Hoffnungen einer 13-Jährigen – ohne Happy End
«Das Tagebuch der Anne Frank» als Theater in Hausen

Nirgendwo kennt man sich mit publikumsnahen Geschichten besser aus als in Hollywood. Eine der eisernen Regeln heisst dort: keine Geschichte ohne Happy End. Denn kein Happy End gleich kein Publikum, kein Umsatz, kein Gewinn – und damit keine weiteren Geschichten. Ende der Geschichte.
«Das Tagebuch der Anne Frank» ist eine Geschichte ohne Happy End. Dennoch werden die vom jüdischen Mädchen Anne Frank im Zweiten Weltkrieg verfassten Tagebücher bis heute gelesen und weitererzählt. Sie zählen zu den literarischen Klassikern des 20. Jahrhunderts, wurden millionenfach aufgelegt und in 70 Sprachen übersetzt. Ein Grund dafür mag sein, dass die Tagebücher Ausgangspunkt für tausend andere Geschichten sind, über Isolation, Angst, Verrat, das Erwachsenwerden, Träume und Hoffnungen. Und natürlich für unzählige psychologische, soziale und historische Aspekte: den Holocaust, Völkermord, Judenhass, Nationalsozialismus, Rassismus, Krieg, Unmenschlichkeit, Gehorsam, Kollaboration.
Es ist «schwere Kost», welches sich das «Theater Kanton Zürich» mit der Wahl des Stücks «Das Tagebuch der Anne Frank» ausgesucht hat. Doch die äusserst gelungene Inszenierung (Regie: Sophia Pervilhac) des Ein-Personen-Stücks kommt unerwartet leicht und unterhaltsam daher – ohne auch nur eine Sekunde den darunter liegenden Horror und die stets lauernde Todesgefahr auszublenden. Erreicht wird dies mit einigen wenigen Requisiten, dem gezielten, dezenten Einsatz von Musik, Ausschnitten aus zeitgenössischen Radio-Sendungen und weiteren Tondokumenten. Und natürlich dank der Schauspielkunst von Marie Gesien. Sie verkörpert die zu Beginn des Stücks 13-jährige, aufgeweckte, vorlaute und intelligente Anne Frank so quirlig, dass man hinterher mit Staunen feststellt, dass Gesien in Realität 38 Jahre alt ist.
Stück mit Bezug zur Schweiz
Die rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer, darunter 20 Schülerinnen und Schüler der Sek Hausen, quittierten die Leistung am vergangenen Samstag in Hausen mit lang anhaltendem Applaus und gar stehenden Ovationen. Es dürfte den veranstaltenden Verein «Kultur in Hausen» darin bestärken, immer wieder mal Klassiker ins Dorf zu holen und sie dem aktuellen Weltgeschehen gegenüberzustellen.
Im Fall des Anne-Frank-Stücks ist der direkte Aktualitätsbezug der Überfall der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel – und Israels darauffolgender Einmarsch im Gazastreifen. Der seither vielerorts in Europa wieder deutlicher zutage getretene Antisemitismus, auch in der Schweiz, habe das «Theater Kanton Zürich» bewogen, das Stück wieder einmal auf die Bühne zu bringen, so der Dramaturg Wolfgang Stockmann. Es werde hier relativ selten aufgeführt, obwohl es einen direkten Schweizbezug gebe: So lebt der Vater von Anne Frank, Otto Frank, der als Einziger der Familie den Holocaust überlebte, ab 1952 in der Schweiz. Hier gründete er auch den Anne-Frank-Fonds, dessen Sitz in Basel ist. Otto Frank starb 1980 in Birsfelden (BL).
Die im September 2025 erstmals gezeigte Inszenierung ist derzeit auf verschiedenen Bühnen in der Deutschschweiz zu sehen. Darüber hinaus wurde sie nicht weniger als 50 Mal für Aufführungen in Schulzimmern im Kanton Zürich gebucht. Schülerinnen und Schüler ab einem gewissen Alter könnten sich gut in Anne Frank hineinversetzen, sagt Stockmann. Der Stoff biete überdies Anlass, um über Themen wie Ausgrenzung und Mobbing nachzudenken. Und er eigne sich als Einstieg zum Thema Zweiter Weltkrieg.
Zwei Jahre im Versteck
Stockmann sorgte in Hausen vor Beginn des Stücks mit einer Einführung für den nötigen Kontext. Er erinnerte daran, dass die deutsch-jüdische Familie Frank bereits 1933, nach der Machtübernahme des Nazi-Regimes unter Hitler, aus Frankfurt in die Niederlande emigrierte. Anne Frank war damals vier Jahre alt, ihre Schwester Margot sieben. In Amsterdam baute sich die Familie zunächst eine neue Existenz auf. Otto Frank wurde Direktor der niederländischen Niederlassung der deutschen Firma Opekta, die Geliermittel zur Confitürenherstellung produzierte. 1940 änderte sich die Situation mit der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen drastisch. Das Leben der jüdischen Bevölkerung wurde rasch massiv eingeschränkt. So wurde ihr die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie von Autos und Velos verboten, einkaufen war nur noch nachmittags während zweier Stunden erlaubt – um nur zwei Beispiele zu nennen. Als im Sommer 1942 die systematische Deportation von Juden aus den Niederlanden begann und Annes ältere Schwester Margot die Aufforderung zum «Arbeitsdienst nach Deutschland» erhielt, tauchte die Familie unter. Sie versteckte sich fortan mit vier weiteren jüdischen Bewohnern im Hinterhaus der Firma Opekta an der Prinsengracht 263. Über zwei Jahre lang harrten sie dort aus, bis sie von einer bis heute unbekannten Person verraten und am 4. August 1944 verhaftet wurde. In der Zeit im Versteck schrieb Anne Frank, die gerne Journalistin oder Schriftstellerin geworden wäre, die heute weltberühmten Tagebücher sowie Kurzgeschichten. Die Schriften blieben nach ihrer Festnahme im Versteck zurück, wo sie von einer niederländischen Helferin der Familie geborgen und aufbewahrt wurden.
Mutter starb an Unterernährung
Anne Frank und ihre Familie wurden nach der Festnahme zunächst ins Durchgangslager Westerbrok eingeliefert und rund einen Monat später mit dem letzten Zug ins Konzentrationslager Ausschwitz deportiert. Dort wurde die Familie getrennt. Die Mutter, Edith, starb dort am 6. Januar 1945 an Unterernährung, Anne und Margot Frank starben im Februar 1945 (das genaue Datum ist nicht bekannt) im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort wütete in dieser Zeit eine Fleckfieber-Epidemie, zudem waren andere Krankheiten wie Typhus weit verbreitet. Der Vater Otto wurde Ende Januar 1945 in Auschwitz von der Sowjetarmee befreit.
Anne Frank war eine von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis ermordet wurden. Welche Lehren daraus zu ziehen sind? Yehuda Bauer, ein weltweit renommierter israelischer Holocaust-Forscher und Historiker, nannte dazu einmal drei Gebote: «Erstens, du darfst kein Täter sein. Zweitens, du sollst kein Opfer sein. Drittens, du sollst niemals ein Zuschauer sein.»
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Jahre lang harrte die Familie von Anne Frank in ihrem Versteck aus – bis sie verraten wurde.

