«Ich möchte nicht in der Haut meiner Enkel stecken»

Polit-Talk der EVP zum Hitzesommer mit Umweltwissenschaftler Andreas Fischlin

Podiumsdiskussion zum Thema Hitzesommer mit Umweltwissenschaftler Andreas Fischlin, links, Gesprächsleiter und Kantonsrat Daniel Sommer, Regierungsrat Martin Neukom und Landwirt Werner Locher, rechts. (Bilder Martin Platter)

Podiumsdiskussion zum Thema Hitzesommer mit Umweltwissenschaftler Andreas Fischlin, links, Gesprächsleiter und Kantonsrat Daniel Sommer, Regierungsrat Martin Neukom und Landwirt Werner Locher, rechts. (Bilder Martin Platter)

Caroline Wenger (Gesang) und Anette Bodenhöfer (am Klavier) sorgten für musikalische Abwechslung am EVP-Polit-Talk.

Caroline Wenger (Gesang) und Anette Bodenhöfer (am Klavier) sorgten für musikalische Abwechslung am EVP-Polit-Talk.

Hitzesommer, schwindende Gletscher, ausgetrocknete Bäche: Am Polit-Talk der EVP im Kulturkeller lamarotte in Affoltern zeichnete der ETH-Umweltwissenschaftler Andreas Fischlin ein düsteres Bild. Regierungsrat Martin Neukom und Landwirt Werner Locher setzten die pragmatischen Akzente.

Der Kulturkeller lamarotte war am letzten Mittwochabend so gut besetzt, dass im hinteren Teil zusätzliche Stuhlreihen aufgestellt werden mussten. EVP-Kantonsrat Daniel Sommer, der durch den Abend führte, nahm es mit Humor: Man habe extra einen Saal gesucht, in dem die Leute so nah beieinandersitzen, dass die Hitze des vergangenen Sommers nochmals spürbar werde. Da der Abend als «Polit-Talk mit Musik» angekündigt war, spielten zu Beginn, zwischen den Blöcken und zum Abschluss die beiden Säuliämtlerinnen Caroline Wenger (Gesang) und Anette Bodenhöfer (Klavier) Folksongs aus dem keltischen Raum, was gut zum Hauptredner passte.

Vom Rockmusiker zum Ökologen

Andreas Fischlin wollte ursprünglich Landwirt und Rockmusiker werden. Der Solothurner war Mitbegründer der Band Terrible Noise, aus der später die Hardrock-Formation Krokus hervorging. Er entschied sich jedoch für ein Biologiestudium an der ETH und leitete dort bis 2015 die Fachgruppe für Terrestrische Systemökologie. Im Weltklimarat IPCC arbeitete er über Jahrzehnte als Autor mit, zuletzt als Vizepräsident der Arbeitsgruppe, die sich mit den Folgen des Klimawandels befasst. Sein Einstieg ins Referat war unmissverständlich: «Ich möchte nicht in der Haut meiner Enkel stecken, wenn wir es nicht fertigbringen, die verdammte Klimaerwärmung zu stoppen.» Der vergangene Sommer habe gezeigt, was künftig auf uns zukomme.

Global liege die Temperatur heute rund 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau, in der Schweiz seien es etwa 3 Grad, so Fischlin. Ursache sei das CO2, dessen Anteil in der Luft im September bei 426 ppm lag – 426 Teilchen pro Million, rund die Hälfte mehr als vor der Industrialisierung. Ein Blick in die Erdgeschichte zeigte die Bandbreite: In der letzten Eiszeit war es 5 bis 7 Grad kälter als heute. Vor rund drei Millionen Jahren, bei einem ähnlichen CO2-Gehalt wie heute, war es 2,5 bis 4 Grad wärmer und der Meeresspiegel lag 5 bis 25 Meter höher – ein Zustand, der sich allerdings über Jahrtausende einstellte. Zugleich warnte Fischlin, Wetter und Klima nicht zu verwechseln: Das Klima sei der Durchschnitt der Wetterdaten über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Mit der heutigen Politik steuere die Welt auf rund 2,8 Grad Erderwärmung zu. Wie verlässlich solche Zahlen sind, räumte Fischlin selbst ein: «Die Zukunft lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht vorhersagen.» Klimamodelle liefern Szenarien, keine Gewissheiten – je nach künftigen Emissionen und je nachdem, wie empfindlich das Klima reagiert, kann es glimpflicher oder auch schlimmer kommen. Fischlin zeigte Bilder der Flut in Valencia und des Bergsturzes von Blatten und plädierte für einen raschen Umstieg auf erneuerbare Energien, vor allem Photovoltaik, sowie für Technologien, die CO2 aus der Luft holen und speichern. Die Klimaerwärmung rufe zwar auch positive Effekte wie Rekordernten hervor. Unter dem Strich seien die Folgen für den Menschen aber klar negativ.

Gute Wasserinfrastruktur fördern

Regierungsrat Martin Neukom (Grüne), Baudirektor und promovierter Solarforscher, blendete zunächst eine nach unten zeigende Kurve ein und wollte vom Publikum wissen, was das sei. «Das ist die Entwicklung der Schweizer Gletscher, die derzeit pro Jahr etwa 1,6 Kubikkilometer Eismasse verlieren. Hält der Trend an, wären die Gletscher bis 2053 verschwunden», löste Neukom auf. Dann erklärte er die Folgen des Hitzesommers für den Kanton und welche Gegenmassnahmen getroffen wurden. Der Landwirtschaft sei man entgegengekommen, indem man die Freilaufregeln für Nutztiere gelockert und die Wasserentnahme aus grossen Gewässern erlaubt habe. Im Kanton seien diesen Sommer rund 300 Kilometer Bäche ausgetrocknet, die darin lebenden Fische und Krebse verendet. Aufs Umsiedeln, wie das in früheren Jahren praktiziert wurde, habe man diesmal verzichtet, weil es schlicht nicht mehr genügend passende Gewässer gegeben habe. Der Kanton setzte deshalb auch künftig auf Revitalisierung von Flussläufen, wie sie am Jonenbach bei Rifferswil umgesetzt wurde, und stärke die gut vernetzten Wasserversorgungen. (Im Säuliamt ist das unter anderem die 1971 gegründete Gruppenwasserversorgung Amt-Limmat-Mutschellen GALM. Ihre mit Zürichseewasser gespeiste Ringleitung sichert die Haushalte ab, wenn lokale Quellen versiegen – eine Massnahme als Reaktion unter anderem aus dem Dürresommer 1947.) Dazu komme eine klimaangepasste Siedlungsentwicklung: Bäume erhalten und pflanzen, Dächer begrünen, Kaltluftströme sichern. Klimaanlagen seien keine Komfortfrage mehr, sondern eine Frage der Gesundheit – betrieben idealerweise mit überschüssigem Solarstrom.

Gelassener zeigte sich Werner Locher aus Bonstetten. Sein Hof sei nicht für Bewässerung ausgerüstet, doch die lehmigen Böden speicherten das Wasser gut, und das Futter aus dem Vorjahr habe bis vor Kurzem gereicht. Die Kühe hätten weniger Milch gegeben, die Kulturen aber überlebt. 1947 sei es trockener gewesen, damals sei sogar die Hofquelle versiegt. Mehr Sorgen bereitet ihm der wirtschaftliche Druck, der die Bauern zu einer wenig naturverbundenen Produktion dränge.

Windräder, AKW und Velos

Zum «Wasserschloss Schweiz» meinte Fischlin, die Niederschlagsmenge nehme nicht ab, sie verteile sich aber anders. Man müsse Wasser sammeln und speichern. Aus dem Publikum kam die Frage, ob man für Windräder Wald roden solle, wo doch der Wald ein wichtiger Wasser- und CO2-Speicher sei. Betroffen wäre nur ein kleiner Bruchteil der Waldfläche, sagte Neukom; im Sommer reiche der Solarstrom, der Winter sei die Herausforderung. Moderator Sommer sprach von einer Güterabwägung, keine Energieform sei neutral. Atomkraft könne einen Beitrag leisten, sei aber teurer als Photovoltaik, sagte Fischlin. Neukom gab einer Votantin recht, die mehr Veloförderung forderte: Der Ausbau der Veloinfrastruktur gehe viel zu langsam voran. Ein Votant wünschte sich mehr Klimabildung in den Schulen. Locher mahnte zur Vorsicht: Man solle Kinder nicht zu früh mit den Problemen dieser Welt belasten. Pflanzen setze man auch zuerst so, dass sie es leicht hätten, damit sie später für Widerstände gewappnet seien. Mit regionalen Produkten für die Referenten und der letzten Session von Caroline Wenger und Anette Bodenhöfer endete der angeregte Abend im lamarotte zu fortgeschrittener Stunde.

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