«Ich hatte einen Schutzengel»

Agnes Hirschi musste sich 1944/45 als sechsjähriges jüdisches Mädchen zwei Monate lang in einem Keller in Budapest ­ausharren, um sich vor Bomben und der Verfolgung durch ­Nazischergen zu schützen. Sie überlebte den Holocaust dank ihrem Stiefvater, dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz, der über 60000 Juden das Leben rettete.

Agnes Hirschi überlebte dank ihrem Stiefvater, dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz, den Holocaust. (Bild sts)
Agnes Hirschi überlebte dank ihrem Stiefvater, dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz, den Holocaust. (Bild sts)

Nicht viele Überlebende des Holocausts leben noch, fast achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der schrecklichen Judenverfolgung durch Hitlers Nazis. Eine von ihnen ist die 84-jährige Agnes Hirschi, die heute in Münchenbuchsee (BE) wohnt. Sie hat den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg mit der Belagerung von Budapest durch die Nazis überlebt, dank dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz. Im Sekundarschulhaus Mettmenstetten hat sie am Mittwoch live von ihrem dramatischen Schicksal berichtet. Agnes Hirschi referierte auf Einladung von Erika Bigler. Die Affoltemerin unterrichtet in Mettmenstetten an der Sekundarschule Geschichte. Vor zwei Jahren hat sie das digitale Schulbuch «Schweizer Jugend im Zweiten Weltkrieg» entwickelt, mit dem sie diese Epoche für Jugendliche erlebbar machen möchte. Die 3.-Sekschülerinnen und -schüler von Mettmenstetten erlebten mit dem Referat von Agnes Hirschi, nach dem sie im Anschluss Fragen stellen konnten, zwei eindrückliche Stunden authentischer, lebhafter Zeitgeschichte.

Schuss unter das Bett

«Sechs Millionen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg umgebracht. Unschuldige Menschen, Männer, Frauen und Kinder wurden getötet, nur weil sie jüdisch waren. Ich stehe als Überlebende vom ­Holocaust in Budapest vor euch. Meine eigene Geschichte ist stark mit der von Carl Lutz verknüpft. Er hat mein Leben ­gerettet», erzählte Agnes Hirschi vor der Schülerschaft. Hirschi wurde in London geboren und wuchs in Budapest auf. Im März 1944 marschierten die Nazis in Budapest ein, kurz darauf begannen die Deportationen ins Vernichtungslager Auschwitz. Als Engländerin und Kind jüdischer Eltern war Hirschi doppelt gefährdet. Ihre Mutter ging zu Carl Lutz, der als Schweizer Vizekonsul die ­Abteilung «Fremde Interessen» der Schweizer Gesandtschaft in Budapest leitete. Lutz startete nach dem Nazieinfall eine Schutzbrief-Aktion. Zunächst konnte er – legal – 7800 Juden unter diplomatischen Schutz stellen und ihnen die Auswanderung nach Palästina ermöglichen. Danach nummerierte er diese Schutzbriefe mehrmals neu von 1 bis 7800 durch und rettete so mit dieser List Zehntausenden das Leben.

Lutz stellte Agnes Hirschis Mutter als Hausdame an. Als im Herbst 1944 die Bombardierung Budapests einsetzte, musste die sechsjährige Agnes im Luftschutzkeller monatelang Unterschlupf nehmen, ohne diesen je verlassen zu können. Unzählige Stunden lang mussten die 30 Personen im Keller mangels Licht in völliger Dunkelheit ausharren. Im Februar 1945 «befreiten» die Russen Budapest. Als russische Soldaten in den Keller stürmten, versteckte Hirschis Mutter ihre Tochter vor den Russen unter dem Bett. Einer der Soldaten schoss unter das Bett, Agnes Hirschi überlebte wundersamerweise. «Ich hatte einen Schutzengel», kommentierte sie dieses ­einschneidende Ereignis.

Posthume Rehabilitation

Lutz und Agnes’ Mutter verliebten sich ineinander. 1949 heirateten sie und zogen in die Schweiz. Carl Lutz arbeitete als Konsul in Bregenz. Agnes Hirschi arbeitete als Journalistin für die ­«Berner Zeitung», heiratete 1962 und bekam zwei Söhne. Ihre Mutter nahm sich 1966 das Leben, Carl Lutz verstarb 1975 an einem Herzinfarkt. Er, der «sein Leben, seine Gesundheit und seine Karriere riskiert hatte, um Zehntausenden jüdischen Menschen das Leben zu retten», wie es Agnes Hirschi formulierte, hatte sein Leben lang gekämpft um die staatliche Anerkennung seines Einsatzes, der von der offiziellen Schweiz als «Kompetenzüberschreitung» gewertet wurde. Den von ihm erwarteten Dank für seine Rettungsaktion erlebte er nicht mehr. Erst posthum wurde er von der Eidgenossenschaft gewürdigt. 2018 gabs Standing Ovations im Nationalrat für ihn und das grösste Sitzungszimmer im Bundeshaus wurde nach ihm benannt.

Das schlimmste Erlebnis

Seit vielen Jahren setzt sich Agnes ­Hirschi für die Anerkennung von Lutz’ Rettungsaktion ein. 2020 gab sie das Buch «Unter Schweizer Schutz» heraus, in dem 35 Jüdinnen und Juden, die ihr Leben Carl Lutz’ Rettungsaktion verdanken, zu Wort kommen.

Sichtlich bewegt von Agnes Hirschis Leben zeigten sich die Mettmenstetter Schülerinnen und Schüler. Sie konnten im Anschluss einige Fragen an sie richten. Eine Schülerin wollte wissen, ob sie auch so mutig gehandelt hätte wie ihr Stiefvater: «Ich hätte wahrscheinlich diesen Mut nicht gehabt. Was Carl Lutz machte, war lebensgefährlich», so ­Hirschi. Die Frage, wie sie das Ganze verarbeitet habe, beantwortete Hirschi mit dem Hinweis, sie habe das Ganze jahrzehntelang verdrängt. Wie sie die zwei Monate 1944/45 im Keller erlebt habe, wollte ein Sekundarschüler wissen. «Das war schlimm, wir hatten keinerlei ­Bewegungsfreiheit angesichts der dauernden Bedrohung durch fallende Bomben.» Bis heute erinnert die Knallerei am 1. August jedes Jahr Agnes ­Hirschi an die Kriegszeit. Und das allerschlimmste Erlebnis war für sie – wenig verwunderlich – der Schuss des russischen ­Soldaten unter das Bett, wo sie sich versteckt hatte.

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