Hunger, Seuchen und Volksfrömmigkeit

500 Jahre nach der Reformation (1): Wirtschaft, Gesellschaft und Glaube

Die Kirche Knonau wurde 1519 fertiggestellt. Auffallend ist das für diese Zeit typische Käsbissendach. (Bild Bernhard Schneider)
Die Kirche Knonau wurde 1519 fertiggestellt. Auffallend ist das für diese Zeit typische Käsbissendach. (Bild Bernhard Schneider)

Die Zürcher Reformation war ein ausserordentlicher Vorgang. Die Stadt Zürich schaffte es innert weniger Jahre, im Zuge der religiösen Erneuerung die Organisation ihrer Herrschaft grundlegend von oben her zu reformieren. Es fand kein Köpferollen im Kleinen Rat der Stadt Zürich statt, die Fluktuation in diesem Gremium war nicht signifikant grösser als vor und nach der Reformation. Vielleicht hatte der Tod des 70-jährigen Bürgermeisters Marx Röist im Sommer 1524 einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Reformation, da er als dezidierter Gegner der Entfernung der Bilder aus den Kirchen auftrat.

Statistische Erfassung der Untertanen

Während die kirchliche Reformation 1525 im Wesentlichen abgeschlossen war, symbolisierte nichts die neue Herrschaftsorganisation stärker als der Beschluss des Zürcher Rats vom 30. Mai 1526, wonach jede Kirchgemeinde ein Pfarrbuch zu führen habe, das Eheschlüsse, Geburten und Todesfälle lückenlos aufzeichnen sollte. Es war die staatliche Gewalt, die dem – von ihr eingesetzten – Pfarrer diese Aufgabe übertrug.

Die Pfarrbücher standen in einem direkten Zusammenhang mit dem neu geschaffenen Ehegericht, das gleichzeitig der moralischen Kontrolle der Untertanen und der Öffnung des Vermögens der Stadt Zürich diente. Damit wurde 1526 abgeschlossen, was die Stadt im 15. Jahrhundert schrittweise aufgebaut hatte: die vollständige Kontrolle der Landschaft, ohne die katholische Kirche als unabhängigen Machtfaktor. Wichtig für diese Kontrolle war auch die statistische Erfassung der Untertanen, die mit der Einführung von Vermögenssteuern im 15. Jahrhundert begonnen hatte.

Die Reformation war somit eine kirchliche Erneuerungsbewegung, die für die politischen Machthaber in Zürich zum idealen Zeitpunkt stattfand. Die Landvogtei Knonau wurde formell 1512 gegründet, das Landvogteischloss allerdings bereits früher neu gebaut, als es sich juristisch noch im Besitz der nach Zürich ausgewanderten Familie Meyer von Knonau befunden hatte. Das Schloss sollte die Macht der Stadt Zürich symbolisieren, gegenüber den Untertanen der Landvogtei und gegenüber den Innerschweizer Nachbarn, mit denen sich Zürich seit dem 13. Jahrhundert gewaltsam auseinandersetzte. Die Reformation schuf insofern keine neue Konfliktlinie, gab aber beiden Seiten die moralische Rechtfertigung, die Auseinandersetzung weiterzuführen.

200 Katastrophenjahre

Der ehemalige Zürcher Staatsarchivar Otto Sigg stellte die sozialen Verhältnisse in der Zürcher Landschaft zur Reformationszeit in eine langfristige Entwicklung: Auf den Pestzug der Jahre 1347 bis 1349 folgten der Sempacher- und der Alte Zürichkrieg. Zudem hatte um 1300 die Kleine Eiszeit begonnen, eine Kaltperiode, die ein halbes Jahrtausend lang dauerte, bis ins 18. Jahrhundert hinein. Massiv spürbar war sie ab der gesamteuropäischen Hungersnot um das Jahr 1315. So sorgten Krankheiten und Missernten, Kriegs- und Plünderungszüge für eine Entvölkerung des Mittellandes von Luzern bis Zürich. In der Folge stand in der Landschaft zwar bewirtschaftbarer Boden im Überfluss zur Verfügung, aber es mangelte an Arbeitskräften und Kapital, um ihn zu bebauen.

Demgegenüber waren die Städte zu Investitionen in der Lage. Zürich pflegte in der unmittelbaren Umgebung den Reb-, Obst- und Gemüseanbau, denn im Gegensatz zur Landschaft war die Stadt frei, wie sie ihr Land bewirtschaftete. Bereits zu feudalen Zeiten, vor Beginn der Territorialbildung, hatte Zürich 1291 ein Bündnis mit Uri und Schwyz geschlossen, das die Verpflichtung enthielt, bei kriegerischen Raubzügen die Rebberge zu schonen.

Streitpunkt Wald

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dürfte sich die Bevölkerung der Zürcher Landschaft auf etwa 50000 Menschen mehr oder weniger verdoppelt haben. Innerhalb von zwei Generationen hatte sich die Problemstellung umgekehrt: Nun standen genügend Arbeitskräfte einem Mangel an Land gegenüber.

Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung, der 1489 abgesetzte und hingerichtete Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann hätte seinen Sturz eingeleitet durch Missachtung der Interessen der Landschaft, differenziert der Historiker Otto Sigg, Waldmann habe die landwirtschaftlichen und ökologischen Probleme erkannt, habe die Wälder als nachhaltige Energielieferanten geschützt und den Vorrang des Ackerbaus vor der Viehwirtschaft und dem Weinbau postuliert. Dadurch habe er sich mit der bäuerlichen und der städtischen Oberschicht angelegt, was zu seinem Sturz geführt habe.

In der Folge seien die Grundlagen für die Spannungsmuster in der Zürcher Herrschaft gelegt worden, die bis zum Ende der Dreizelgenwirtschaft im 19. Jahrhundert die sozialen Auseinandersetzungen geprägt hatten, stellte Sigg weiter fest. Typisch für die Zeit zwischen dem Sturz Waldmanns und der Reformation seien grossflächige Rodungen gewesen. Diese führten einerseits zu Kämpfen um Nutzungsrechte, anderseits zu Auseinandersetzungen mit Zehntherren, die vom neu gewonnenen Land mitprofitieren wollten.

Insbesondere in den Jahren 1526 bis 1533, in denen die reformierte Ordnung in der Zürcher Herrschaft alle Lebensbereiche erfasste, war Getreide knapp und entsprechend teuer, was die sozialen Spannungen in der Landschaft verschärfte, denn Grossbauern profitierten von den hohen Preisen. Wer dagegen zu wenig Land zur Selbstversorgung besass, hungerte. Die Getreidesperren, die Zürich gegen die Waldstätte erliess, verschärften den Hunger in den Inneren Orten und damit die Spannungen zwischen Zürich und den Eidgenossen, die sich in den beiden Kappelerkriegen entluden. Die mit den Kriegen einhergehenden Einquartierungen von Truppen und Plünderungszüge erhöhten die Probleme, namentlich in der besonders exponierten Landvogtei Knonau.

Frömmigkeit in der Not

In den Krisenjahrzehnten zwischen 1480 und 1520 zeigte sich ein Ausmass an Volksfrömmigkeit wie kaum je in der Geschichte, und dies offensichtlich ohne obrigkeitlichen Zwang. Vielleicht war es gar die Unabhängigkeit der Kirche von der Zürcher Herrschaftsorganisation, die in dieser Zeit die Zügel in der Landschaft immer stärker anzog, die dazu einen Beitrag leistete. Jedenfalls brach ein wahres Kirchenbaufieber aus: Neun Kirchen wurden in diesen vier Jahrzehnten im Gebiet des heutigen Bezirks Affoltern neu errichtet oder stark umgebaut. Dies ist optisch noch immer erkennbar am typischen Käsbissendach in Bonstetten, Hedingen, Knonau, Maschwanden, Ottenbach und Stallikon, während in Affoltern, Hausen und Mettmenstetten spätere bauliche Änderungen für ein anderes Erscheinungsbild sorgten.

Das Bedürfnis, das sich in diesen von der jeweiligen Dorfbevölkerung angestossenen Kirchenbauten äusserte, war die Erlangung des Seelenheils und des Segens für das irdische Leben. Angesichts des Mangels an Dünger, des Fehlens von Pflanzenschutzmitteln und der bescheidenen meteorologischen Kenntnisse erhielten rituelle Praktiken zum Schutz von Leben, Hof und Feldern eine zentrale Bedeutung. Das Kirchengebäude verbreitete besonderen Schutz über die Kirchgemeinde. Die Kirchenglocke, die Mettmenstetten 1493 hatte giessen lassen, enthielt die Aufschrift: «An dem Tüfel will ich mich rächen / Mit der Hilf Gottes alle Wetter zerbrechen / anno domini 1493.» Der Teufel und Dämonen verursachten nach gängiger Auffassung Unwetter, die man mit Kirchenglocken und besonderen Segnungen bezwingen wollte.

Der Kunsthistoriker Peter Jezler stellte fest: «Das Verblüffendste an dieser Bauwut war, dass sie von den Bauern herkam. Weder Amtskirche noch weltliche Obrigkeiten forderten die Dörfer zum Kirchenbau auf. Vielmehr ist vielfach überliefert, dass der Baubeschluss in Gemeindeabstimmungen gefasst wurde. Die Bauern forderten vom Bischof zuweilen mehr, als dieser leisten mochte.» Dieses Engagement bedeutete auch, dass die Kirchgemeinden selbst einen erheblichen Beitrag zu diesen Bauten zu leisten hatten, in Form von Geld und von Fronarbeit.

Stabilisierung der Herrschaft

Während der Wirren der Reformation wurde der Schmuck in den sogenannten Bilderstürmen aus den Kirchen gerissen, denn die Reformatoren betrachteten die Heiligenverehrung als Dienst an Götzen und Widerspruch zum biblischen Bilderverbot. So kam es gar vor, dass Leute, die wenige Jahre zuvor einen Altar oder eine Statue gestiftet und sich möglicherweise deswegen in Schulden gestürzt hatten, selbst ihren Kunstgegenstand zerstörten, voller Empörung, weil sie nun glaubten, von den – katholischen – Geistlichen betrogen worden zu sein.

Dem Zürcher Rat wurde das Treiben rasch zu obszön. Er verbot daher die spontanen Bilderstürme. Nach einem Machtkampf unter den Ratsherren obsiegte der Entscheid, die Bilder seien aus den Kirchen zu entfernen, nicht zuletzt infolge des Todes von Bürgermeister Röist, der sich entschieden dagegen gewehrt hatte.

Nun entfernten die beiden Stadtpfarrer zusammen mit Zwingli die Bilder, unter Ausschluss der Bevölkerung. Denn die Bilderstürmer stellten weitere Forderungen, namentlich die Abschaffung der Zehnten und der Leibeigenschaft. Damit konnte sich die Zürcher Obrigkeit keinesfalls einverstanden erklären, denn die Ungleichheit von Stadt und Land war ein wichtiger Pfeiler des noch labilen Zürcher Herrschaftssystems, das sich von dem Moment an stabilisierte, als der Kleine Rat die Führung in Religionsfragen übernommen hatte.

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