Hitzeperioden verändern den Wald

Förster Flurin Farrér reagiert mit Fachwissen, Geduld und grossem Respekt vor der Natur

Flurin Farrér, Revierförster des Forstreviers Knonauer Amt Süd.

Flurin Farrér, Revierförster des Forstreviers Knonauer Amt Süd.

Wer Laubbäume genauer betrachtet, entdeckt Veränderungen, die man im Spätsommer - und nicht im Juli - erwartet.

Wer Laubbäume genauer betrachtet, entdeckt Veränderungen, die man im Spätsommer - und nicht im Juli - erwartet.

Die Blätter verfärben sich braun. Wasser fehlt. Geht die Entwicklung so weiter, muss der Wald nachhaltig «umgebaut» werden.

Die Blätter verfärben sich braun. Wasser fehlt. Geht die Entwicklung so weiter, muss der Wald nachhaltig «umgebaut» werden.

Ein Blick in die Baumkronen – besonders an südlich exponierten Waldrändern – zeigt, dass sich die Blätter der Buchen bereits im Juli braun verfärben. (Bilder Regula Zellweger)

Ein Blick in die Baumkronen – besonders an südlich exponierten Waldrändern – zeigt, dass sich die Blätter der Buchen bereits im Juli braun verfärben. (Bilder Regula Zellweger)

Während viele Menschen während der anhaltenden Hitzeperioden im Wald Abkühlung suchen, zeigen sich dort deutliche Spuren des Klimawandels. Wer die Natur aufmerksam beobachtet, erkennt schnell, dass auch der Wald unter Hitze und Trockenheit leidet. Ein Blick in die Baumkronen – besonders an südlich exponierten Waldrändern – zeigt, dass sich die Blätter der Buchen bereits im Juli braun verfärben. Nicht nur die Trockenheit setzt den Bäumen zu: Sie werden dadurch auch anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

«Gegen all dies können wir im Moment wenig unternehmen», erklärt Flurin Farrér, Revierförster des Forstreviers Knonauer Amt Süd. Zu seinem Revier gehören die Gemeinden Obfelden, Knonau, Maschwanden, Mettmenstetten und Ottenbach.

Der Wald leidet schweizweit unter der Trockenheit

Je länger die Trockenperioden andauern, desto grösser wird der Stress für die Bäume. Selbst einzelne Gewitterschauer bringen kaum Entlastung. Auf den ausgetrockneten Böden fliesst das Wasser oft oberflächlich ab, statt in tiefere Bodenschichten einzudringen. Unter dichten Baumkronen erreicht der Regen den Waldboden teilweise gar nicht mehr, sondern verdunstet bereits auf den Blättern. Die Folgen sind gravierend: Geschwächte Bäume können langfristig absterben. Damit geraten auch die vielfältigen Leistungen des Waldes für den Menschen unter Druck. Er spendet Erholung und Kühlung, liefert Holz und Biomasse und übernimmt in vielen Regionen Schutzfunktion.

Von der Trockenheit betroffen sind jedoch nicht nur die Bäume. Auch zahlreiche Tiere leiden unter den veränderten Bedingungen. Regenwürmer ziehen sich in tiefere Bodenschichten zurück, Igel finden weniger Nahrung. Störche und andere Vogelarten nutzen die Gelegenheit und folgen den Pflügen auf frisch bearbeiteten Feldern, um freigelegte Würmer und Insekten aufzuspüren.

«Die Natur ist nicht berechenbar», sagt Flurin Farrér. «Während Landwirte ihre Anbaumethoden bereits im nächsten Jahr anpassen können, dauert es im Wald Jahrzehnte, bis Massnahmen ihre Wirkung entfalten. Deshalb müssen wir den Wald beispielsweise mit Waldumbau schon heute auf die Zukunft vorbereiten.» Unter Waldumbau versteht man in der Forstwirtschaft die schrittweise Umgestaltung bestehender Wälder zu klimastabilen, artenreichen und widerstandsfähigen Mischwäldern. Ziel ist es, den Wald langfristig besser an den Klimawandel anzupassen.

Waldumbau als langfristiger Lösungsansatz

Flurin Farrér ist seit rund 30 Jahren im Knonauer Amt tätig und hat die Folgen der Hitzesommer 2003, 2022 und 2023 sowie der Stürme Lothar (1999) und Burglind (2018) hautnah miterlebt. Trotz dieser einschneidenden Ereignisse blickt er zuversichtlich in die Zukunft. «Die Welt hat sich schon immer verändert. Wäre das nicht so, würden hier heute noch Dinosaurier herumspazieren. Die Natur passt sich an», erklärt der Förster, «aber die Situation gibt schon zu denken. Man muss eine gewisse Gelassenheit entwickeln und pragmatisch vorgehen.»

Doch auf die Anpassungsfähigkeit der Natur allein verlässt er sich nicht. Er und sein Team setzen seit Jahren gezielt Massnahmen um, um den Wald fit für die Zukunft zu machen. Im Zentrum steht die Förderung der Artenvielfalt. Neben Nadelbäumen werden gezielt verschiedene, möglichst hitzeresistente Laubbaumarten gepflanzt.

«Abgefallene Nadeln bleiben lange liegen und halten den Boden warm, weil sie sich nur langsam zersetzen. Laub dagegen wirkt wie eine natürliche Mulchschicht: Es speichert Feuchtigkeit, schützt vor Temperaturschwankungen, verbessert die Bodenstruktur, fördert das Bodenleben und schützt vor Erosion», erklärt Flurin Farrér.

Gezieltes Aufforsten und Nachwachsen lassen

Beim Waldumbau setzt Flurin Farrér nicht nur auf unterschiedliche Baumarten, sondern auch auf verschiedene Herkünfte und Sorten. So testet er beispielsweise fünf verschiedene Eichensorten, um herauszufinden, welche sich unter den künftigen Klimabedingungen am besten bewähren.

Eine Baumart ist eine natürlich vorkommende biologische Einheit. Alle Bäume derselben Art weisen gemeinsame Merkmale auf und können sich untereinander fortpflanzen. Eine Baumsorte hingegen ist eine durch Auswahl oder Züchtung entstandene Variante innerhalb einer Baumart, die sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnet.

Einige heute weitverbreitete Baumarten dürften es künftig schwer haben. Besonders trockenheitsempfindliche Arten wie Rottanne, Buche, Esche, Birke, Schwarzerle und Silberweide könnten langfristig aus Teilen unserer Wälder verschwinden. Deutlich besser an Trockenheit angepasst sind Eichen, Feldahorn, Elsbeere, Speierling, Hopfenbuche, Waldföhre und Winterlinde. Auch die Weisstanne gilt als hitzetoleranter als die Rottanne. Douglasien stammen zwar ursprünglich nicht aus Mitteleuropa, zeigen jedoch eine bemerkenswerte Trockenheitsresistenz. Mit Zedern sammelt das Forstrevier derzeit erste Erfahrungen – der Versuch befindet sich noch in der Anfangsphase.

Flurin Farrér betont: «Beim Waldumbau pflanzen wir nicht einfach alles neu. Ebenso wichtig ist es, den natürlich nachwachsenden Jungwuchs gezielt zu schützen und zu fördern. Der Wald muss jedoch nicht nur ökologischen Ansprüchen gerecht werden, sondern auch wirtschaftlichen. Wir brauchen stabiles, aber möglichst leichtes Bauholz. Zudem unterliegt die Nachfrage nach verschiedenen Holzarten dem Zeitgeist. Wer will heute noch ein Buffet aus Kirschbaumholz?»

Experimentierlust, Engagement und Herzblut

Flurin Farrér, Bauernsohn aus dem Bündnerland, hat seine Berufswahl zum Forstwart nie bereut. «Ich will jeden Tag im Freien sein und die Natur beobachten.» Über die Jahre hat er sich ein breites Fachwissen angeeignet, sich zum Förster weitergebildet und seine Leidenschaft für den Wald bewahrt.

Die Waldgebiete, für die er verantwortlich ist, gehören Korporationen und privaten Waldbesitzern. Mit allen Eigentümern pflegt er eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit. «Der Wald hat in der Schweiz einen sehr hohen Stellenwert. Er erfüllt zahlreiche Aufgaben für Mensch und Natur: Er liefert Holz, dient als Erholungsraum, schützt vor Naturgefahren, speichert Wasser, bindet CO2, produziert Sauerstoff und trägt zur Luftreinhaltung bei.» Flurin Farrér denkt langfristig und sucht nach praktischen Lösungen. Begeistert erzählt er, dass er auch ökologische Ausgleichsflächen betreut, die im Zusammenhang mit dem Autobahnbau entstanden sind. Diese Flächen fördern die Artenvielfalt und schaffen wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere.

Dort entdeckte er Rottannen-Sämlinge mit aussergewöhnlich langen Wurzeln. Er pflanzte sie in dichtere Waldbestände um und verfolgt nun gespannt, wie sie sich entwickeln. Solche Beobachtungen liefern ihm wertvolle Hinweise darauf, welche Bäume den Herausforderungen des Klimawandels besonders gut standhalten könnten.

Trotz aller forstlichen Eingriffe vertraut Flurin Farrér auch auf die Selbstheilungskräfte der Natur. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass der Mensch den Wald mit einem gezielten Waldumbau dabei unterstützen muss, sich an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen. Flurin Farrér freut sich, wenn Waldbesucherinnen und Waldbesucher das Gespräch mit ihm suchen. Oft hört er kritische Bemerkungen wie: «Jetzt fällt ihr schon wieder Bäume!»

«Wir erklären gerne, weshalb wir Bäume fällen und welche Ziele wir damit verfolgen. Es freut uns, wenn unsere Arbeit auf Interesse stösst und mit Respekt wahrgenommen wird», sagt Flurin Farrér, der sich mit grossem Fachwissen, Experimentierfreude und viel Herzblut für die Wälder im Knonauer Amt einsetzt.

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