Vom Kindheitstraum ins Weltall

Astronaut Claude Nicollier nimmt die Gäste des Lions Club Knonauer Amt mit auf eine faszinierende Reise

Claude Nicollier und Thomas Strebel, Präsident des Lions Club Knonauer Amt, zu Beginn der Veranstaltung im Restaurant Weisses Rössli im Mettmenstetten. (Bilder Brigitte Reemts Flum)

Claude Nicollier und Thomas Strebel, Präsident des Lions Club Knonauer Amt, zu Beginn der Veranstaltung im Restaurant Weisses Rössli im Mettmenstetten. (Bilder Brigitte Reemts Flum)

Nicollier triff sein Idol Charlie Duke.

Nicollier triff sein Idol Charlie Duke.

Blick auf den Planeten Erde.

Blick auf den Planeten Erde.

Wenn Claude Nicollier die Bühne betritt, ist ihm die Aufmerksamkeit des Publikums gewiss. Hier spricht ein Mensch mit einer aussergewöhnlichen Lebensgeschichte über ein faszinierendes Thema. Und er tut dies auf eine Weise, die auch jene begeistert, die sich sonst kaum mit Wissenschaft oder Raumfahrt beschäftigen: humorvoll, anschaulich und mit einer spürbaren Begeisterung und Dankbarkeit für alles, was er erlebt hat.

Ein Schweizer mit einer aussergewöhnlichen Laufbahn

Claude Nicollier blickt auf eine bemerkenswerte Karriere zurück. Der 1944 in Vevey geborene Waadtländer ist der erste Schweizer, der ins Weltall geflogen ist, und gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Schweizer Raumfahrtgeschichte. Nach seinem Studium der Physik und Astrophysik führte ihn sein Weg über die Fliegerei zur Europäischen Weltraumorganisation ESA. Diese nahm ihn 1978 in ihre erste Astronautengruppe auf. Zwischen 1992 und 1999 nahm Nicollier an vier Missionen mit dem amerikanischen Space-Shuttle teil. Dabei verbrachte er insgesamt mehr als 1000 Stunden im Weltraum.

Nach seiner aktiven Zeit als Astronaut gab er sein Wissen als Professor an der ETH Lausanne (EPFL) an junge Generationen weiter. Zudem engagierte er sich massgeblich im Projekt des Solarflugzeugs Solar Impulse. Eine bewegte Lebensgeschichte, an der er als gefragter Referent gerne andere Menschen teilhaben lässt.

Ein besonderer Gast im «Weissen Rössli» Mettmenstetten

«Der Weg zu den Sternen» lautete denn auch der Titel des Vortrags, den der Weltraumpionier am vergangenen Donnerstag anlässlich eines Monatsmeetings des Lions Club Knonauer Amt hielt. Thomas Strebel, der amtierende Präsident des Clubs, war sichtlich stolz, dass es ihm gelungen war, einen derart prominenten Gast nach Mettmenstetten zu holen. «Ich habe vor einiger Zeit einen Beitrag über Claude Nicollier gelesen und dabei realisiert, dass er auch Mitglied eines Lions Clubs ist. Als mein Präsidialjahr nahte, habe ich ihn einfach angeschrieben. Und es hat geklappt!», erzählte er in seiner Begrüssung. Ein glücklicher Umstand für die Mitglieder und ihre Partnerinnen und Partner, die an diesem Abend einen sehr persönlichen Einblick in die Welt der Raumfahrt erhielten. Auf sehr persönliche Art und Weise erzählt Claude Nicollier von seinem Weg ins All. «Ich schätze die Gelegenheit, den Weltraum in dieses kleine Dorf zwischen Zürich und Zug zu bringen», sagt er zu Beginn. «Ich habe sehr viel gearbeitet, hatte auch etwas Mut, aber vor allem sehr viel Glück! Und das soll man teilen.»

Schon als Kind und Jugendlicher faszinierte ihn der Blick in den Himmel. Als Zehnjähriger liess er sich von «On a marché sur la Lune» (deutsch: «Schritte auf dem Mond»), einem Abenteuer aus der bekannten Tim-und-Struppi-Reihe des belgischen Zeichners Hergé, begeistern. Das Buch erschien lange vor der tatsächlichen Mondlandung und entführte seine Leser in eine damals noch weitgehend unvorstellbare Welt. Als im Juli 1969 mit der Apollo-11-Mission der NASA erstmals Menschen den Mond betraten, hatte Nicollier bereits sein Studium der Astrophysik abgeschlossen. Doch auch für ihn blieb ein eigener Raumflug zunächst ein kaum vorstellbarer Traum. «Die Sowjets und die Amerikaner flogen damals ins All, aber doch nicht die Schweizer», erinnert er sich schmunzelnd.

Zunächst arbeitete er als Astrophysiker in der Schweiz und in Chile. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung der Sterne am nördlichen und südlichen Himmel. Gleichzeitig absolvierte er eine Ausbildung zum Militärpiloten. Besonders gerne flog er damals eine Maschine des Typs Hunter – noch ganz ohne GPS und technische Hilfsmittel, die heute selbstverständlich sind. «Das war eine fantastische Lebenslehre! Es ist schwierig, relativ gefährlich, und man muss gut vorbereitet sein.» Die Fliegerei verlangte ihm viel ab, vermittelte ihm aber auch jene Fähigkeiten und Erfahrungen, die ihm später in der Raumfahrt zugutekommen sollten.

«Freude herrscht!» – der erste Schweizer im All

1978 erhielt erstmals eine kleine Gruppe Europäer die Chance, eine Astronautenausbildung zu absolvieren. Claude Nicollier gehörte zu den Auserwählten. Damit wurde er nicht nur der erste Schweizer Astronaut, sondern blieb auch lange Zeit der einzige Schweizer, der tatsächlich ins Weltall flog. Inzwischen gehört mit Marco Sieber, einem Arzt aus Bern, ein weiterer Schweizer zur ESA-Astronautengruppe. Er wurde 2022 ausgewählt und wartet auf seine erste Weltraummission. Einen wichtigen Rat hat Nicollier seinem «Nachfolger» bereits mitgegeben: «Als Schweizer niemals ohne Schokolade ins Weltall fliegen!»

Für Nicollier ging der lang gehegte Traum 1992 in Erfüllung. Mit der Raumfähre Atlantis brach er zu seinem ersten Raumflug auf. Ein Moment, der nicht nur für ihn selbst, sondern für die ganze Schweiz von Bedeutung war. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang der legendäre Ausspruch des damaligen Bundesrats Adolf Ogi. Am 7. August 1992 begrüsste er Nicollier bei einer Live-Schaltung aus dem Verkehrshaus Luzern, während dieser sich an Bord der Atlantis im Weltall befand. «Bonjour Monsieur Nicollier, c’est Adolf Ogi. Grüess Gott, Freude herrscht, Monsieur Nicollier!» Die spontane Begeisterung des Bundesrats wurde zum geflügelten Wort und ist bis heute eng mit dem ersten Schweizer im All verbunden.

Hubble – ein Fenster in die Tiefen des Universums

Zwei seiner insgesamt vier Weltraummissionen führten Claude Nicollier zum Hubble-Weltraumteleskop. Hubble gehört zu den bedeutendsten Instrumenten der modernen Astronomie. Seit seinem Start am 24. April 1990 umkreist es in rund 540 Kilometern Höhe die Erde und richtet seinen Blick weit hinaus ins Universum. Weil es ausserhalb der Erdatmosphäre arbeitet, kann es besonders scharfe Bilder von Sternen, Galaxien und fernen Nebeln aufnehmen.

Claude Nicollier spielte eine wichtige Rolle bei der Wartung und technischen Verbesserung des Teleskops. Kurz nach dem Start hatte sich herausgestellt, dass Hubble aufgrund eines fehlerhaft geschliffenen Spiegels unscharfe Bilder lieferte. Ein schwerwiegender Mangel, der die Wissenschaftler zunächst vor eine grosse Herausforderung stellte. Bei der ersten Wartungsmission im Dezember 1993 half Nicollier mit, das Teleskop mit zusätzlichen optischen Korrekturen und neuen Instrumenten auszustatten. Der Eingriff gelang: Die Bildqualität verbesserte sich entscheidend, und Hubble konnte seine wissenschaftlichen Möglichkeiten endlich voll ausschöpfen. «Hubble ist ein Schatz für Astronomen und auch für das Publikum – zeigt es doch die Schönheit der Himmelsobjekte auf spektakuläre Weise», schwärmt Nicollier.

1999 war er erneut für Hubble im Einsatz, diesmal zum letzten Mal. Bei dieser Mission schrieb er ein weiteres Stück Raumfahrtgeschichte: Als erster Europäer führte er einen Weltraumausstieg aus einem Space-Shuttle durch. In mehr als sechsstündiger Arbeit ausserhalb der Raumfähre installierte er zusammen mit einem Kollegen neue Komponenten am Teleskop und ersetzte wichtige technische Einrichtungen. In der Schwerelosigkeit arbeitete Nicollier buchstäblich vor der Kulisse des Universums.

Die Schönheit unseres Planeten und des Weltalls

Im Laufe seines Vortrags kommt Claude Nicollier immer wieder auf die Schönheit des Weltalls zu sprechen. Seine Begeisterung ist ebenso spürbar wie seine Dankbarkeit, Teil dieser aussergewöhnlichen Entdeckungsgeschichte gewesen zu sein. Er berichtet nicht nur von technischen Herausforderungen und wissenschaftlichen Erfolgen, sondern auch von den persönlichen Eindrücken, die ihm von seinen Reisen geblieben sind.

Eine eindrückliche Bildershow, musikalisch mit Werken von Chopin unterlegt, lässt das Publikum an den faszinierenden Aufnahmen aus dem All teilhaben. Leuchtende Galaxien, geheimnisvolle Nebel und weit entfernte Himmelskörper erscheinen in einer unvergleichlichen Schönheit. Eine weitere Bilderserie zeigt die Erde aus der Perspektive eines Raumschiffs: die Kontinente, die Meere, die Wolkenformationen und die dünne Atmosphäre, die unseren Planeten umgibt.

Mit seinem enormen Wissen, seiner ruhigen und humorvollen Art und seiner ansteckenden Begeisterung gelingt es Nicollier, das Publikum auf eine Reise mitzunehmen, die weit über einen nüchternen, wissenschaftlichen Vortrag hinausgeht. Er vermittelt nicht nur einen Einblick in die technischen und wissenschaftlichen Leistungen der Raumfahrt, sondern auch in das Staunen, das hinter all diesen Errungenschaften steht.

Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus persönlicher Bescheidenheit, grosser Erfahrung und ungebrochener Neugier, die den Abend so eindrücklich macht. Claude Nicollier hat den Weg zu den Sternen tatsächlich geschafft. Und an diesem Abend im «Weissen Rössli» ist es ihm gelungen, ein kleines Stück dieser Faszination nach Mettmenstetten zu bringen.

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