Identität oder Investition?

In Hedingen polarisiert der geplante Abriss alter Häuser im Rahmen der Zentrumsplanung

Das Magnolienhaus, nach dem das Quartier benannt ist. (Bild Erika Schmid-Hauser)

Das Magnolienhaus, nach dem das Quartier benannt ist. (Bild Erika Schmid-Hauser)

Am Bahnhofplatz 5, im sogenannten «Türmlihuus», befand sich einst die Poststelle von Hedingen. (Bild Balint Berg)

Am Bahnhofplatz 5, im sogenannten «Türmlihuus», befand sich einst die Poststelle von Hedingen. (Bild Balint Berg)

Wer in Hedingen am Bahnhof aus dem Zug steigt, sieht mehr als nur Gleise und Busse. Zwischen Bahnhof und Zürcherstrasse steht eine Häuserzeile aus der Zeit der Industrialisierung. Zusammen mit dem Bahnhof Hedingen prägt sie das Dorf seit über hundert Jahren.

Das Gebiet, bekannt als Magnolienquartier, soll im Zuge der geplanten Zentrumsentwicklung teilweise umgestaltet werden. Geplant sind neue Wohnblöcke und eine zusätzliche Erschliessungsstrasse. Dagegen regt sich Widerstand: Jürg Werner, Erika Schmid-Hauser und weitere Einwohnerinnen und Einwohner setzen sich für den Erhalt der bestehenden Gebäude ein. «Es geht nicht um einzelne Häuser», sagen sie, «sondern um ein Stück Dorfgeschichte.»

Hedingen im Wandel

1864 bekam Hedingen eine eigene Bahnstation – ein Wendepunkt für das Dorf. Die Landwirtschaft allein konnte die wachsende Bevölkerung nicht mehr versorgen. Heimarbeiten wie Spinnen und Weben verlagerten sich zunehmend in Fabriken. Mit der Bahn kam der wirtschaftliche Aufschwung, und die Wege in die Stadt wurden kürzer.

Ein Schlüsseldatum in der Geschichte von Hedingen ist der 13. Oktober 1883: An diesem Tag erhielt Gottlieb Näf die Bewilligung für eine mechanische Seidenweberei mit rund 140 Arbeitsplätzen. Nach seinem frühen Tod übernahm sein Neffe Edwin Näf den Betrieb, aus dem 1896 die Seidenwarenfabrik Edwin Näf AG wurde.

In dieser Phase entstanden auch die Häuser rund um den Bahnhof – sichtbare Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs. Dazu gehören auch das ehemalige Restaurant Sternen, heute ein Jugendtreff, und das Helbling-Haus – beide an der Zwillikerstrasse – in dem aktuell 17 junge Asylsuchende leben. «Auf Postkarten tauchen die Häuser rund um den Bahnhof immer wieder auf», sagt Erika Schmid-Hauser. «Und wer so ein Bild anschaut, sieht sofort: Das ist Hedingen.»

Menschen prägen Geschichte

Die Quartiergeschichte zeigt sich nicht nur in Fassaden, sondern auch in Lebensläufen. «Im ‹Türmlihuus›, einem sanft renovierten Haus mit Jugendstilelementen, arbeitete ab 1905 Emilie Häfeli als Posthalterin – eine Pionierin», erzählt Schmid-Hauser.

Zwar gab es in Hedingen schon seit 1844 eine Poststelle, doch bis 1902 wurde sie ausschliesslich von Männern geführt. Am 15. August 1902 ernannte die Oberpostdirektion die junge Emilie Häfeli zur Posthalterin – damals ein ungewöhnlicher Entscheid. Nach ihrer Heirat führte sie das Amt als Emilie Maurer-Häfeli bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1942 weiter. «Viele ältere Einwohnerinnen und Einwohner haben sie noch persönlich gekannt», sagt Schmid-Hauser.

Für die Befürworterinnen und Befürworter des Erhalts ist klar: Wird die Häuserzeile abgerissen, tauscht das Dorf ein Stück Identität gegen bauliche Austauschbarkeit ein. «Man steigt aus dem Zug – und weiss nicht mehr, wo man ist», befürchten sie.

Zentrum im Aufbruch

In den letzten zwanzig Jahren ist Hedingen deutlich gewachsen. Doch im Zentrum blieb die bauliche Verdichtung, die auch vom Kanton gefordert wird, bislang moderat. Projekte wie der Volg oder der sogenannte Juventusblock aus den 1960er-Jahren setzten Akzente, veränderten das Ortsbild aber nicht grundlegend.

2013 überarbeitete der Gemeinderat die Liste der schützenswerten und inventarisierten Gebäude. «Damals entschied man, die Häuser rund um den Bahnhof nicht ins kommunale Inventar aufzunehmen», sagt Ralf Reinhardt vom Bauamt in Hedingen auf Anfrage. Auch die Liegenschaftseigentümerinnen und -eigentümer hätten keinen Schutz gewünscht – ein Entscheid, den der Gemeinderat respektierte. Zudem seien einige Gebäude baulich in keinem guten Zustand mehr.

Derzeit steht im Quartier einzig das Bahnhofsgebäude unter Schutz. Als besonders erhaltenswert gelten vor allem die Bauten in der Kernzone des alten Dorfkerns von Hedingen. Mit Blick auf die geplante Zentrumsentwicklung stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie viel Verdichtung verträgt das Dorf – und was soll erhalten bleiben? Der Gemeinderat verspricht eine hochwertige und nachhaltige Zentrumsplanung. Eine neue und umfassende denkmalpflegerische Gesamtbeurteilung des Quartiers ist jedoch nicht vorgesehen.

Alt trifft Neu

Grundsätzlich lassen sich erhaltenswerte Altbauten in eine neue Überbauung integrieren. Entscheidend sind jedoch die Liegenschaftseigentümerinnen und -eigentümer. «Sie können sich an der neuen Entwicklung im Planungsperimeter beteiligen – oder ihre Häuser erhalten», sagt Ralf Reinhard.

Für Jürg Werner ist klar: Wer sich für historische Gebäude einsetzt, plädiert nicht für Stillstand. «Es geht um ein gutes Gesamtkonzept», betont er. Dieses müsse die Interessen der Allgemeinheit ebenso berücksichtigen wie jene der Eigentümerinnen und Eigentümer.» Entscheidende Fragen gehörten deshalb an den Anfang der Diskussion: Braucht es Alterswohnungen? Einen Jugendtreff? Wohnraum für Asylsuchende? Und wie wird das Projekt finanziert? Solche Themen sollten geklärt werden, bevor die Bagger auffahren.

In Hedingen steht damit eine Richtungsentscheidung an. Noch ist offen, wie das Magnolienquartier in einigen Jahren aussieht. Sicher ist nur: Die Debatte ist in vollem Gang.

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