Im Bann des Zufalls
Wo findet einen das Glück? In den Turnhallen, Gemeindesälen und Beizen dieses Landes, sagen Patricia Bodmer, Mathias Nägelin und Sonja Nägelin. Die drei lieben den Nervenkitzel, und sie finden ihn an Lotto-Matches. Was macht dieses Spiel für sie so reizvoll?
Amateure stellen die Weichen für einen Sieg während des Spiels, Eingeweihte stellen sie davor. Es ist Freitagabend, gegen 19 Uhr, im luzernischen Kriens studieren drei Menschen die Speise-karte. Das Restaurant Wichlern offeriert ein Spezialmenü: Auf dem gefalzten A4-Blatt stehen Kutteln, Buurebratwurst mit Pommes, paniertes Schnitzel oder Cordonbleu, dazu Weisswein aus Epesses oder Mineral aus Knutwil. Noch wissen Patricia, Sonja und Mathias nicht, ob sie heute etwas gewinnen, doch eines können sie mit Gewissheit sagen: Wer geschwächt in das Match startet, hat schon verloren. Willkommen am Lotto-Abend!
Was wäre, wenn? Wenn plötzlich Licht auf die verstaubten Träume fiele? Wenn sich die Chance auftäte, das Leben etwas grösser zu denken, etwas freier. Fernab von der Mietwohnung, die so ringhörig ist und vom Auto, das wenigstens noch fährt, weit weg vom Berufsalltag, in dem man längst nicht mehr auf Ziele, sondern auf den Feierabend hinarbeitet.
Wenn Menschen im Kasino am Roulette-Tisch ihre Chips setzen oder am Spielautomaten die Kirschen rattern lassen, wenn sie Rubbellose kaufen oder Kreuze auf den Lottoschein zeichnen, dann wetten sie gegen die Wahrscheinlichkeit, dass alles so bleibt, wie es ist. Bis das Spiel aufgelöst wird, wandeln sie in der Schwebe zwischen Realität und Hoffnung. Dort entfaltet sich die Essenz, die sie vom Millionengewinn träumen lässt und vom sorg-losen Leben und die sie dazu bringt, eine Runde zu spielen und dann noch eine: ihre Fantasie.
Dem Zufall ein Logik-Schema überstülpen
Für Patricia, Sonja und Mathias gibt es in Kriens keinen Millionenjackpot zu knacken. Sie und ihre drei mitgereisten Freunde spielen um das kleinere Glück. Es warten insgesamt 50 Gramm Gold, Goldvreneli, Fernsehapparate, eine Kaffeemaschine, Geschenkkörbe, Salami oder Käselaibe. Wie gross die Anziehungskraft der Preise ist, zeigt sich bald. Noch bevor das Essen serviert ist, wühlt sich Sonja durch den Tisch mit den Spielkarten. Dort herrscht Andrang. Die meisten Spielerinnen und Spieler folgen bei der Auswahl einem Muster. Sie suchen die Karten nach Geburtsdaten oder Lieblingszahlen ab, mit denen sie in der Vergangenheit Glück hatten. So hält es auch Sonja: Ihre Geburtstagszahlen sollten auf der Karte sein, am besten vereint auf einer. Ebenfalls üppig vertreten sein dürfen die 90 oder die 63, die 11 und die 13, «die werden häufig gezogen», weiss sie.
Nun gehört es zu den kniffligeren Angelegenheiten, über den Zufall ein Logikschema zu stülpen. Im Zahlen-lotto, der grossen Schwester des Saal-Lottos, werden zwar Statistiken erstellt, welche Zahlen besonders häufig gezogen werden. Wie man diese Ergebnisse interpretiert, hängt indes davon ab, welcher Theorie man folgt. Entweder man glaubt, dass die am häufigsten gezogenen Lottozahlen auch weiterhin häufiger zum Zug kommen. Oder man nimmt an, dass nach einer endlichen Anzahl von Ziehungen alle Zahlen gleich oft gezogen sein werden. So kann man davon ausgehen, dass die bisher selteneren Zahlen im Lauf des Spiels «aufholen» werden. Wie man es auch dreht: Eine Gesetzmässigkeit gibt es nicht. Die Wahrscheinlichkeit wirkt nicht autokorrektiv, sie gleicht Unregelmässigkeiten nicht aus. Die Gewinnchancen sind also in jeder Runde gleich.
Glücksgefühle beim «Lotto!»-Rufen
Um 20 Uhr meldet sich der Speaker durch die Lautsprecheranlage. Im Restaurant wird es still. Es folgt die erste Runde, 18 werden es bis nach Mitternacht sein. Pro Runde werden vier Durchgänge gespielt: In den ersten drei darf «Lotto!» rufen, wer auf seiner Karte am schnellsten eine Zahlenreihe abdecken kann. Am Schluss jedes Gangs geht es um die ganze Karte.
«Lotto!», «Lotto!», Lotto!» – es geht Schlag auf Schlag. Der mit Teigwaren gefüllte Rucksack wird verschenkt und das Öl- und Essig-Set, der Raclette-Grill und die Tortilla-Maschine. Nach etwa 25 Zahlen wird die erste Glückszahl von Sonja gezogen. «Neunzig», sagt der Speaker, und sie raunt: «Hab ich doch gesagt, die 90 kommt immer.»
Wenn das Glück vorbeizieht, muss man es zackig festhalten. Die Zahlen folgen innert Sekunden, wer nicht sofort schreit, bevor die nächste verkündet ist, hat Pech. Mathias erinnert sich bestens an den Abend, als sein Kumpel die Reihe voll hatte – und dann zu schüchtern war, um zu rufen. Weg war das Fleisch-Plättchen. Ihm wäre so etwas nicht passiert. Einmal, als der Zufall einen ausgab und ihm ein «Lotto!» bescherte, sei dem Knaben neben ihm vor Schreck fast das Smartphone aus den Händen gefallen. Auch Patricia findet, das Rufen sei das Beste am ganzen Spiel. Als sie eines Abends nach langer Pechsträhne endlich wieder «Lotto!» rufen durfte, habe sie sich wahnsinnig über ihr Glück gefreut. Auch wenn sie, die keinen Alkohol trinkt, drei Flaschen Rotwein gewann.
Warum freuen sich Menschen am Lotto-Abend über Alkohol, der ihnen nicht schmeckt oder einen Sonntagszopf, den sie sich problemlos leisten könnten? «Es geht nicht so sehr darum, was man gewinnt», sagt Patricia. Es sei einfach schön, für einen Moment die Nase vorn zu haben, sich etwas ausnahmsweise nicht erarbeiten zu müssen, es stattdessen geschenkt zu kriegen. Früher oder später entwickelt man wohl eine pragmatische Einstellung zu den Preisen. Ihren bisher wertvollsten Hauptpreis, eine Seilbahnfahrt samt Übernachtung auf dem Pilatus im Wert von 500 Franken, verkaufte sie im Internet – Höhenangst. Und als ihr Partner Mathias einmal im Aargau an einem Metzgerlotto teilnahm, gewann er einen lebendigen Hasen. Als er den Wirt bat, das Tier sogleich zu schlachten, gab es Protest im Saal, sodass er einknickte und den Hasen seiner Cousine schenkte.
Zitternde Hände, kurz vor dem Coup
Das Trio ergatterte aber auch schon Preise, die richtig Freude bereiteten. 2019 hat Sonja zwei Goldvreneli im Gesamtwert von 500 Franken gewonnen. Das Edelmetall zieht auch an diesem Abend im Restaurant Wichlern. Als der erste Goldbarren angekündigt wird, werden an fast allen Tischen für ein paar Franken weitere Spielkarten dazugekauft. Viele von ihnen spielen aber bereits mit vier oder fünf Karten, für die sie am Wühltisch 25 Franken pro Stück bezahlt hatten. Das Goldbärreli, zarte zwei Gramm leicht und 120 Franken wert, lockt also direkt in ein finanzielles Nullsummenspiel. Oder schlimmer.
Sonja sagt, mindestens so schön am Lotto wie das Rufen sei das Mitfiebern. Besonders, wenn man «offen» sei, wenn also nur noch eine Zahl fehle bis zum Coup, steige der Nervenkitzel. Zu beobachten ist das bei Patricia. Als im Lauf des Abends wieder zwei Gramm Gold auf dem Spiel stehen, fehlt auf einer ihrer Karten noch eine einzige Zahl. Nun hofft sie, dass der Speaker «Vierzig» ruft. Auf dass es Glück bringe, wischt sie die Plättchen zur Seite und platziert die Karte zwischen Stuhlsitz und Hintern. Ihre Hände zittern...
«Achtundzwanzig!»
Das Gold sichert sich ein anderer, der Triumph muss warten. «Je länger der Abend, desto mehr will man etwas gewinnen», sagt Patricia, und wirkt dabei ein bisschen enttäuscht. Sonja, die bisher auch noch kein Glück hatte, kann das nachempfinden. Es komme beim Lotto auch auf den Speaker an. «Wenn der immer dieselben Zahlen zieht, frage ich mich schon», sagt sie lachend.
Aber dann, im Durchgang mit den Geschenkkörben ist er da, Patricias Moment. «Lotto!», ruft sie, und als sie das Set mit Pasta, Essiggurken und Maiskölbchen in ihren Händen hält, strahlt sie hinter dem Zellophanpapier hervor: «Jetzt gehts mir gut!»
Auch Mathias gewinnt noch. Leider nicht die 25 Gramm Gold, um die im letzten Durchgang gespielt wird. Auch die anderen Ämtler am Tisch gewinnen, nur Sonja geht leer aus. Auf der Rückfahrt, nach fast viereinhalb Stunden Lotto, sagt sie: «Wenn es Mitternacht ist und die letzte Runde startet, dann wünsche ich mir manchmal, das Spiel würde nochmals von vorne beginnen.» Es macht zu viel Spass, um aufzuhören.






