhigt, aber nicht berauscht, weil es nur eine Kleinstmenge der ­psychoaktiven Substanz THC enthält. Cannabis mit einem THC-Gehalt von unter einem Prozent ist in der Schweiz seit 2011 legal.

2017 beginnt Nino Pianezzi, die ­abgepackten Plastic-Säcklein im Auftrag seines Arbeitskollegen an Bekannte zu verticken. Bald darauf kauft er die Blüten selbst ein, portioniert sie und eröffnet einen Online-Shop. Als einige Zeit später die Übernahme der Bäckerei wider ­Erwarten platzt, kündigt er und wechselt den Betrieb. Noch immer träumt er von der Selbstständigkeit. Bloss nicht mehr mit Brötchen, sondern neu mit Cannabis.

Frühmorgens am «Gipfeli büüge» – bis spät abends im Laden

«Ich habe bald gemerkt, dass für die Produkte ein Markt vorhanden ist», sagt Nino Pianezzi. Als 2019 im Haus, in dem er damals in einer WG lebt, die Verkaufsfläche im Erdgeschoss frei wird, schlägt er zu. Allerdings wirft der Online-Shop noch zu wenig ab, um ihm Miete und Lebensunterhalt zu finanzieren. Er ­benötigt eine sichere Einkommensquelle.

Das, sagt Michael Weiss, seien jene Zeiten gewesen, in denen sein Kumpel morgens von sechs bis zehn Uhr in ­Zürich in der Backstube gestanden habe, «am Gipfeli büüge», um danach von 11 bis 20.30 Uhr in Hedingen im Laden das Geschäft anzukurbeln. Über Monate habe Nino Pianezzi – «definitiv ein Chrampfer» – das so durchgezogen.

Überraschend kam dieser immense Einsatz für Michael Weiss nicht: Wenn sein Kumpel sich etwas in den Kopf ­gesetzt habe, ziehe er es durch. Das sei bewundernswert – und in einer Clique nicht immer ganz easy: Manchmal sei er «stur wie ein Esel», verrät Weiss.

Im Kleinen, wenn er auf seiner ­Restaurant-Auswahl beharrt oder das Tattoo auf dem Handrücken fünf mal nachsticht, weil seine Haut die Tinte nicht annimmt, und ebenso im Grossen, wenn er sein Geschäft um jeden Preis zum Blühen bringen will. Zur Not unter kompletter Selbstausbeutung.

Die Mühe lohnt sich: Nach einigen Monaten passt er die Öffnungszeiten an, gönnt sich über Mittag eine zweistündige Pause. Nach einem Jahr läuft es ­bereits so gut, dass er nur noch an zwei Morgen in der Backstube steht.

Vor der Backstube noch durch die Polizeikontrolle

Mittlerweile betreibt Nino Pianezzi in Hedingen, Affoltern und Muri AG drei Läden, in denen er legale Hanfprodukte samt Zubehör sowie weitere Produkte für den Raucherbedarf anbietet. Zudem ist er in Obfelden Mitbesitzer einer Bar.

Für seine Laden-Kundschaft findet er – abgesehen vom Interesse an den Produkten – keinen gemeinsamen ­Nenner. Sie fänden aus diversen gesellschaftlichen Gruppen den Weg zu ihm. Soll heissen: Nicht nur aus der Ecke der ­verpeilten Versager. «Willst du mal reinkommen?», fragte er in Affoltern kürzlich einen älteren Mann, der an seiner Ladentüre vorbeispazierte und murmelte: «Widär so än Drögeler.»

Für Pianezzi sind das bedauerliche Vorurteile, andererseits: «Wenn der nach Hause geht und sagt ‹in Affoltern hat wieder so ein Drogenladen aufgemacht›, dann ist das zwar negativ gemeinte Werbung. Aber es ist Werbung.»

Nach aussen hin kommentiert er die Ablehnung gegen seine Geschäftstätigkeit betont nüchtern. Tatsächlich scheint das Anecken ein Stück weit zum Konzept zu gehören. Den Licht-Schatten-Kampf, den seine Produkte zwischen Legalität und vermeintlicher Illegalität führen, weiss er jedenfalls zu nutzen: Weil er seinem Unternehmen einen ­Namen geben wollte, der möglichst lange in den Köpfen kleben bleibt, taufte er es «Hanf-Bob». Bob Marley, Bob der Baumeister; an irgendeinen Bob wird sich fast jeder erinnern, dachte er sich. Der Plan ging auf, doch Online-Werbung ist nun schwierig – wegen des Wortes «Hanf» im Namen. Als Pianezzi in den Anfängen noch frühmorgens mit dem Joint-bedruckten Lieferwagen in die Backstube fuhr, wurde er innert kürzester Zeit mehrmals von der Polizei ­angehalten. Wie hätten sie ihm ansehen sollen, dass er seit Langem nur noch CBD-Hanf raucht und aus dem Handschuhfach die Resultate seines neusten, freiwilligen Bluttests zücken würde?

Der eine ziehe die Aufmerksamkeit im Strassenverkehr mit einem lauten Motor auf sich, und der andere, weil auf dem Auto ein Joint zu sehen sei, sagt Nino Pianezzi. Schräge Blicke hin oder her; er lebt weiterhin seinem Paradigma nach, mit dem bisher für ihn beruflich alles tiptop aufgegangen ist:

«Einfach zu sich stehen!»

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